Medienprojekt

Ein Paar geht viral: Diese zwei Basler Medienmacher schaffen ein Magazin für ihre Generation

Kollegen und Geliebte zugleich: Dominik Asche und Hanna Girard.

Kollegen und Geliebte zugleich: Dominik Asche und Hanna Girard.

Ein eigenes Magazin mit Anfang Zwanzig: Hanna Girard und Dominik Asche geben ihrer Generation eine Stimme.

Die Situation behagt ihnen nicht wirklich. Normalerweise sind sie diejenigen, die Fragen stellen. Nun sitzen sie da, im ersten Stock des Unternehmen Mitte, und müssen über sich sprechen: Hanna Girard und Dominik Asche, ein Journalistenpaar aus Basel, sie 21, er 20. Vor ihnen türmt sich das Geschirr, verschmutzte Kaffeetassen stehen herum, eine leere Packung Taschentücher – «nicht alles von uns», betont Girard und lacht verlegen. Schon bald stellt sie die erste Rückfrage. «Ich kann keine Interviews geben», entschuldigt sich auch Asche gleich zu Beginn. Immer wieder fallen die beiden zurück in die Rolle der Medienschaffenden. Zu gross ist die Neugier, das Interesse am Gegenüber.

Noch am gleichen Morgen hat die «Schweiz am Wochenende» die beiden für ein Gespräch angefragt. Nun nehmen sie sich gut zwei Stunden Zeit, posieren geduldig für den Fotografen. Vier Monate ist es her, seit sie zum ersten Mal die Idee eines gemeinsamen Medienprojekts hatten. Jetzt ist ihre Seite «Viral» (viralviral.org) online – und lässt andere Onlinemedien sofort blass aussehen. Vor dem lila Hintergrund finden sich Porträts, Musiktipps, Geschenkideen, Rezepte und vor allem: viele bunte Illustrationen. Eine inhaltliche Eingrenzung setzen Girard und Asche bewusst nicht. Alles soll erlaubt sein, nichts irrelevant. «Wir wollen nicht auch noch News produzieren. Das machen ja schon mehr als fünf Medienhäuser in Basel», sagt Asche trocken.

Auf der Flüchtlingsinsel kam der Berufswunsch

Trotz ihres jugendlichen Alters gehören Dominik Asche und Hanna Girard bereits seit geraumer Zeit zur Basler Medienwelt. Girard sitzt immer mal wieder für Radio X an einer Pressekonferenz. Zurückhaltend und ehrlich interessiert ist sie – und damit eine gute Zuhörerin. Kommenden Dienstag gibt sie ihre Diplomarbeit am Medienausbildungszentrum MAZ ab. Dabei wollte sie eigentlich gar nicht Journalistin werden. Zuhause lag bereits die fixfertige Bewerbungsmappe für den gestalterischen Vorkurs, als sie als Helferin bei einem Flüchtlingsprojekt auf der griechischen Insel Chios war und vor Ort Journalistinnen kennenlernte. Die Arbeit hat sie fasziniert. So sehr, dass sie ihre Illustrationen schliesslich doch nicht einsandte.

2017 absolvierte sie bei Radio X ein Praktikum. «Die geben dir dort das Mikrofon und sagen, mach einfach mal», erzählt Girard. Dominik Asche war damals bereits KV-Lehrling beim Radiosender. Die beiden sind beste Freunde geworden, seit einem Jahr sind sie nun auch ein Liebespaar. Über ihre Beziehung sprechen, das wollen sie aber nicht. «Wir haben halt gut zusammengearbeitet und funktionieren als Team», so der unaufgeregte Kommentar. Die beiden wohnen zusammen, arbeiten zusammen, gehen gemeinsam an Konzerte wie zuletzt zu Bleu Roi. Ihre Liebe zur Schau stellen, das ist ihnen aber zuwider. Erst nach einem einstündigen Gespräch wird klar, dass sie mehr als nur die Wohnung teilen.

Eine Plattform für junge Talente

Lieber sprechen die beiden über das Radiomachen. Die Nähe, die das Medium schafft, fasziniert sie. «Du hörst halt, wie jemand fühlt. Zögert er, sagt er es direkt, offen oder eher gestresst», erzählt Girard. Und was hören sie, wenn sie mal nicht hinter dem Mikrofon sitzen? «Trash-Podcasts», sagt Asche: «Solche, in denen nur gelabert wird.» Anders Girard, die gerne auch mal «Zeit Verbrechen» hört: «Andere schauen Horrorfilme, ich höre mir halt das an.»

