Interview

«Funk-Kontakt» mit dem Direktor der BVB: «Wir setzen auf die Eigenverantwortung»

Bruno Stehrenberger am Hauptsitz der BVB: «Ich bin froh, wieder mehr soziale Kontakte zu haben.»

Bruno Stehrenberger am Hauptsitz der BVB: «Ich bin froh, wieder mehr soziale Kontakte zu haben.»

Bruno Stehrenberger spricht über Kurzarbeit in seinem Betrieb, laschen Umgang mit Masken – und was ihm am Gundeli gefällt.

In diesen Zeiten muss auch das Nähkästchen zu Hause bleiben. Stattdessen erreichen wir Persönlichkeiten aus der Region am Telefon: «Funk-Kontakt» heisst die Rubrik, garantiert ohne Ansteckungsgefahr. Heute mit Bruno Stehrenberger, Direktor der Basler Verkehrs-Betriebe.

Herr Stehrenberger, wo erreichen wir Sie?

Bruno Stehrenberger: In meinem Büro am Claragraben.

Haben Sie nie im Homeoffice gearbeitet während des Lockdowns?

Doch, etwa zu 50 Prozent. Allerdings sind bei der BVB etwa 900 Personen täglich draussen unterwegs, sei es das Fahrpersonal, die Handwerker in den Werkstätten oder auch Bauarbeiter – die Gleissanierungsarbeiten liefen ja weiter. Da ist es wichtig, dass man als Chef da ist und Präsenz markiert.

Sie gelten – anders als manch Vorgänger – als nahbarer Chef. Hat sich die Stimmung unter den Mitarbeitenden seit Ihrem Antritt im vergangenen Sommer verbessert?

Es macht sich langsam eine gewisse Entspannung im Umgang miteinander bemerkbar. In der Zeit des Lockdowns habe ich eine Welle der Solidarität erlebt, auch viel Verständnis dafür, dass die Planung von Tag zu Tag ändert. Da gab es viele gute Gespräche. Allerdings gelingt ein nachhaltiger Wechsel der internen Kultur nicht von heute auf morgen. Gerade, was das Thema Vertrauen anbelangt, das doch angeknackst war. Auch deshalb werden wir frühestens im Herbst 2021 eine Mitarbeitendenumfrage durchführen.

Wie kamen Sie im Homeoffice klar?

Den Digitalisierungsschub erlebte ich als sehr positiv, wir haben quasi von einem Tag auf den anderen umgestellt und es hat prima funktioniert. Vor der Krise wurden bei der BVB kaum Videokonferenzen durchgeführt. Aber ich bin nach diesen Wochen schon froh, wieder mehr soziale Kontakte zu haben – mir wurde in dieser Zeit so richtig bewusst, was es heisst, Freiheit zu geniessen. So geht es auch den Mitarbeitenden, sie kommen gerne zurück ins Büro – natürlich nur, wenn die Abstandsregelung umgesetzt werden kann. Und jene, die lieber zuhause arbeiten wollen und können, dürfen das natürlich.
Seit Montag läuft wieder der normale Fahrplan. Die BVB empfiehlt den Fahrgästen, Schutzmasken zu tragen. Das tun nur die wenigsten. Das habe ich auch festgestellt. Es scheint, dass unsere Gesellschaft an diesen neuen, einschränkenden Vorgaben hadert.

Bestehen Überlegungen, in Tram und Bus Masken aufzulegen?

Tatsächlich wurde das national von den Systemführern des öffentlichen Verkehrs diskutiert. Logistisch ist das allerdings nicht machbar. Bei Normalbetrieb zählt die BVB 350'000 Fahrten in Tram und Bus – täglich. Zurzeit etwa die Hälfte. So viele Masken stehen uns nicht zur Verfügung. Wir müssen also sehr stark auf die Eigenverantwortung der Menschen setzen.

Tragen Sie selber eine Maske, wenn Sie unterwegs sind?

Wenn ich den Sicherheitsabstand von zwei Metern nicht einhalten kann, ja. Nicht wenige Trams sind aber noch ziemlich leer unterwegs. In so einem Fall trage ich keine. Ausserdem versuche ich es zu vermeiden, zu Stosszeiten unterwegs zu sein, beim Einkaufen etwa. Ich wohne im Gundeli; um 21 Uhr hat es beim Detailhändler im Südpark praktisch keine Menschen mehr.

Vor rund einem Jahr, als Sie zum neuen BVB-Direktor ernannt wurden, wohnten Sie noch im Kanton Bern.

Ja, ich habe schon damals gesagt, dass ich so bald wie möglich hierhin ziehen möchte.

Wie hat es mit dem Einleben geklappt?

Sehr gut, ich arbeite schon seit mehr als drei Jahren in Basel und fühle mich wohl hier. Gerade das Gundeli ist wunderbar, da ist viel Leben in den Strassen, das Angebot an Restaurants und Cafés ist auch toll.

In den vergangenen Wochen hat sich das Leben in die eigenen vier Wände verlagert. Viele haben die Zeit genutzt, um auszumisten, den Garten umzugestalten und so weiter. Was für Arbeiten haben Sie erledigt?

(lacht) Keine, da fehlte mir die Zeit dafür. Ich stand quasi sieben Tage die Woche im Einsatz. Wir führten die BVB im Taskforce-Modus, es gab unheimlich viel zu regeln, jeden Tag mussten neue Fragen geklärt werden. Die kurzfristige Umstellung auf den reduzierten Fahrplan und auf das Schutzkonzept war eine grosse Herausforderung.

Die BVB stand nicht still. Und trotzdem wurde Kurzarbeit beantragt. Das kam beim Gewerbeverband und einigen Politikern nicht gut an, weil das Unternehmen 30 Jahre Überstunden angehäuft hat.

Ich verstehe die Kritik. Was viele nicht wissen: Es gab eine klare Empfehlung des Bundesamts für Verkehr an sämtliche Transportunternehmen, vorsorglich Kurzarbeit anzumelden. Und dem sind wir gefolgt. Damit ist noch nicht entschieden, ob unser Antrag vom Kanton bewilligt wird und ob es jemals zu Auszahlungen kommen wird.

Wurde aufgrund des reduzierten Pandemie-Fahrplans die Gelegenheit genutzt, Überstunden abzubauen?

Natürlich – in Absprache mit dem Personal. Der Zeitabbau läuft aber schon seit Monaten, wir sind auf Kurs. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden 9000 Stunden abgebaut. Seit Ende vergangenen Jahres konnte auch der Mangel an Fahrpersonal ausgeglichen werden. Damit sollten keine neuen Überstunden entstehen.

Kurzarbeit ist ein Instrument, um Entlassungen zu verhindern und einen drohenden Konkurs abzuwenden. Das sollte bei einem staatsnahen Betrieb ja nicht der Fall sein.

Dieses Risiko besteht bei uns nicht, richtig. Aber Sie müssen schon sehen: Während des Lockdowns verzeichneten wir rund 80 Prozent weniger Fahrgäste, aktuell rund 50 Prozent weniger. Die Erlöse sind weggebrochen bei gleichbleibenden Fixkosten. Das wirkt sich entsprechend negativ auf das Jahresergebnis aus. Wir rechnen Stand heute mit einem tiefen zweistelligen Millionenverlust. Jenen Betrag, den wir allenfalls aufgrund unseres Kurzarbeitantrags erhalten würden, wäre nur ein Bruchteil davon.

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