Basler Fasnacht 2018
Einmal als Alti Dante in der ältesten Basler Chaise Mimösli verteilen – ein Erlebnisbericht

Die vermeintlichen Waggisse der Breesmeli Chaise erlebten an ihrem 40. Geburtstag eine Überraschung der uniformierten Art und machten mit ihren Mimösli so manches Mami glücklich.

Martina Rutschmann
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Ein alter «Hase» (oder Pferd) im Chaisen-Business.
12 Bilder
Die Männer der Breesmeli Chaise montieren im Schützenmattpark das Schild.
– bald kann es losgehen.
Zum Glück wird dann den Pferden das Ziehen überlassen.
Reporterin Martina Rutschmann freut sich auf ihr erstes Mal als Alti Dante.
...
In der Stänzlergasse geht es noch ruhig zu und her – aber nicht mehr lange.
Die Pferde Gabi und Loris kennen das Rösslispiel aber schon.
...
Mimösli von der alten Dame gefällig?
Chaisen Martina
Das isch ebbe Fasnacht – immer dasselbe Rösslispiel.

Ein alter «Hase» (oder Pferd) im Chaisen-Business.

Juri Junkov

Da sitzt ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Denn unter der Larve, da konnte ich kaum etwas sehen. Wie also soll ich wahrheitsgetreu über meine erste Fahrt als Alti Dante auf einer Chaise berichten? Soll ich es den Pferden, die mich zogen, gleichtun und mich auf meinen Instinkt verlassen? Der sagt mir nämlich, dass da einiges im Argen liegt bei der Jugend. Als Alti Dante darf ich das behaupten, ich lebe schliesslich seit Ewigkeiten – und als Bildungsbürgerin bin ich ausserdem verpflichtet, den Jungen den Marsch zu blasen. Ich bin kein Waggis, kapiert das endlich! Und Habgier ist mir zuwider, auch wenn ich einen anderen Eindruck mache.

Aber lasst mich von Anfang an erzählen. Es war ein Anfang ohne Mimösli und Goschdym, dafür mit einem Auto aus dem Kanton Aargau. Dieses stand am Morgen im Schützenmattpark. Hinter ihm: ein Wagen mit zwei Heu fressenden Pferden drin. Gabi und Loris, Mutter und Sohn, 24 und 20 Jahre alt, Freiberger. Ihr Chef, Kutscher Bernard Monnier, hatte die zwei nach Basel gebracht. Und das nicht zum ersten Mal. Gabi und Loris sind seit vielen Jahren aktive Fasnächtler. Seit sechs Jahren ziehen sie die älteste Basler Chaise, die Breesmeli Chaise, durch den Cortège. Die Pferde kennen den Ablauf: Anfang Nachmittag gehts mit der Kutsche im Anhang los in die Stadt zu den Breesmeli, die seit 40 Jahren dabei und entsprechend locker drauf sind.

«Warum sind Sie da?»

Nichts kann die Gründer Suzanne und Lothar Hollenstein aus der Ruhe bringen. Nicht die Tatsache, dass die Kutsche um 14.15 Uhr am Kohlenberg losfahren sollte, die Mimösli um 14 Uhr aber noch zusammengebunden in Schachteln liegen. Auch nicht, dass der Reporterin die Larve zu eng ist und schnell eine Lösung her muss (zum Glück hängt im Breesmeli-Keller eine Larve, die passt). Selbst, wenn es in Strömen regnen würde – die beiden würden locker bleiben. Nur etwas bringt Lothar Hollenstein aus der Ruhe, um nicht zu sagen: in Rage.

