Drogenhotspot Basel
Die Nachfolger des Heroins sind unsichtbar: Ein Trip durch die Basler Drogenwelt

Die Fixer unter der Mittleren Brücke sind weg. Junkies sind kaum sichtbar, dennoch gehört Basel zu den Drogenhotspots Europas. Die «Schweiz am Wochenende» sprach mit Dealern und Fahndern, Konsumenten und Betreuern.

Leif Simonsen und Benjamin Rosch
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Basel gehört zu den Städten Europas, in denen am meisten Drogen konsumiert werden. (Symbolbild)

Basel gehört zu den Städten Europas, in denen am meisten Drogen konsumiert werden. (Symbolbild)

Keystone

Vorbei sind die Zeiten, als die Drögeler die Verlierer der Gesellschaft waren. Vorbei die Bilder des Elends vom Zürcher Platzspitz-Park, vom Letten-Bahnhof, von den Fixern am Kleinbasler Rheinbord. Drogen scheinen in der Mitte der Gesellschaft angekommen – auch in Basel.

Man trifft sich am Wochenende in den Clubs und zieht sich eine Linie Kokain rein oder spickt eine Pille Ecstasy, um dann am Montag wieder zur Arbeit zu gehen. Doch ist das Problem wirklich aus der Welt? Urs Geier, Leitender Baselbieter Staatsanwalt für Betäubungsmitteldelikte, schüttelt den Kopf.

Er sehe viele Tragödien, durch Drogen auseinandergerissene Familien. «Es macht mich traurig, solche Schicksale zu sehen, während ein paar wenige daran Hunderttausende Franken verdienen und in ihren dicken Autos durch die Gegend fahren.»

Harter Konkurrenzkampf

Basel gehört zu den Städten Europas, in denen am meisten Drogen konsumiert werden. Dies geht aus Abwasserstudien hervor. An die Dealer heranzukommen, ist indes fast ein Ding der Unmöglichkeit. In den perfekt organisierten mafiösen Strukturen ist die Anonymität höchstes Gut. Die Drogenmafia setzt dabei auf Verästelung. Über verschiedene Zwischenstufen gelangen insbesondere härtere Drogen an den Konsumenten.

Ein Unterbaselbieter Marihuana-Kleindealer, der gelegentlich auch Kokain und synthetische Drogen beschafft, sagt gegenüber der «Schweiz am Wochenende»: «Man muss ganz klar unterscheiden zwischen Marihuana-Dealerei und dem Handel mit harten Drogen. Viele Marihuana-Dealer kennen sich und gehen sogar freundschaftlich miteinander um. Bei den harten Drogen herrscht der pure Konkurrenzkampf, der auch in Gewalt münden kann.»

Weil die Dealer auf den verschiedenen Zwischenstufen mit Pseudonymen agieren, wissen die Drogenverkäufer der unteren Hierarchiestufen meist nicht mal den Namen der Vorgesetzten. Die Drogenfahnder tappen im Dunkeln. Was die Überwachung angeht, stehen ihnen die strengen Überwachungsgesetze sowie die Finanzen im Weg.

Eine Echtzeit-Telefon-Überwachung von Verdächtigen kostet heute 7200 Franken pro Rufnummer – professionelle Dealer haben meist mehrere. Dabei sind die allfälligen Ausgaben für den Dolmetscher nicht mit eingerechnet.

Geier sagt: «Wir machen das nur in grösseren Verfahren. Für einen kleinen Dealer, der dann mit einer bedingten Strafe davonkommt, stimmt das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht.» Längst haben sich die Dealer zudem auf andere, nicht kontrollierbare Kanäle wie Facebook oder Whatsapp verabschiedet. «Um Einsicht in die Facebook-Kommunikation zu erlangen, müssten wir ein Rechtshilfegesuch in die USA schicken», sagt Geier. Auch hier stehen Aufwand und Ertrag nur bei Schwerstkriminalität in einem Verhältnis.

Ziemlich genau dokumentiert sind hingegen die internationalen Handelswege. Die Basler Staatsanwaltschaft hat detailliert aufgelistet, auf welchen Routen die Drogen in die Schweiz kommen. Das hier von Westafrikanern kontrollierte Kokain erfolgt entlang zweier Transitrouten.

