Moorleichen
Eine hodenlose Frechheit, was diesen Mumien widerfahren ist

Mumien-Forscher haben in Basel zwei Moorleichen untersucht, die einst nicht Mann und Mann sein durften.

Mark Walther
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Zwei Moorleichen in der Röhre
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Ein Torfstecher entdeckte die Männer von Weerdinge 1904 im Nordosten Hollands.
Die Wissenschafter interessiert unter anderem, woran die Männer starben und ob sie miteinander verwandt waren.
Unter der Leitung von Vincent van Vilsteren (rechts) sammelten die Forscher insgesamt 16,8 Gigabyte neue Daten über die Moorleichen.
Ab in die Röhre: Im Computertomografen des Instituts für Rechtsmedizin Basel erstellen die Wissenschafter eine 3D-Rekonstruktion der Mumien.
Im Basler Unispital wurden die Leichen ausserdem endoskopisch, sprich von innen, untersucht. Gebannt schauen die Forscher...
...auf das Live-Bild aus dem Innern der Mumien.

Zwei Moorleichen in der Röhre

bz Basel

Von Dunkelheit umhüllt liegen die Mumien der aktuellen Sonderausstellung in ihren Vitrinen, wenn das Naturhistorische Museum montags geschlossen hat. Nicht jedoch zwei Moorleichen: Die Männer von Weerdinge machten am Montag einen Ausflug ins Basler Institut für Rechtsmedizin sowie ins Unispital. Empfangen wurden sie dort von einem internationalen Forscherteam, das extra nach Basel gereist war, um die 2000 Jahre alten Moorleichen während ihres Gastspiels in Basel zu untersuchen.

Tod im Moor

Männer von Weerdinge

Am 29. Juni 1904 macht Hilbrand Gringhuis in einem Moor bei Weerdinge im Nordosten Hollands einen Fund, der Wissenschaftern bis heute Rätsel aufgibt. Der Torfstecher legt zwei Moorleichen frei, die innig beieinanderliegen. Von daher stammt die Bezeichnung «Das Paar von Weerdinge» oder «Herr und Frau aus dem Moor». Erst 1988 zeigt eine Untersuchung, dass beide Leichen Männer sind – Barthaare und fehlende Hinweise auf Brustwölbungen beweisen es. Viele Geheimnisse behalten die 2000 Jahre alten Moorleichen jedoch für sich. Die Forscher rätseln etwa darüber, in welcher Beziehung die Männer zueinanderstanden und ob sie im Kampf oder als Opfer eines Rituals gestorben sind.

Ab in die Röhre

1904 fand ein Torfstecher die Mumien in einem Moor in Nordostholland. Moorleichen kamen in ganz Europa immer wieder zum Vorschein – der Fund von Weerdinge aber sei eine «Sensation», sagt Vincent van Vilsteren. Paarweise habe man sonst nirgends Moorleichen gefunden. Van Vilsteren ist der Kurator des Museums in Assen, wo die Männer von Weerdinge zu Hause sind.

Unter seiner Leitung versuchten Wissenschafter aus Italien, England, Deutschland und der Schweiz am Montag in Basel, den zwei ledrigen Hautschläuchen noch unbekannte Geheimnisse zu entlocken. Zu diesem Zweck erstellten die Forscher im Computertomografen (CT) eine 3-D-Rekonstruktion und untersuchten die Organe mit einem Endoskop: Das schlauchartige Instrument, das in den Körper eingeführt wird, ist mit Kamera und Werkzeugen zur Entnahme von Gewebeproben ausgestattet.

Opfer eines Ritualmords?

Unter anderem interessieren sich van Vilsteren und Co. für die Todesursache der Männer. Es ist gut möglich, dass sie ermordet wurden: Laut van Vilsteren weiss man von der Hälfte aller Moorleichen, dass sie Opfer eines Ritualmords waren oder im Kampf starben. An den Überresten der Weerdinger Mumien sind Anzeichen von Stich- und Schnittverletzungen zu erkennen.

Erstochen, erhängt, durchgeschnittene Kehle – alles möglich, aber auch alles Spekulation. Van Vilsteren sagt: «Die Verletzungen könnten auch 1904 entstanden sein», und fügt spasseshalber an: «Beim Inlineskaten sind die Männer aber bestimmt nicht gestorben.»