Es sind nicht die Tierschützer um den Polizisten Olivier Bieli, die ein Verbot von Chaisen fordern – und strengere Auflagen erkämpft haben. Zwar hat Hollenstein die geforderten Dokumente nicht ohne zu Murren eingereicht, aber er hat sie eingereicht. Was ihn am Cortège sauer machte, waren zwei Polizisten beim Tierarzt-Checkpoint am Riehenring. «Warum sind Sie da?», fragte die Alti Dante Hollenstein die beiden. «Wir unterstützen die Tierärztin, damit sie nicht alles nochmals erklären muss», antwortete einer der Polizisten. Was das den Steuerzahler kostet! Hollenstein war ausser sich – und seine Laune wurde nicht besser, als die Tierärztin nach den Namen von Gabi und Loris fragte.

Hollenstein hatte deren Pässe zusammen mit den anderen Dokumenten eingereicht, warum also fragt die Frau nach? Ihm platzte der Kragen. Er verweigerte eine Kontrolle durch die Tierärztin, zumal eines der Pferde Angst vor Tierärzten habe – und überhaupt: «Stichproben waren angekündigt! Und jetzt wird jedes einzelne Pferd kontrolliert?» Die Pferde vor uns wurden beide kontrolliert, das konnten wir beobachten, während wir warteten. Und nach uns? Die Sintflut. Oder allenfalls Subventionskürzungen durch das Fasnachts-Comité. Mit anderen Konsequenzen rechnet Hollenstein nicht.

Zur gleichen Zeit filmen Tierschützer andere Pferde von anderen Chaisen, eines schäumt, ein anderes ist sediert. Bei den Breesmeli-Pferden ist beides nicht der Fall. «Sie sind sich die Fasnacht gewohnt und werden nicht sediert», sagt der Kutscher. Mehrmals hält er an, stets an einem verhältnismässig ruhigen Ort – und Gabi und Loris, die alten Tanten und der Waggis-Gast, dürfen durchatmen. Es ist ein Genuss, die Larve für einen Moment abzunehmen und die Umwelt zu erkennen. Denn kaum sitzt die Larve wieder auf dem Kopf, fängt es von Neuem an: «Waggis! Darf ich Blumen für mein Mami?» Da muss man aufpassen, dass man sich nicht wie ein Waggis verhält, einem kein «hösch!» herausrutscht oder Schlimmeres, so etwas ziemt sich nicht für eine Dame.

«Gisch mr irgendöbbis?»

Umgekehrt gehört es sich nicht, zu viele Gefühle zu zeigen. Dabei würde ich so gern jedem, der mir «Alti Dante!» zu ruft, um den Hals fallen. Es ist so wunderbar, als das bezeichnet zu werden, was man ist: eine alte Schachtel.

Aber was tun, wenn es heisst: «Gisch mr irgendöbbis?» Was, bitte, soll das heissen – irgendöbbis? Die reinste Habgier herrscht da. Ein Wunder, dass sie einem nicht offene Ikea-Taschen vor die Chaise halten. «Kam alles schon vor», sagt Suzanne Hollenstein, während sie grosszügig Mimösli verschenkt. Die Leute lieben Blumen! Mehr als Dääfeli, auch die Jungen. Es besteht doch Hoffnung für die Menschheit.

Aber zurück ins Tierreich zu Gabi und Loris. Den beiden schien es aus Laien-Larven-Sicht nicht schlecht zu gehen. Nur einmal erschraken sie wegen zweier übergrosser Flügel an einem Kostüm. Sonst liefen sie die Route ohne Zwischenfälle. Drei als Tierärzte kostümierte Frauen sorgten im Vortrab dafür, dass die Zuschauer den Tieren nicht zu nahe kommen. Das, sagt der Kutscher, sei das grösste Problem: die Menschen. «Einmal kroch ein Junge unter ein Pferd, um ein Dääfeli aufzunehmen.» Er schüttelt den Kopf. Und wenn eine Gugge zu nah kommt, macht er sie per Handzeichen darauf aufmerksam, Abstand zu halten.

Das klappte alles ganz gut. Und am Ende des Tages durften Loris und Gabi nach Hause in den Kanton Aargau. Am Mittwoch gehts wieder in den Schützenmattpark. Das isch ebbe Fasnacht – immer dasselbe Rösslispiel.

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