Iselin-Quartier
Drei Basler Velohändler: Die Fee, der Unterhalter und der Schnelle

Velohändler gibt es im Iselin in Basel alle hundert Meter – doch die Konkurrenten helfen sich: «Bei technischen Problemen fragen wir einander auch mal um Rat.»

Annika Bangerter
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Drei Velohändler vom Iselin-Quartier
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... Ahmet Atabas ...
... und Freddy Schnell. So kommen sie einander nicht in die Quere.

Drei Velohändler vom Iselin-Quartier

Kenneth Nars

In eine Scherbe fährt der Velofahrer am besten im Iselin-Quartier. Auch die Bremskabel reissen vorzugsweise dort und die Dynamokappe springt bestenfalls rund um die Hegenheimerstrasse ab.

Was den Fahrradfahrer ärgert, das freut die Velo-Mechaniker. Und davon gibt es im Iselin-Quartier nicht zu wenig. Im Gegenteil. Alle hundert Meter reiht sich Velo an Velo – gesichert mit einer Drahtkette, die zwei ölverschmierte Hände durch die Speichen fädelte. Das Iselin-Quartier: Herzstück der Basler Velostadt, Tummelplatz strammer Waden oder nur ein hartes Pflaster, wo die Händler um jede Felge kämpfen? Wir haben in drei Velogeschäften nachgefragt.

Freddy Schnell kennt das Quartier und die Branche von Kindsbein an. Vor 80 Jahren gründete sein Vater an der Muespacherstrasse den Laden «Schnell Velos». Damit ist dieses das älteste, noch existierende Velogeschäft im Iselin-Quartier. Der Standort blieb stets derselbe, die Preise und das Angebot veränderten sich stark. Verkaufte die Familie Schnell früher auch noch Spielwaren, Kinderwagen und Mofas, so spezialisierte sich Freddy Schnell vor 20 Jahren auf individuelle Stadt- und Tourenvelos.

Heute sei das Geschäft schwieriger geworden, der Boom vorbei. «Die 80er- und 90er-Jahre waren die besten Jahre. Damals waren die Kassen voll, das Geschäft lief wie von selbst», sagt Freddy Schnell.

Gründe für den schwereren Stand der Branche sieht er im Einkaufstourismus in Deutschland, bei Internetbestellungen und der Hochpreisinsel Schweiz. Die höheren Preise, die Hersteller von den Schweizer Händlern verlangen, belasten sein Geschäft nicht erst seit der Eurokrise. Deshalb importierte Schnell auf eigene Faust Ersatzteile aus Deutschland. Zudem insistierte er während fünf Jahren bei einem Reifen-Hersteller: Nun sind dessen Velopneus zehn Franken günstiger im Angebot.

Freunde statt Rivalen

Obwohl die Glocke über seiner Eingangstür nicht mehr so oft wie früher klingelt, sieht er in den anderen Velohändlern im Iselin-Quartier keine Bedrohung. «Jeder sucht eine Nische für sich. Geschäftlich und auch privat verstehen wir uns gut. Bei technischen Problemen fragen wir einander auch mal um Rat», sagt Freddy Schnell.

Das bestätigt auch Ahmet Atabas vom «Velo-Egge». Fehlt ihm einmal ein bestimmtes Werkzeug oder ein Ersatzstück, dann borgt er sich dies bei den Kollegen ein paar Meter weiter. «Das Verhältnis ist gut, obwohl wir so viele sind», sagt Atabas. Er hat vor 16 Jahren den «Velo-Egge» übernommen, nachdem ihn ein Arbeitskollege mit der Begeisterung für Velos angesteckt hat.

Ursprünglich lernte Ahmet Atabas in der Südosttürkei Motorradmechaniker. Inzwischen sei er mit Begeisterung «Alleinunterhalter von Velos», wie er sagt: «Sie stinken nicht und machen keinen Lärm.» Momentan herrsche Hochsaison – der Frühling bringt die Velofahrer auf die Strasse und die kaputten Räder aus den Kellern. Im Winter sei es aber als Selbstständiger schwierig. Deshalb bietet Atabas in den kalten Monaten immer wieder Sonderaktionen an.

Sein Geschäft ist eines der kleinsten im Iselin-Quartier. Reifen, Sattel, Werkzeuge stapeln sich. Mit zwei Handgriffen räumt Atabas einen Stuhl leer, rückt einen improvisierten Tisch zurecht. Was er an Platz spart, investiert er in flexiblere Öffnungszeiten: «Meldet sich ein Kunde an, dass er nach Ladenschluss vorbeikommen will, warte ich auf ihn», sagt Ahmet Atabas.

Fee oder Weh?

Wie die beiden anderen Händler besitzt auch Ursula Martig viel Berufserfahrung. Sie hat vor 25 Jahren ihr Geschäft «Velove» gegründet. Ein Name, viele Assoziationen: Ist es die Liebe zum Velo, die an der Strassburgerallee gefrönt wird; behandelt Ursula Martig «Velo-Weh» oder ist sie die «Velofee», wie sie so manche Anwohner nennen? «Bei diesem Wortspiel kann sich jeder was aussuchen. Das ist Sinn und Zweck», sagt sie.

Martig ist Quereinsteigerin, arbeitet gerne mit ihren Händen und ist fasziniert von Velos. «Es ist ein grossartiges Fortbewegungsmittel: Velos sind schnell, wendig, umweltfreundlich und flexibler als die öV», sagt Martig. Inzwischen beschäftigt sie drei Mitarbeiter und arbeitet mit dem Integrationsprojekt CO13 zusammen. Dieses schickt ihr immer wieder Praktikanten in die Werkstatt.

Auch Bälle brauchen Luft

Die Dichte an Velohändlern im Iselin-Quartier ist für sie kein Problem. «Neben vielen Anwohnern kommen auch Kunden von ausserhalb zu uns.» Für diese stehen ein paar Leihvelos zur Verfügung. Gratis. Das wesentliche habe sich an ihrem Job in den letzten 25 Jahren nicht verändert: «Zentral ist die Kommunikation. Wir sagen von Beginn an, was die Reparaturen kosten und rufen an, wenn es teurer wird. Zudem wollen die Kunden eine kompetente und ehrliche Beratung», sagt Martig.

Denn das Spektrum der Produkte habe sich vergrössert – auch bei «Velove». So verkauft und repariert Ursula Martig heute auch Elektrovelos. Was in all den Jahren jedoch blieb, sind die Besuche der Schüler des Iselin-Schulhauses. Diese pumpen ihre Bälle bei der Velofee auf – denn ein bisschen Fee steckt definitiv in der Werkstatt «Velove».