Jazzfestival

Ein Kraftakt sondergleichen: Impresario Urs Blindenbacher hat das Jazzfestival Basel nur um Monate verschoben

Urs Blindenbacher ist seit diesem Jahr im Ruhestand. Die freie Zeit investiert er in sein Festival.

Urs Blindenbacher ist seit diesem Jahr im Ruhestand. Die freie Zeit investiert er in sein Festival.

Urs Blindenbacher hat das Jazzfestival Basel um ein paar Monate verschoben – ein Kraftakt sondergleichen. Im Interview spricht der 65-Jährige über die Verschiebung des Programms, die Musiker und die Besucher.

Mehrfach spricht Urs Blindenbacher bei unserem Treffen in einer leeren Hotel-Lobby von Glück. Dabei hatte das Coronavirus dem umtriebigen Veranstalter ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Jazzfestival Basel einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Programm, das kommende Woche gestartet wäre, hat er nun fast ohne Ausnahmen in den Juni sowie in den Sommer verlegt. Im Gespräch erklärt der 65-Jährige, warum eine Absage des Festivals für ihn keine Option war, und wie er den Rückhalt seiner Besucher spürt.

An welchen Punkt war Ihnen bewusst, dass das Jazzfestival 2020 auf der Kippe steht?
Urs Blindenbacher: Dass es ganz schwierig wird, dachte ich am 10. März, als wir für das Konzert von Lars Danielsson und Paolo Fresu in der Martinskirche das Publikum auf zwei Vorstellungen aufteilen mussten, um die vom Kanton erstellte Limite von maximal 200 Besuchern einzuhalten. Da wurde mir mulmig, weil ich ja wusste, dass wir Konzerte mit rund 1000 Leuten geplant hatten.

Wenige Tage später hat der Bundesrat den Lockdown angeordnet.
Ja, dann war ganz Schluss. Das war mit Blick auf Italien, Frankreich und China aber auch bis zu einem gewissen Punkt zu erwarten gewesen. Dann war für uns die dringendste Frage: Wie lange dauert der Zustand an? Müssen wir nur den April verschieben oder auch die Konzerte im Mai umplanen?

Sie hatten an diesem Punkt über ein Jahr lang für das Programm gearbeitet. War Ihre erste Reaktion wirklich so rational?
Natürlich gehen einem da ganz verschiedene Gedanken durch den Kopf. Aber ich hatte glücklicherweise lange zuvor ein internes Mail verschickt mit dem Inhalt, dass wir uns einen Plan B zurechtlegen müssen. Ich habe es gerade nochmals gelesen, deshalb weiss ich, dass das am 12. Februar war.

Also gut zwei Wochen vor der Fasnachtsabsage...
Ja, entsprechend teilte damals keiner meine Sorge. In den Antworten auf meine Mail stand, das Virus betreffe die Schweiz nicht. Aber ich habe den Gedanken weiter mit mir herumgetragen. Also war ich gewissermassen bereit, als der Lockdown kam.

Eine Absage des Festivals war für Sie keine Option?
Das stand früh für mich fest: Zum einen wollte ich keine Absage, schliesslich ist es das 30-jährige Jubiläum. Und zum anderen hätte ich es auch nicht absagen können, weil es dann finanziell ganz düster ausgeschaut hätte.

Weil Sie gewisse Ausgaben dennoch gehabt hätten?
Ganz klar. Alleine die Gebühren, um alle Tickets zu stornieren, hätten sich auf 25 000 Franken belaufen. Und das wäre bei weitem nicht der grösste Posten gewesen.

Also haben Sie sich für den Kraftakt entschieden und das komplette Festival neu geplant. Wie viele Freinächte mussten Sie leisten?
Meine Tage sind jedenfalls gut gefüllt. Es ist ein heftiges Jonglieren: Säle, Hotels, Musiker, Managements, Techniker, Ticketing, Flüge und Züge – das alles muss in Einklang gebracht werden. Ich arbeite gleichzeitig an x-Fronten. Dazu kommt noch die Kommunikation mit den Sponsoren und den Medienpartnern. Und ganz nebenher muss ich stets auch die Liquidität im Auge behalten. Also ich rechne viel in diesen Tagen.

Was gibt Ihnen am meisten zu tun?
Das kann ich so nicht sagen, aber besonders bei den Ticket-Agenturen sind die Mitarbeiter in der Administration vollkommen überlastet. Dabei fangen die Stornierungen ja jetzt erst an. Wenn dann noch die grossen Sommerfestivals absagen, dann ist dort erst recht die Hölle los. Diese Serviceportale sind ja per se nicht überdotiert, was das Personal angeht.

