Fall Curt Glaser

Die Quadratur des Kulturzirkels: Im Fall Glaser wurde eine Vereinbarung getroffen

«Doppelporträt» von Elsa und Curt Glaser des befreundeten Malers Edvard Munch. (zvg)

«Doppelporträt» von Elsa und Curt Glaser des befreundeten Malers Edvard Munch. (zvg)

Die Kunstkommission des Basler Kunstmuseums löst den Restitutions-Fall Glaser mit einer Vereinbarung, die alle das Gesicht wahren lässt.

Am Schluss war es ein simples Geschacher: Die Anwälte der in den USA lebenden Erbberechtigten des jüdisch-stämmigen Kunstsammlers Carl Glaser wollten möglichst viel Geld, die Anwälte der Basler Kunstkommission und des Kunstmuseums wollten einen möglichst tiefen Preis. Der Spielraum war allerdings beschränkt.

Was Anfang Jahr in aller Diskretion ausgehandelt wurde, geht auf das Jahr 1933 zurück: Das Basler Kunstmuseum hatte damals im Mai an einer Auktion in Berlin für gut 3000 Reichsmark knapp 200 Zeichnungen und Grafiken erworben, die aus der Sammlung Glaser stammten. Glaser hatte aus privaten Gründen, wohl aber auch unter Druck der Nationalsozialisten seine Kunstsammlung weitgehend aufgelöst und in den Verkauf gebracht.

2008 hatte die Basler Regierung eine erste Forderung der Erben nach einer Rückgabe (Restitution) rundweg abgelehnt. Dies mit einer zivilrechtlichen Argumentation, wonach der Ankauf rechtens gewesen und noch heute rechtsbeständig sei. In der entsprechenden Medienmitteilung allerdings auch mit der falschen Behauptung, es sei nicht bekannt gewesen, dass die Erwerbungen aus der Sammlung Glaser stammten. Das Kapitel schien abgeschlossen. Doch seit 2017 stand die Forderung erneut im Raum, nun unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen.

Direkte Nachkommen hatte Glaser keine. Seine erste Ehe mit Elsa, mit der er seine Sammlung aufgebaut hatte, blieb kinderlos. Seine einzige Tochter Eva, die mit einer Trisomi2-21-Beeinträchtigung zur Welt gekommen war, starb zudem als achtjähriges Kind in Arlesheim, als sich Curt Glaser und seine zweite Frau Maria bereits im Exil in den USA befanden.

Erbberechtigt sind jedoch die Nachkommen von Maria aus deren zweiten Ehe. Diese haben seit Jahren die New Yorker Kanzlei Rowland & Petroff damit mandatiert, Restitutionen geltend zu machen. Während US-Institutionen, in deren Beständen sich ebenfalls Gemälde aus der Sammlung Glaser befinden, unbeeindruckt zeigen, haben deutsche Museen in den vergangenen Jahren reihenweise Zugeständnisse gemacht und Zahlungen in Millionenhöhe geleistet. Der Druck, dass sich auch die Basler Regierung bewegt, war gross.

Im November 2017 wandten sich die Rechtsvertreter der Erben erneut an die Basler Regierung. Diese reichte den Kelch aber bereits einen Monat später an die Kunstkommission weiter. Die vom Juristen Felix Uhlmann präsidierte Kommission steht vor allem dem Kunstmuseum beratend zur Seite. Und dieses fürchtete, unter der Untätigkeit der Präsidialdepartements einen Reputationsschaden zu erleiden.

Die Kommission startete einen Prozess mit offenem Ausgang

Die Kommission war sich zunächst uneins, wie gegenüber der Regierung aber auch mit den Forderungen an sich umzugehen sei. Die Erarbeitung des detailreichen Berichts durch eine Subkommission zusammen mit Mitarbeitern des Kunstmuseums im Jahr 2018 diente deshalb auch der Selbstfindung. Uhlmann sagt, die Arbeiten sei ergebnisoffen angegangen worden. Oberstes Ziel war jedoch von Anfang an die «Aufrechterhaltung der exzellenten Reputation des Kunstmuseums Basel». Diese bedeutete, dass eine für alle Seiten gesichtswahrende Lösung gesucht war.

