Buchpreis 2019

Dürfen sich Hoffnungen auf den Schweizer Buchpreis machen: Simone Lappert und Alain Claude Sulzer

Alles redet von Sibylle Berg, aber auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises gibt es auch zwei Namen, die mit Basel im Zusammenhang stehen. Wir haben Simone Lappert («Der Sprung») und Alain Claude Sulzer («Unhaltbare Zustände») schriftlich zur anstehenden Verleihung befragt.

Wobei unterbreche ich Sie?

Simone Lappert: Beim Beantworten der digitalen Post, die liegengeblieben ist. Auf der Lesereise wird der Stapel irgendwie immer höher.

Alain Claude Sulzer: Beim wiederholten Lesen von Hesses «Klingsors letzter Sommer», über den Heinz Bütler gerade in Basel einen Film dreht, in dem ich die Rolle des Hesse-Verstehers verkörpere. Im Ernst: «Klingsor» ist für mich die Sonne in Hesses Werk.

Über welche Reaktion auf Ihr Buch freuen Sie sich – bis jetzt – am meisten?

Sulzer: Über die von Sibylle Lewitscharoff (deutsche Schriftstellerin, Anm. d. Red.), die ihrer Begeisterung auf ihre sehr besondere Art höchst ausgelassen Ausdruck verlieh.

Lappert: Am schönsten sind die persönlichen Reaktionen nach einer Veranstaltung, wenn jemand mir einen Satz zeigt, den er oder sie unterstrichen hat, oder die Eselsohren in den Lieblingsseiten, das ist enorm berührend.

Ihr erster Gedanke, als Sie von Ihrer Nomination für den Schweizer Buchpreis erfuhren?

Lappert: Das muss ein Irrtum sein!

Sulzer: Es traf mich im hohen Norden an einem Morgen in einem dunklen Hotelzimmer, und ich war natürlich sehr erfreut. Der erste Gedanke danach war: Wer sind die anderen Nominierten?

Kennen Sie Ihre Konkurrenz persönlich? Betrachten Sie sie als solche?

Sulzer: Sibylle Berg kenne ich, seit wir vor ein paar Jahren gemeinsam für den Buchpreis nominiert waren. Die anderen kenne ich inzwischen auch, zumindest oberflächlich. Da wir ja tatsächlich in einen Concours eingetreten sind, muss ich oder mein Buch sie wohl oder übel als Konkurrenz betrachten. Am Ende kriegt ja nur einer die grosse Summe, und wer möchte die nicht haben? Also sind wir Konkurrenten, oder verbalpolitisch korrekt: «Konkurrierende».

Lappert: Tabea Steiner kenne ich von einem gemeinsamen Werkstattstipendium am Literarischen Colloquium Berlin und ich schätze sie sehr. Die anderen lerne ich nun bei den Lesungen kennen, was mich sehr freut. Konkurrenzgefühle hege ich da gar keine, dafür ist die Achtung vor den anderen Nominierten und ihren Büchern viel zu gross. Ich würde es allen gönnen. Und es fallen mir auch einige Bücher ein, die statt meinem auf der Liste hätten stehen können, deshalb freue ich mich einfach.

Von fünf Nominierten sind vier Frauen: ein Zeichen der Zeit?

Sulzer: Das jedenfalls haben sämtliche Kommentatoren behauptet. Und die müssen es ja wissen.

Lappert: Man könnte diese Frage auch so deuten, dass wir Frauen nur auf der Liste stehen, weil wir eben Frauen sind. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf die Zeit freue, in der das ganz normal sein wird: mal mehr Frauen, mal mehr Männer. So normal, wie der Männerüberhang beim Schweizer Buchpreis bisher war. Wenn Sie sich die Listen der Nominierten in den vergangenen elf Jahren anschauen, war es in vier Jahren genau umgekehrt: vier Männer, eine Frau. In weiteren vier Jahren bestand die Liste aus drei Männern und zwei Frauen, lediglich in zwei von elf Jahren war es anders, drei Frauen, zwei Männer. Die Preisvergabe spricht auch eine ziemlich deutliche Sprache: Achtmal ging der Preis an einen Mann, dreimal an eine Frau. Ja, es ist an der Zeit, dass die Werke von Frauen sichtbarer werden.