Und sie haben in der Regel ja auch keinen Enthusiasten, der zufälligerweise dieses Jahr in Pension gegangen ist...
(lacht) Genau, da hatte ich Glück! Wenn ich jetzt noch im Schulbetrieb arbeiten müsste, würde ich mich zu allem noch mit dem E-Learning herumschlagen. Ich hätte jetzt eigentlich noch einen Kurs an der Volkshochschule gegeben, aber der wurde wegen Corona auch abgebrochen, also kann ich mich voll ins Festival reinknien.

Wie schwer war es, die Zusagen für die neuen Daten in allen Spielorten zu bekommen?
Das Problem war hier, das ja beispielsweise das Atlantis und die Kaserne auch ihre Eigenveranstaltungen verschieben wollen.

Und wie schaut es mit der Verfügbarkeit der Musiker aus?
Die wollen alle spielen! Kyle Eastwood etwa hätte es finanziell sicher nicht nötig, der ist mit seiner Filmmusik reich geworden. Ihm habe ich vorgeschlagen, dass wir das Konzert auf das nächste Festival legen. Dann kam aber die Antwort, er wolle alle abgesagten Konzerte noch in diesem Jahr nachholen. Eastwood selber mag Millionär sein, aber seine Mitmusiker sind auf diese Einnahmen dringend angewiesen. Die müssen auftreten.

Sie haben also das gesamte Programm verschieben können?
Es ist gut, dass wir so früh reagiert haben. Nun fehlen mir nur noch Fatoumata Diawara aus Mali und Bebel Gilberto aus Rio. Das wird wohl sehr schwierig. Und bei der Grammy-Siegerin Cecile McLorin Salvant warte ich noch auf das exakte Datum.

Weiterhin ist das Jazzfestival aber bei der Neueröffnung des Stadtcasinos dabei.
Auch da hatten wir Glück: Das Konzert am 29. August wäre ursprünglich das Ende unseres Jubiläumsjahres gewesen. Nun nehmen wir es als Zentrum des Festivals und erweitern es auf drei Konzerte im neuen Saal. Ich hoffe nun, dass wir auf der Welle der Stadtcasino-Eröffnung mitreiten können. Denn man muss sehen: Die Mieten sind mit der Renovation um einiges höher als zuvor. Wir müssen also volles Haus haben.

Immerhin dürfte sich die Situation bis Ende August halbwegs normalisiert haben. Beim Festivalstart am 21. Juni ist das noch nicht gesagt.
Ja, das ist vielleicht optimistisch, wenn man beispielsweise nach Österreich schaut: Da sind Kulturveranstaltungen noch bis Ende Juni untersagt. Im Juni sind wir abhängig vom Kunstmuseum, wo wir die Reihe «New Horizon» starten. Wenn nun die Museen nicht rechtzeitig öffnen, dann klappt das natürlich nicht. Es ist das Konzept, dass man mit dem Konzerteintritt eine Museumsführung bekommt. Im dümmsten Fall verschieben wir den Start dieser dreijährigen Reihe um ein Jahr.

Sie haben früh kommuniziert, dass die gekauften Tickets für die Verschiebedaten gültig bleiben. Haben Sie schon einen Überblick, wie viele Tickets dennoch zurückgegeben wurden?
Ja, ziemlich genau. Es waren acht.

Bitte?
Von den bisher verkauften 5500 Tickets wurden acht Stück zurückgegeben. Und bei den meisten kenne ich sogar die Gründe. Ein Besucher etwa lebt nur phasenweise in Basel und am Ersatzdatum weilt er in Schottland. Ich bin unserem Publikum sehr dankbar.

Sind Jazz-Fans tatsächlich so loyal oder bloss zu faul, die Tickets umzutauschen?
Ich glaube ersteres. Die Reaktionen, die mich erreichen, bestätigen dies. Mit Infomails und Newslettern versuchen wir, die Leute zu beruhigen. Wir haben eine Spendenaktion durchgeführt, um die ausfallenden Löhne für die Techniker und sonstigen Mitarbeiter zu bezahlen, die auf diese Einnahmen angewiesen sind. Da kam eine fünfstellige Summe zusammen. Dieser Rückhalt tut enorm gut. Es ist herzerwärmend.

Finanziellen Rückhalt für die Kultur wurde diese Woche auch vom Bund angekündigt.
Ja, wobei ich denke, dass dort vor allem die Künstler unterstützt werden. Denen fallen ja die Primäreinnahmen weg. Bei den Veranstaltern ist das weitaus schwieriger zu berechnen. Wir selber sind aktuell noch im grünen Bereich, weil die Swisslosgelder nicht zurückbezahlt werden müssen. Aber um manche Anträge und Absicherungen muss ich mich nun in diesen Tagen noch kümmern. Die Arbeit geht mir aktuell jedenfalls nicht aus.

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