Botanischer Garten Basel
Die Titanwurz ist tot – lange lebe die Titanwurz! Warum die berühmte Basler Stinkepflanze einging

Sie war ein Publikumsmagnet, alle wollten sie sehen – die grösste Blüte der Welt. Jetzt ist die Pflanze tot. Doch es besteht Grund zur Hoffnung.

Christian Mensch
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Wenn der Titanwurz blüht, strömen zahlreiche Besucher in den Botanischen Garten. (Archivbild)
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Macht seinem Name alle Ehre: Der Titanwurz im Botanischen Garten Basel (Bild: Botanischer Garten Basel)
Die Titanwurz wird innerhalb eines Monats gigantisch (zvg / Botanischer Garten / Archivbild)
Hier ist sie in voller Pracht im November 2012 im Botanischen Garten der Uni Basel. (Archivbild)
Die Blüte eines Titanwurz beginnt sich zu öffnen. (Archivbild)
Der Basler Titanwurz bei seiner Blüte im Jahr 2012. (Archivbild)
Titanwurz

Wenn der Titanwurz blüht, strömen zahlreiche Besucher in den Botanischen Garten. (Archivbild)

Als es in Basel richtig übel roch, nach süsslich verwestem, fauligem Fleisch, war die Stadt mächtig stolz. Zumindest der Botanische Garten der Universität Basel. Internationales Ansehen brachte die olfaktorische Belästigung, als in seinem Gewächshaus drei Jahre hintereinander die Titanwurz zur Blüte kam. Die besondere Pflanze aus Sumatra stinkt nicht nur bestialisch, sondern entwickelt auch die grösste Blume der Welt – wenn sie sich denn auch dazu entschliesst zu blühen. Tausende von Besuchern strömten zum Spalentor, um die Flora-Sensation mit abgedeckter Nase zu bewundern.

Schweren Herzens schickten die Basler Gärtner die gut sechzig Kilogramm schwere Knolle vor drei Jahren ins Exil nach Kerzers ins Papiliorama. Dort sollte sie als Publikumsmagnet hinhalten, während in Basel das Tropenhaus für zehn Millionen Franken neu gebaut wird. Doch beleidigt ob der gebotenen klimatischen Bedingungen in Kerzers, weigerte sich die Pflanze zu blühen. Schlimmer noch. Nach einem Jahr begann der einzige Trieb zu faulen und die Fäulnis befiel die Knolle. Nun geriet die Basler Titanwurz in Panik, soweit eine Pflanzenseele in Panik geraten kann. Sie trieb Blatt um Blatt. Insgesamt acht solche Notsprossen stiess der Amorphophallus (lateinisch für «unförmiger Riesenpenis») im vergangenen Jahr aus. Statt dem Sterbeprozess mit Trauer zu begegnen, vermeldeten die Papiliorama-Gärtner den achtfachen Austrieb als biologische Sensation, die beinahe so spektakulär sei wie ein blühender Titan.

08. Oktober: 2cm
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11. Oktober: 5cm
20. Oktober: 18cm
25. Oktober: 28cm
31. Oktober: 48cm
31. Oktober: 48cm (Spitze)
05. November: 80cm
Das schnelle Wachstum der Titanwurz
07. November: 100cm
08. November: 110 cm

08. Oktober: 2cm

Manuela Schwendener

Dass die stolze Basler Titanwurz allein in der Fremde sich wieder in Humus verwandelte, war nicht genug der Erniedrigung. Denn seit diesem Jahr beansprucht Zürich den Ruf, den grössten Stinker des Landes zu beherbergen. Am 26. April begann im Botanischen Garten der Universität Zürich erstmals nach über siebzig Jahren wieder die Titanwurz zu blühen. Zehn Jahre zuvor hatte eine Schulklasse die Pflanze geschändet, mit Mühe nur konnte sie gerettet und wieder aufgepäppelt werden. Nun dankte sie es mit einer stinkenden Blütenpracht.

Der Neubau des Basler Tropenhauses hat sich verzögert. Erst jetzt wird er in Angriff genommen, erst ab Sommer 2021 soll das «Bergnebelhaus» für das Publikum geöffnet werden. Eine Titanwurz soll wieder zu bewundern sein. Eine Rückkehr aus Kerzers wird es jedoch nicht geben. Die Mutterpflanze ist tot, aber auch deren Sprösslinge sind nicht willkommen. Denn was das Papiliorama bisher nicht an die grosse Glocke hängte: Die Jung-Knollen sind allesamt von einem Schädling befallen. Dies berichtete diese Woche das Regionaljournal von SRF. Ein Fadenwurm hat Appetit gefunden an der exotischen Knolle. Würde eine solche nach Basel gebracht, wäre der Wurm wohl bald im ganzen Tropenhaus zu finden.

Warum Basel dennoch nicht abstinken muss

Den Kollegen aus Kerzers sind die Basler Botaniker aber nicht gram. Die Natur mache eben, was sie wolle, sagt der Leiter Bruno Erny. Seine Gelassenheit hat einen tieferen Grund, da die traurige Geschichte eine überraschende Wendung erhält: In der Aufzucht des Botanischen Gartens ist seit einigen Jahren eine neue Titanwurz am Gedeihen. Erny erzählt: Vor etwa fünf Jahren habe er einen Anruf eines Mannes erhalten. Dieser sagte, er werde in den nächsten Tagen auswandern, habe aber noch eine Pflanze, die er nicht mitnehmen könne. In den USA habe er den Samen gekauft, aus dem sie sich entwickelt habe. Er stelle sie auf die Strasse; sie könne abgeholt werden, falls Interesse bestehe. Skeptisch sei man gewesen, sagt Erny. Doch tatsächlich hatte der Mann eine Titanwurz gezüchtet. Erny ist begeistert. Die Knolle sei «super vital» und entwickle sich prächtig.

Mit ein bisschen Glück kommt es sogar zu einem Happy End. Gleichzeitig mit der Vollendung des neuen Tropenhauses in knapp zwei Jahren könnte die Pflanze bereit sein, ein erstes Mal zu blühen. Es wäre ein Triumph. Und Basel wieder richtig stolz, wenn sich beim Spalentor Schwaden fauligen Totengeruchs verbreiten.

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