Vergleich

Links die Moorleichen, wie sie 1904 – bereits nach der Bearbeitung im Genitalbereich – aussahen. Rechts die Moorleichen im heutigen Zustand. Über die Jahre haben sie durch die Austrocknung noch zusätzlich an Substanz verloren.

Auch wenn die Verletzungen nicht von 1904 datieren sollten – unmittelbar nach dem Fund wurde an den Mumien herumgeschnippelt. Und jetzt kommt der brisante Teil: Die Mumien kamen nicht als «Herr und Frau» aus dem Moor, sondern höchstwahrscheinlich klar erkennbar als Mann und Mann und zwar in einer intimen Stellung.

Erst im Nachhinein bekamen sie ihre heutige, weniger delikate Stellung. Dafür gibt es mehrere Indizien. Da wären etwa die fehlenden Genitalien der linken Mumie, die wohl herausgeschnitten wurden. Farbliche Differenzen zur umgebenden Hautpartie sprechen eher dafür, dass das 1904 passierte.

Ausserdem ist der linke Arm der linken Mumie unnatürlich verdreht. Aufgrund einer Verfärbung auf der rechten Mumie vermutet van Vilsteren, dass die linke Hand der linken Mumie ursprünglich auf den Genitalien des rechten Mannes lag. «Es ist durchaus vorstellbar, dass diese Position 1904 als schockierend empfunden wurde», schreibt er in einem 2015 erschienen Buch über Mumien. Diese These stützt er mit einem Zitat aus einem Brief des Beamten, der die Mumien 1904 als erster fotografierte: «Wie Sie sehen, ist das Photo gut gelungen. Die männlichen Geschlechtsorgane hätten viel besser zu sehen sein können, aber so hat das Bild auch eine weniger heikle Wirkung. Jetzt kann man es allen jungen Mädchen zeigen.» Die Männer von Weerdinge sind also auch Opfer der sexuellen Verklemmtheit anno 1904.

Haut und Haare blieben übrig

Dass die Untersuchungen an den Männern aus Weerdinge in Basel stattfanden, ist mitunter der Unterstützung des Naturhistorischen Museums zu verdanken.

Die seltsame Form der Weerdinger Mumien ist der Konservierung im Hochmoor geschuldet. Das saure Milieu des Hochmoors löste die Knochen und Muskeln fast gänzlich auf. Übrig blieben ein Hautschlauch, ein Teil der inneren Organe und Haare. Über die Jahrhunderte hatte die Säure diese Bestandteile gegerbt und dadurch konserviert. Frisch aus dem Moor waren die Leichen noch elastisch. Das machte sich ein Polizist nach dem Fund zunutze: Er rollte die Leichen zusammen und brachte sie in die Leichenhalle. Mittlerweile sind die Mumien ausgetrocknet und erstarrt.

Insgesamt haben die Forscher in Basel neue Daten im Umfang von 16,8 Gigabyte gesammelt – eine enorme Menge. Erkenntnisse aus den CT-Aufnahmen könnten in drei Wochen vorliegen. Die Analyse der Gewebeproben wird Monate dauern. Der Grund: Die Auswertung einer Probe kostet gut und gerne 8000 Franken. «Wir müssen ein Labor finden, das uns ein gutes Angebot macht», sagt van Vilsteren. Die Auswertung würde auch zeigen, ob in den Proben DNA-Spuren vorhanden sind. Die Gene würden offenbaren, ob die Männer miteinander verwandt waren. Ob sie eine sexuelle Beziehung führten, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. Sonderausstellung «Mumien. Rätsel der Zeit» ist noch bis zum 30. April 2017 im Naturhistorischen Museum Basel zu sehen.

Mumien-Ausstellung im Naturhistorischen Museum Basel
6 Bilder
Gletschermumie eines Steinbocks (Wallis) Naturmuseum Wallis
Mumiengruppe mit Frau und zwei Kindern (Andine, Küstenregion in Südamerika) Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim
Katzenmumie (Graubünden) Bündner Naturmuseum
Gletschermumie einer Gämse (Wallis) Naturmuseum Wallis
Mumifizierter Sperber (Ägypten) Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Mumien-Ausstellung im Naturhistorischen Museum Basel

zVg/Gregor Brändli