«Die Toteninsel»

Finde den Fehler: Basels berühmteste Insel ist ein Bschiss

Basler Urversion von Arnold Böcklins «Die Toteninsel» (1880).

Basler Urversion von Arnold Böcklins «Die Toteninsel» (1880).

Maler Arnold Böcklin (1827–1901) war jedes Mittel recht, um seine Kunst theatralisch zu überhöhen.

Der Traum von der einsamen Insel ist überbewertet. Für diese Einsicht genügt ein Ausflug ins nahe Kunstmuseum Basel. Dort hängt das Musterbeispiel eines solchen Eilands: Arnold Böcklins «Die Toteninsel». Unbehauster geht nicht.

Ein «Bild zum Träumen» sollte der bedeutendste Schweizer Vertreter des Symbolismus im Auftrag einer reichen Witwe erschaffen und griff dabei auf die Idee für ein Gemälde zurück, das heute als Urversion der «Toteninsel» in Basel zu sehen ist. Für die Witwe variierte er das Grundmotiv: die abendlichen Klippen, die Trauerzypressen, die spiegelglatte See. Nachträglich fügte Böcklin beiden Fassungen ein Boot hinzu, das mit einem Sarg und einer weiss verhüllten Gestalt über das Wasser gleitet.

«Es soll so still werden, dass man erschrickt, wenn an die Tür gepocht wird», sagte der Maler über sein Werk, von dem er zwischen 1880 und seinem Todesjahr 1901 sechs Versionen anfertigte. Die dritte Fassung gelangte in den ­Besitz des gescheiterten Kunstmalers Adolf Hitler, Sigmund Freud begnügte sich – wie ein Grossteil der entzückten Bourgeoisie – mit einer Reproduktion. Und erkannte in der Fin-de-siècle­Morbidität doch nur wieder den unterdrückten Sexualtrieb: Einem Phallus gleich ziele der Kahn zwischen die offenen Schenkel der Insel…

Pfusch oder Berechnung?

Bloss – der Eindruck täuscht. Der Kahn fährt nicht zur Insel. Wie die weisse Gestalt dreht uns auch die Person am Ruder den Rücken zu. Da es sich bei dem Bootstyp weder um eine Gondel noch um einen Basler Weidling handelt, auf denen sich die Ruderer in Blickrichtung bewegen, wird klar: Bei aller Stille, bei aller Schicksalsschwere erweist sich der sublime Schauer der «Toteninsel» als Kulissenschieberei. So intuitiv stimmig es erscheint, die Identität der Passagiere zu verhüllen, verkehrt das nautische Detail den Pathos der Reise ohne Wiederkehr in eine Farce.

Kitsch befriedigt die Sehnsucht nach echten Gefühlen durch kalkulierte Effekte, die das Gefühl von Sehnsucht erst erzeugen. Im Fall der «Toteninsel» ist es der Lustgrusel, dem sich das gelangweilte Bürgertum hingab, heute lockt das Hochglanz-Inselparadies mit seinem Versprechen von Freiheit. Für den gefeierten Malerfürsten Böcklin, der ein Leben lang dem Traum vom Fliegen nachhing, war der postume Sturz aus der Gunst der Kunstgeschichte tief. Der Basler, so der deutsche Impressionismus-Verfechter Julius Meier-­Graefe kurz nach dessen Tod, vereine «in einer Person alle Sünden der Deutschen gegen die Logik der Kunst».

Ein harsches Urteil, aber trifft es auch zu? Ob er das Boot aus Versehen oder mit voller Absicht falsch gemalt hat, lässt sich nachträglich nicht sagen; dass er den Fehler in allen Versionen beibehielt, spricht weder dafür, noch dagegen. Aber vielleicht war Böcklin schon viel weiter, wenn er forderte: «Die Kunst soll so wirken, dass der Beschauer weinen oder vor Lachen sich den Bauch halten muss.» War «Die Toteninsel» überhaupt ernst gemeint?

Lachen wir im Zweifelsfall also mit Böcklin über seinen weltberühmten, schauderhaften Schinken: Ironie ist die beste Rückversicherung gegen jede Art von Geschmacksverirrung.

Ausstellung: «Böcklin begegnet», Kunstmuseum Basel.

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