Trotz der Freude am Podcast: Weder mit diesem Format noch mit ihrer neuen Webseite verdienen Asche und Girard etwas. Sie verdient ihr Geld mit ihrem Job bei Radio X, Dominik Asche arbeitet in einem Teilzeitpensum in der Kommunikationsabteilung des Kunstmuseums.

Die beiden kennen das junge Basel – und dieses kennt sie. «Wenn Dominik mit seinem Hut durch die Strasse läuft, dann erkennen ihn alle», erzählt Girard. Mit seinem Stil fällt der junge Mann auf. Kahler Kopf, Melonenhut, golden funkelnde Glitzerschuhe: Übersehen wird Asche nicht einfach so.

Der Rodersdorfer ist heute ein Basler. Gefesselt hat ihn die Stadt zum ersten Mal, als er in der Cargo Bar am Grossbasler Rheinufer sass. Er war schnell in der Stadt zu Hause. Durch die Zeit beim Radio und seine Arbeit im Sommercasino lernte er zahlreiche Leute kennen. Er sei gut darin, diese Kontakte auch zu pflegen, sagt Girard.

Es sind Beziehungen, die dem Team nun zugute kommen. «Wir wollen unseren Freunden die Möglichkeit geben, ihre Talente ausleben zu können», erzählt Girard. Sechzehn Personen, alle noch keine dreissig Jahre alt, arbeiten bei «Viral» mit. Viele von ihnen stammen aus der Kreativszene, machen Musik, sind in Kunstkollektiven, «haben Freude an schönen Dingen», sagt Girard.

Mit seinem Projekt will das Paar diese Personen nun zusammenführen. «Alle haben ihre eigenen Talente, aber es ist schön zu sehen, dass wir zusammen etwas noch Tolleres schaffen», so Girard. Das Netzwerk spannt sich derweil weit über Basel hinaus. Einzelne Mitarbeitende leben in München, London oder Berlin.

«Gemerkt, wie schwierig es als junge Journalisten ist»

Die Ansprüche hält das Team bewusst niedrig – auch, um dem Druck zu entkommen, allfällige Erwartungen erfüllen zu müssen. Klar ist aber auch, dass sich ihr Projekt von anderen Basler Medien unterscheiden soll. Vor einem Jahr haben Asche und Girard auf eigene Faust für eine Reportage obdachlose Flüchtlinge in Paris begleitet, sie hat geschrieben, er fotografiert. «Da haben wir gemerkt, wie schwierig es ist, als junge Journalisten in etablierten Medien zu publizieren», erzählt Asche. An zahlreiche Redaktionen haben die beiden ihren Text geschickt, bis sie ihn schliesslich in der «Annabelle» veröffentlichen durften.

Der Kampf um einen Platz in der Basler Medienwelt hat Dominik Asche und Hanna Girard schliesslich dazu gebracht, ihr eigenes Projekt zu lancieren. Eines, in dem es auch Raum für die «kleinen Dinge» gebe. Die Werbetrommel haben sie vorab absichtlich nicht gerührt. «Wir wollen niemandem zu nahe treten», sagt Asche, «aber es ist komisch, wenn man etwas kommuniziert und dann sagt, wir haben jetzt noch eine leere Webseite.»

Lieber Freiheit als Festanstellung

Dass ihr Magazin dem Medienprojekt «Bajour» in Form und Konzept ähnelt, ist dem Paar bewusst. Darauf angesprochen, huscht ein Lächeln über die zwei Gesichter. «Wir sehen uns nicht als Konkurrenz», sagen sie nur. Auch die Tatsache, dass «Bajour» mit jährlich einer Million Franken subventioniert wird und das eigene Projekt weder Gelder erhält noch generiert, scheint das Paar nicht im Geringsten zu belasten. Eine Festanstellung als Journalist ist für Asche heute sowieso nicht mehr denkbar. Schreiben habe er nie gelernt und die Basler Radiosender gefallen ihm – abgesehen von Radio X – nicht.

So bleibt der Journalismus eine Arbeit neben dem Job. Dass auch Girard ihre liebste Beschäftigung, das Zeichnen, nicht zum Beruf gemacht hat, hat sie nie bereut: «Wird die Leidenschaft zum Beruf, besteht die Gefahr, die Freude zu verlieren.» Das will bei «Viral» nun wirklich niemand.

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