David J. Rowland gehört zu den besten seines Fachs. Der New Yorker Anwalt hat sich mit seiner kleinen Kanzlei Rowland & Petroff darauf spezialisiert, Erbschaften zu erstreiten. In den nächsten Wochen trifft er Felix Uhlmann, den Präsidenten der Basler Kunstkommission, also des Aufsichtsgremiums des Kunstmuseum Basel. Denn mit den Baslern hat Rowland seit zehn Jahren eine Rechnung offen. 2008 lehnte die Regierung eine Restitutionsforderung, die Rowland für die Erben des Berliner Kunstsammlers Curt Glaser erhoben hatte, schnöde ab – mit fehlerhafter Begründung, wie sich mittlerweile erwiesen hat. Nun ist die Forderung wieder auf dem Tisch.

Rowland gibt sich bedeckt. Auf Medienanfragen reagiert er grundsätzlich nicht. Der schwedische Journalist Anders Rydell hat den Hintergrund des Anwalts für das Buch «Hitlers Bilder» recherchiert: Nach dem US-Examen arbeitete Rowland Ende der 1980er-Jahre während dreier Jahre in deutschen Anwaltskanzleien, um die Sprache zu lernen. Kaum zurück in den USA, fiel die Berliner Mauer und ihm damit ein goldenes Geschäft in den Schoss: Über 2,5 Millionen Immobilien, die von den Nationalsozialisten konfisziert und von der DDR verstaatlicht worden waren, harrten der Rückführung an die ehemaligen Eigentümer. Tausende davon lebten in den USA. Anwalt Rowland beherrschte die Sprache und hatte die anwaltschaftlichen Kontakte.

Auf Immobilien folgte Ende der 1990er-Jahre Kunst. 1998 wurde die Washingtoner Erklärung erlassen, in der internationale, wenn auch nicht verbindliche Grundsätze formuliert sind für den Umgang mit Kunst, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden war. Sie lieferte Rowland die juristische Grundlage, um Rückforderungen im grossen Stil zu stellen.

Rowland wartet nicht darauf, bis er von Erben um Hilfe angegangen wird. Er macht eigene Provenienzforschung und holt sich das Einverständnis der Erben, um gegen die neuen Eigentümer vorzugehen. Wie im Immobilienbusiness ist auch bei der Kunstrestitution eine hälftige Beteiligung am Erlös branchenüblich. Mit Robert Livant, einem Pop-Gitarristen aus New York, und Valerie Sattler, einer in Nürnberg lebenden klassischen Cellistin, vertritt Rowland die fernen Nachfahren von Curt Glaser, dessen einzige leibliche Tochter Eva Renate 1943 im Alter von acht Jahren starb.

Glaser musste 1933 seine Dienstwohnung an der Berliner Prinz-Albrecht-Strasse räumen, als das ehemalige Hotel zum Hauptquartier der Gestapo auserkoren wurde. Im Mai 1933 verkaufte er das Inventar samt umfangreicher Kunstsammlung, die er mit seiner ersten Frau aufgebaut hatte, auf drei Versteigerungen bei zwei Auktionshäusern. Einen Monat zuvor war der bereits 2011 vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Glaser als Direktor der Staatlichen Kunstbibliothek beurlaubt worden. Es hielt ihn nichts mehr in Deutschland. Via die Schweiz emigrierte er mit seiner zweiten, jüdischen Frau Maria Milch in die USA, von wo er zuvor schon begeistert über die neue Wolkenkratzer-Architektur berichtet hatte.

Curt Glaser ist für Rowland ein Glücksfall. Der Kunsthistoriker, der ebenso Architekturkritiker wie Kunstsammler war, hatte seinen Besitz säuberlich aufgelistet. Insgesamt 1800 Fundstellen sind im Register Lostart des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste verzeichnet. Die Eintragungen umfassen einzelne Gemälde (161), Grafiken und Zeichnungen (912) bis zu Möbeln (113) und ein 90-teiliges Wedgwood-Porzellanset. Auf jedes aufgelistete Stück hat Rowland & Petroff vorsorglich Hand gelegt.

Die Abwicklung von Restitutionsforderungen läuft hervorragend für Rowland. Gleich zwei Abschlüsse konnte er in den vergangenen Monaten abschliessen – ohne dafür wirklich etwas tun zu müssen.