Die Kunstkommission verfügt rechtlich über keine Kompetenzen. Als Grundlage ihres Handelns nahm sie aber die sogenannten «Washington Principals», eine auch von der Schweiz unterzeichnete, internationale Vereinbarung aus dem Jahr 1998 für den Umgang mit Kunstwerken zur Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten. Die Unterzeichner verpflichteten sich, bei Restitutionsforderungen nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen, die als «fair und gerecht» bezeichnet werden können. Da die Übereinkunft keine besonderen Zuständigkeiten bezeichnet, hat sich die Kunstkommission kurzerhand selbst für zuständig erklärt. Oder wie die Kommission im Bericht schreibt: Sie erachte sich als kompetent, «weil es nicht primär um rechtliche, sondern um moralische Fragen geht».

Die diskrete Vernehmlassung für eine breitere Akzeptanz

Ende 2018 lag der Bericht vor. Einerseits wurde er hoch vertraulich behandelt, andererseits verschiedenen Kreisen in eine kleine Vernehmlassung gegeben, um einen Interessensausgleich und eine möglichst breite Akzeptanz zu finden. Nicht zuletzt ein liberaler Personenkreis um den ehemaligen Kultur- und Erziehungsminister Christoph Eymann, der den Regierungsentscheid von 2008 zu verantworten hatte, war äusserst nervös und empfindlich.

Zum einen sah er sich wiederholten Attacken der «Basler Zeitung» ausgesetzt, die mit allerlei Verschwörungsideen den ersten Regierungsbeschluss kritisierte. Zum anderen befürchtete er, von der aktuellen links-grünen Regierungsmehrheit desavouiert zu werden.

Uhlmann hatte jedoch einen Ausweg gefunden, wie aus dem Bericht hervorgeht: Der Regierungsbeschluss von 2008 wird nicht infrage gestellt; ein Anspruch auf Rückgabe bestehe nicht. Doch Glaser habe als Opfer des Nationalsozialismus zu gelten und damit hätten seine Erben Anrecht auf eine «faire und gerechte» Lösung. Diese wiederum konnte ohne Zutun und Beschluss der Regierung ausgehandelt werden.

Finanzielle Entschädigung mit klarer Obergrenze

Taktisch clever hat die Kunstkommission den Bericht samt Empfehlungen abgeschlossen und einstimmig absegnen lassen, bevor sie mit den Erben-Anwälten in Verhandlung trat. Die Eckpfeiler waren gesetzt: Eine aussergerichtliche Restitution der Zeichnungen und Grafiken war ausgeschlossen, dafür verpflichtete sich das Kunstmuseum – ungeachtet des Ausgangs der Gespräche – eine Ausstellung zu Glaser als Kunstsammler und Kunsthistoriker zu organisieren.

Die Kunstkommission war zwar bereit, mit den Erben über eine finanzielle Entschädigung zu verhandeln, doch die finanziellen Rahmenbedingungen waren gleichzeitig überschaubar. Denn ohne Regierungsbeschluss kann die Kunstkommission lediglich über die ohnehin bereitstehenden Mittel des Ankaufsfonds befinden. Dies bedeutet faktisch eine Obergrenze von rund einer Million Franken. Mit der Entschädigung, so heisst es im Bericht, sollen die Erben zumindest die Anwaltskosten und die Spesen decken, die durch ihre Reisen in die Schweiz entstanden seien.

Die Erben sind auf den Deal eingegangen. Sie erhalten weniger Geld als wohl erhofft, aber dafür die Genugtuung, dass die schroffe Ablehnung von 2008 revidiert worden ist. Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann sieht ein Problem gelöst, ohne einen Beitrag dazu geleistet zu haben, aber auch ohne ihre Vorgänger desavouieren zu müssen. Das Basler Kunstmuseum schliesslich sieht sich von einem Reputationsrisiko befreit. Und Felix Uhlmann, der Kommissionspräsident, sieht sich gewappnet, sollten noch neue Restitutionsforderungen auftauchen. Das Vorgehen, so sagt er, könne ein «Blaupause für ähnlichen Fälle» sein.

Autor

Christian Mensch

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