Sie leben oder arbeiten in Basel. Liegt es an der Stadt oder ist die Basler Doppelnominierung ein Zufall?

Sulzer: Na ja, ausser mir leben doch meines Wissens alle anderen in der bedeutenden Literaturstadt Zürich. Als kürzlich Frau Mauch das Festival «Zürich liest» eröffnete, nannte sie, wie man mir erzählte, ausschliesslich die vier in Zürich lebenden Frauen. Mich liess sie einfach unter den Tisch fallen. Entweder kann sie nicht bis fünf zählen, oder sie ist einfach so emanzipiert, dass Männer in ihrem Weltbild gar nicht mehr vorkommen! Die dürfen nur noch ihre Reden schreiben.

Was, glauben Sie, hat Ihrem Buch einen Platz auf der Shortlist gesichert?

Lappert: Nun, ich hoffe doch, dass es die Leseeindrücke der Jurymitglieder waren, die dazu geführt haben. In meinem Buch geht es um die Frage nach unserer Empathiefähigkeit, darum, wie wir mit Menschen umgehen, die aus der Reihe tanzen. Es geht um die Frage, wie sehr die Verstrickung ins Eigene das Bild beeinflusst, das wir uns von anderen machen. Mein Roman behandelt diese Fragen anhand eines Kleinstadtkosmos. Die Frage nach Offenheit, Toleranz, Empathie, dem Mut zur tatsächlichen Begegnung werden auch in grösseren politischen Zusammenhängen immer wichtiger. Aber wie gesagt: Andere Bücher wären genauso denkbar gewesen, deshalb kann ich mich da eigentlich nur verspekulieren.

Welches Zitat aus Ihrem Buch würden Sie gerne in einer Besprechung lesen? Und warum?

Sulzer: Dazu müsste ich jetzt das Buch hervorholen. Soll ich? Muss ich?

Lappert: Das kann ich so nicht beantworten, das kommt enorm auf den Zusammenhang an. Das Interessante an einer profunden Kritik ist ja gerade die jeweilige Auseinandersetzung mit dem Text.

Welchen Titel müsste ein Buch über Literaturkritik in Schweizer Medien tragen? Was wäre das für ein Buch?

Sulzer: Das ist allerdings eine schwer zu beantwortende Frage. Vielleicht «Das Verschwinden der Vielfalt». Es dürfte gern polemisch sein und witzig.

Wie bereiten Sie sich auf die Verleihung vor? Sind Sie nervös?

Lappert: Im Moment nicht. Ich würde aus allen Wolken fallen, wenn ich den Preis bekommen würde.

Sulzer: Ich kaufe mir einen neuen Anzug, was die grüne Frau Rytz nicht erfreuen wird, denn sie findet ja, man sollte weniger Kleider (aber auch keine Bücher!) kaufen. Ich bin so frei, nicht auf sie zu hören. Vielleicht kaufe ich mir sogar ein neues Hemd. Neue Hemden sind gut gegen Nervosität.

Ausser Aufmerksamkeit: Was erhoffen Sie sich vom Gewinn des Schweizer Buchpreises?

Sulzer: Bargeld und Verkäufe insbesondere in der Schweiz.

Lappert: Eine Auszeichnung dieser Grössenordnung bedeutet vor allem geschenkte Schreibzeit, eine Rückenstärkung. Und, gerade als Frau: Sichtbarkeit.

Gegen welche literarischen Vorbilder – lebend oder nicht – würden Sie gerne einmal bei einer Preisverleihung antreten?

Lappert: Warum gegeneinander? Literatur ist ja kein Sport. Bücher gegeneinander ins Rennen zu schicken, ist ein bisschen, als würde eine Basketballspielerin gegen einen Synchronschwimmer in den Ring geschickt. Wenn Sie mich aber fragen, wen ich gerne mal kennenlernen würde oder kennen gelernt hätte: Susan Sontag, Joan Didion, Siri Hustvedt, Markus Werner, Sophie Hunger, Tom Waits…

Sulzer: Gegen Vorbilder würde ich ja wohl nur verlieren können! Spontan fällt mir da der längst verstorbene Joseph Roth ein, zumal es von ihm wohl nichts gibt, was nicht der Ewigkeit standhält. Ausser dem billigen Rotwein, den er trank.

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