Die neuesten Erfolge

Anfang Februar hat das Museum Bamberg bezahlt. Im Rahmen der Ausstellung «Spurensuche» ist das Museum auf die Zeichnung «Ostchor des Bamberger Doms» von Georg Christian Wilde gestossen (Abb. 1). Als die Kuratorin bemerkte, dass die Zeichnung unter einem anderem Titel bei Lostart verzeichnet ist, ging das Museum auf Rechtsvertreter Rowland zu. Museumsdirektorin Regina Hanemann erzählt, man habe sich auf einen Gutachter geeinigt, der den Marktwert schätzte. Diesen Preis habe das Museum den Erben bezahlt und damit das Werk «zurückgekauft».

Über den Betrag haben die Parteien – usanzgemäss – Stillschweigen vereinbart. Eine Grobschätzung lässt jedoch annehmen, dass Glasers-Erbverwerter bisher mehr als sieben Millionen Franken gelöst haben. Damit lassen sich nicht nur die Erben bedienen, sondern auch weitere Restitutionsverfahren finanzieren.

Eigeninitiative der Anwälte war allerdings auch beim zweitjüngsten und wohl erfolgreichsten Abschluss nicht verlangt: Das Gemälde «Psyche wird von Merkur in den Himmel getragen» von Bartholomäus Spranger, einem Maler des 16. Jahrhunderts, wurde im vergangene Dezember für 3,37 Millionen Pfund bei Christie’s London versteigert (Abb. 2). Glaser hatte das Werk 1933 in die Auktion gegeben, den Zuschlag erhielt Wolfgang Gurlitt. Dieser brachte es 1965 selbst zu einer Auktion, wo es von einem unbekannten Sammler erworben wurde. Die Kunsthistorikerin Sally Metzler, die an einer Monografie über den Maler Spranger arbeitet, war seit Jahren auf der Suche nach dem Bild. Der Sammler hörte davon und trat auf Metzler zu. Als sie ihm sagte, das Bild sei auf Lostart ausgeschrieben, ging der Sammler auf Rowland zu. Es kam zur Einigung und das Bild wurde neuerlich versteigert. Der Schätzwert lag zwischen 400 000 und 600 000 Pfund, der Zuschlag erfolgte beim rund Sechsfachen dessen.

Die grosse Welle

Rowlands erste Erfolgswelle von Glaser-Restitutionen trug zwischen 2012 und 2014, als die Kunsthäuser von Berlin, Nürnberg, München und Köln sich des Kunstraubs Abbitte leisteten.

Den Anfang machte die Berliner Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Sie restituierte vier Werke von Edvard Munch und Ernst Ludwig Kirchner. Vier Monate nach dem Deal wurde Munchs Radierung «Junge Frau am Strand» bei Christie’s London an einen unbekannten Telefonbieter für 2,1 Millionen Pfund verkauft (Abb. 3). Auch dieser Farbdruck war zuvor mit 500 000 bis 700 000 Pfund deutlich niedriger geschätzt worden.

Nürnberg restituierte nach anfänglichem Zögern vier Bilder und entschädigte dafür die Erbengemeinschaft «angemessen». Gleiches machte die Bayrische Staatsgemäldesammlung mit zwei Aquarellen von Max Pechstein unter dem neuen Claim einer «fairen und gerechten Lösung» (Abb. 4). Die Stadt Köln schliesslich band zwei Restitutionsfälle zusammen. Über die Schenkung einer Stiftung war sie in Besitz von fünf Zeichnungen aus dem ursprünglichen Glaser-Fundus gekommen. In einem «von Sachverstand, Respekt und Fairness getragenen Verfahren», so der Wortlaut der amtlichen Mitteilung, habe man sich auf die Zahlung einer «angemessenen Entschädigung» geeinigt (Abb. 5).

Glasers Familienzwist

Die ersten grösseren Rückführungen erfolgten 2007, als Hannover nach umfangreichen Recherchen die «Römische Campagna» von Lovis Corinth an die Glaser-Erben zurückgegeben hatte (Abb. 6). Hannover hatte das Werk 1949 in einem Konvolut von mehr als hundert Werken mit grossteils ungeklärter Provenienz vom Sammler Conrad Doebeke übernommen. Die Glaser-Erben gaben das Werk 2010 bei Sotheby’s an eine Auktion, wie einem Katalog zu entnehmen ist.

Ein fünfjähriger Rechtsstreit wogte um die «Strasse von Kragerö» von Edvard Munch (Abb. 7). Glaser hatte das Gemälde 1933 treuhänderisch seinem Bruder Paul übergeben, der es dem jüdischen Stahlmagnaten Albert Ottenheimer verkaufte. Dokumentiert war jedoch, dass Ottenheimer das Bild bei einer Galerie erworben hatte, die es direkt vom Künstler gehabt haben wollte.

