Extremerfahrungen
Ein Basler im Reich des Bösen: Kriegsreporter Kurt Pelda

Kurt Pelda berichtet seit mehr als 30 Jahren aus Krisengebieten. Dabei blickt er in menschliche Abgründe und sieht dem Tod ins Auge. Vor den Gefahren des IS warnte er schon früh, nur hörte niemand auf ihn.

Kurt Pelda
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Gefährlicher Arbeitsalltag: Kurt Pelda, geschützt mit einer schusssicheren Weste, interviewt in der syrischen Provinz Aleppo Kämpfer einer Bürgerkriegspartei.

Gefährlicher Arbeitsalltag: Kurt Pelda, geschützt mit einer schusssicheren Weste, interviewt in der syrischen Provinz Aleppo Kämpfer einer Bürgerkriegspartei.

Anwar Mohammed

Meine ersten Dschihadisten traf ich im Sommer 1985 in der Ebene von Khost im Osten Afghanistans. Es war eine Gruppe unter Führung eines libyschen Arztes, der die verwundeten afghanischen Rebellen im Kampf gegen die sowjetische Okkupationsstreitmacht behandelte.

Neben ein paar Algeriern war auch ein schwarzer US-Amerikaner dabei, ein Konvertit. Er war der Radikalste von allen. Während sich die Algerier freuten, wieder einmal Französisch zu sprechen, blieb er misstrauisch gegenüber dem jungen Ungläubigen aus der Schweiz. Der Begriff «Dschihadist» war damals im Westen kaum geläufig. Dabei gehörte jene Gruppe ausländischer Kämpfer zu jenen Kreisen, die zusammen mit afghanischen Sympathisanten zum Aufstieg Osama bin Ladins entscheidend beitrugen.

Bin Ladin baute den Bunker

Ein Jahr später besuchte ich die Region von Khost ein zweites Mal. In einer felsigen Schlucht hatten die Afghanen eine erstaunlich weit verzweigte Basis errichtet; mit tiefen Felskavernen, in denen Munitionslager, eine Klinik, eine Waffenreparaturstätte und eine Garage für Kampfpanzer untergebracht waren – alles gut geschützt gegen die allgegenwärtigen sowjetischen Luftangriffe. Erst Jahre später erfuhr ich, dass der Baumeister der Befestigungsanlagen Bin Ladin hiess.

In einer der Kavernen richtete ich mein Schlaflager ein, um dem Schnarchen und den Flöhen der afghanischen Rebellen, der Mudschahedin, zu entkommen. Am Tag, wenn wir mit dem Pick-up durch die Gegend fuhren, waren auch zwei ägyptische Dschihadisten mit von der Partie. Sie hatten in Kairo studiert und waren offensichtlich noch nicht sehr vertraut mit ihren Kalaschnikows, an deren Läufe sie sich krampfhaft klammerten. Der dickere der Beiden versuchte mich in fliessendem Englisch davon zu überzeugen, zum Islam überzutreten. Ich lehnte dankend ab.

Begleiter hegen Mordpläne

Das anfängliche Interesse der beiden Islamisten wich nun offener Feindschaft. Eines Abends, als ich mich schon in der Kaverne in den Schlafsack gerollt hatte, kam ein grosser Afghane zu mir und sagte mir auf Dari, der afghanischen Version des Persischen: «Die Ägypter wollen dich töten. Komm besser zu uns und schlaf in unserem Wachhaus.» Das tat ich dann auch. Die Afghanen überliessen mir das einzige Bett, und ich ertrug das Schnarchen und die Flöhe, ohne zu klagen.

Kriegsfürsten und Marodeure

Meine Erfahrungen mit extrem denkenden Menschen, Dschihadisten, Terroristen, blutrünstigen Kriegsfürsten und Marodeuren reichen also rund 30 Jahre zurück. Ich verbrachte Zeit mit dem charismatischen Mudschahedin-Kommandanten Mullah Jallaludin Haqqani, einem der afghanischen Steigbügelhalter von Bin Ladin und Begründer des Haqqani-Terrornetzwerkes, das auch heute noch aktiv ist. Haqqani diente auch den Taliban als Minister und Militärkommandant.

Kurt Pelda: Preisgekrönter Journalist

Der Basler Kurt Pelda (Jahrgang 1965) ist promovierter Ökonom, Journalist und hat sich als Kriegsreporter einen Namen gemacht. Er berichtet seit über 30 Jahren für zahlreiche Medien aus den Krisengebieten dieser Welt, vornehmlich aus Afghanistan, Afrika und dem arabischsprachigen Raum. Als Experte für Fragen des militanten Islamismus und Terrorismus geniesst er internationales Ansehen. Pelda wurde 2014 mit dem Menschenrechtspreis der Schweizer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte ausgezeichnet und im gleichen Jahr vom Fachmagazin «Schweizer Journalist» zum Journalisten des Jahres 2014 gekürt. (bos)

Folter und Tod

Halsabschneider und Schlächter traf ich auch in der sudanesischen Krisenregion Darfur oder in Kongo-Kinshasa. Der sudanesische Kriegsfürst Minni Minnawi zum Beispiel, mit dem ich eine Zeit lang durch Darfur reiste, wurde später von US-Präsident George W. Bush im Weissen Haus empfangen. Daneben pflegte er internen Widersachern Hände und Füssen hinter dem Rücken zusammenbinden zu lassen. In dieser schmerzhaften Position hängten Minnawis Folterknechte ihre Opfer dann an Ästen von Bäumen auf, mit Gesicht und Bauch nach unten. Dort liess man sie in der Halbwüste leiden, bis sie vom Tod aus ihrem Martyrium erlöst wurden.

Machenschaften der Blauhelme

Im Osten von Kongo-Kinshasa lud mich «Oberst» Mathieu Ngudjolo auf eine Patrouillenfahrt in einem Schützenpanzer der Uno-Blauhelmtruppen ein. Zur Fahrt kam es dann zwar nie, weil die Uno-Leute keine Journalisten dabei haben wollten, wenn sie mit Ngudjolo und seinen Kindersoldaten herumkutschierten. Es war eine absurde Situation: Die Uno versuchte verzweifelt, Massenmörder wie Ngudjolo mit den Massenmördern eines rivalisierenden Stammes zusammenzubringen, um dem sinnlosen Morden und Abschlachten in und um Bunia, einer kleinen Stadt im Ostkongo, endlich ein Ende zu setzen. Dabei schreckten die Blauhelme nicht davor zurück, mit Anführern von Kindersoldaten wie Ngudjolo zu kollaborieren.

Der Kriegsverbrecher mit dem grobschlächtigen Gesicht und dem Leopardenfell ums Handgelenk gewickelt machte kein Hehl daraus, Kinder in den Kampf zu schicken, die kaum ihre Kalaschnikow tragen konnten.

Freispruch vor dem Tribunal

Später wurde Ngudjolo vor dem Internationalen Strafgericht in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Leider unterliess es die Anklage aber, den Marodeur auch wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten anzuklagen, was ebenfalls ein Kriegsverbrechen ist und was man leicht hätte beweisen können. Das Massaker aber, das Ngudjolo zur Last gelegt wurde, konnte man ihm nie schlüssig nachweisen, und so wurde er am Schluss freigesprochen – eine Schande sondergleichen für das Kriegsverbrechertribunal und die Uno, die mit Ngudjolos Kindersoldaten offen zusammen gearbeitet hatte.

Dieser Erfahrungsbericht ist im «Schweizer Journalist» 12/2015 erschienen. Der Nachdruck in der bz erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

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