Curt Glaser war teufelswild auf seinen Bruder und wollte das Bild 1936 zurück, vergebens. Ottenheimer musste 1937 selbst in die USA emigrieren, wo er sich als Albert Otten niederliess. Seine Nachkommen verkauften das Gemälde 2002 bei Sotheby’s für 1,5 Millionen Dollar. Nun wurde Ellen Ash Peters vorstellig und klagte gegen das Auktionshaus. Die Frau war die Tochter von Maria Glaser, der zweiten Frau Glasers, die nach seinem Tod 1943 einen Mr. Ash heiratete.

Vor einem New Yorker Gericht versuchte die Glaser-Erbin nachzuweisen, der Munch sei widerrechtlich an Otten verkauft worden. Nach vorliegendem Gerichtsurteil blitzte sie ab, 2007 kam es jedoch zu einer aussergerichtlichen Einigung. Mit Restitution im engeren Sinne hatte diese zivilrechtliche Auseinandersetzung allerdings nichts zu tun.

Ohne rechtlichen Druck

Ausserhalb von Deutschland war es nach den vorliegenden Unterlagen lediglich das niederländische Restitutionskomitee, das 2010 die Rückgabe der «Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern» von Jan van de Velde empfahl. Auch dieses Bild hatte Glaser 1933 zur Auktion gegeben (Abb. 8). Das Rijksmuseum von Amsterdam fand einen Sponsor, der das Bild wieder zurückkaufte.

Rowland scheint sonst wenig erfolgreich auf dem internationalen Parkett Glaser-Werke restituieren zu können. Neben Basel und Zürich lehnte auch London Forderungen nach Rückgaben ab. Offenkundig im Sinne eines Entgegenkommens hatte das Basler Kunstmuseum jedoch um die Jahrtausendwende ein Doppelporträt von Curt Glaser und seiner ersten Frau Elsa von Edvard Munch ausgehändigt. Eine solche Lithografie wurde 2002 bei Christie’s London für 2900 Pfund vergantet (Abb. 9).

Auf harte rechtliche Auseinandersetzungen hat es Rowland & Petroff allerdings nicht angelegt, wie die Praxis zeigt. So ist beispielsweise die Provenienzgeschichte des «Frankfurter Dom» von Ernst Ludwig Kirchner recht gut bekannt (Abb. 10). Nach Glaser kam das Bild zunächst in die Sammlung Arnold Budczies, dann in die Sammlung Professor Anselmino, Ende der 1980-er Jahre zum Kunsthändler Wolfgang Wittrock und in den Jahren 1990 und 1997 wurde es von Sotheby’s angeboten. Das Bild ist auf Lostart aufgeführt, eine Restitution hat dennoch bis heute nicht stattgefunden.

In der Schweiz befindet sich wohl die «Bar» von Paul Kleinschmidt. Glaser brachte das expressionistische Werk noch von Deutschland 1935 nach Zürich. Er liess es bei seiner Emigration in der Schweiz, 1996 tauchte es bei einer Auktion der Villa Grisebach auf und war danach in der Sammlung des deutschen Musicalkönigs Rolf Deyle, der 2013 verstarb. Zugriffsmöglichkeiten hätte es gegeben, von Restitution war bisher jedoch nicht die Rede.

Eine Kaskade von Restitutionen

Eine spezifische Konstellation ergibt sich mit zwei Blättern von Jean-Baptiste-Camille Corot. Diese waren wie die Basler Erwerbungen im Mai 1933 bei Max Perl versteigert worden. Sie kamen noch im gleichen Jahr zur Kunsthalle Bremen, die gegen Kriegsende ihre Schätze zum vermeintlichen Schutz im mecklenburgischen Schloss Karnzow unterbrachte. Dieses wurde jedoch von der russischen Armee erobert, die das Kulturgut nach Russland brachte. Die Corot-Zeichnungen sind heute Teil der Sammlung Baldin. Seit gut fünfzehn Jahren verhandelt die deutsche Regierung über die Rückkehr der Sammlung nach Deutschland. Rowland wartet ab: Sollten die Blätter je wieder zur Kunsthalle Bremen zurückkehren, wird er wohl seine eigenen Restitutionsforderungen stellen.

Was Rowland & Petroff genau von Basel will, ist nicht bekannt. Die Kanzlei nimmt auf Anfrage nicht Stellung. Das Basler Kunstmuseum wartet ab. Der Entscheid liegt bei der Basler Regierung.