Zum einen mit dem Schiff über Spanien und Portugal, zum anderen mit dem Schiff oder dem Flugzeug via Niederlande. Schmuggler schlucken es in Beuteln, die sie wieder ausscheiden. Im Heroin-Handel sind Türken und Albaner vorherrschend. Der Grundstoff, der Mohn, stammt meist aus Afghanistan und gelangt über Istanbul und Italien sowie Deutschland in die Schweiz.

Die in den Vereinigten Staaten populäre Droge Crystal Meth ist hier äusserst selten. Hauptsächlich findet sie sich im Rotlichtmilieu, wo sie Prostituierten verabreicht wird. Crystal Meth ist günstig und unterbindet Hunger und Durst. Doch um die Droge flächendeckend an den Mann zu bringen, seien die Schweizer zu aufgeklärt über die verheerenden Folgen.

Bei synthetischen Drogen ist gemäss dem Baselbieter Drogenfahnder Geier einzig klar, dass die Pillen «aus Europa» stammen. Der Marihuana-Handel ist letztlich in den Händen derjenigen, die «mehr zu verlieren haben», wie Geier sagt. Schweizer und Secondos, die hier ein Umfeld und oft sogar noch einen Job haben. Dasselbe gilt für den Klein-Dealer, mit dem die «Schweiz am Wochenende» in Kontakt steht.

«Bei den Mengen, die ich anbaue und verkaufe, muss ich sicher nicht ins Gefängnis.» Anders bei Heroin und Kokain: Hier werden schon bei geringen Verkaufsmengen Haftstrafen ausgesprochen.

«Loser-Droge» Heroin

Als Kompass für die Drogentrends dienen die Fahndungserfolge der Staatsanwaltschaft kaum. Hier können einzelne Erfolgsmeldungen wie die Beschlagnahmung von sechs Kilo Kokain von vergangener Woche die Statistik verzerren. Indiz sind vielmehr die Preise.

In den Blütezeiten anfangs der 90er Jahre verkaufte sich Heroin zu 500 bis 600 Franken pro Gramm. Heute wird es gemäss Insidern zu rund 30 Franken an den Mann gebracht. Bei den Drogenkonsumenten sei Heroin heute als «Loser-Droge» bekannt, schreibt Peter Gill von der Basler Staatsanwaltschaft auf Anfrage. «Die Wirkung von Opiaten (Dämpfung) ist nicht wirklich erwünscht.

Vielmehr wird eine Bewusstseinserweiterung oder eine Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit angestrebt, was nicht durch Opiate, sondern durch Stimulanzien bewirkt wird.» Die Folge: Das Geld ist bei den aufputschenden Drogen im Spiel. Stabil sind die Kokain-Preise mit 80 bis 100 Franken pro Gramm sowie diejenigen für die Partydroge MDMA (Ecstasy), die sich in der Grössenordnung von 60 bis 80 Franken bewegen.

Die Drogenfahnder sind realistisch genug, um zu wissen, dass sie gegen die Megatrends nichts ausrichten können. «Gleichzeitig können wir das Feld den Drogendealern nicht überlassen und die Drogenfahndung einstellen», sagt Geier. Man müsse sich darauf beschränken, einzelne Nadelstiche gegen die Dealer zu setzen. Einen solchen könnten die Baselbieter Drogenfahnder demnächst setzen.

Soeben ist ein Schreiben eingegangen. Der «Dealer H.F.», so der Verfasser, verkaufe im grossen Stil Kokain und Marihuana. Er sei kein kleiner Fisch. «Auch dem», sagt Geier, «werden wir bestimmt nachgehen». Es ist eine Sisyphos-Arbeit.

Der Triathlon der Junkies

Die Fixer vom Rheinufer stellen die Behörden indes vor andere Probleme. Die «Generation Platzspitz» kommt jetzt ins Rentenalter. Bei den Junkies von damals beginnt dieses schon viel früher, ihre Körper sind gezeichnet von Jahrzehnten des Konsums. «Ein 60-Jähriger mit einer langen Drogenkarriere ist so alt wie ein 80- oder 90-Jähriger», sagt Jürg Voneschen.

Er muss es wissen: Im Wohnheim Erzenberg in Gelterkinden betreut er Menschen, die den Lebensabend ihrer von Sucht geprägten Existenz dort verbringen. Viele von ihnen machen täglich den «Triathlon»: Heroin oder ein Ersatz, Koks, Benzos. «Wobei Ritalin dem Kokain inzwischen den Rang abläuft», sagt Voneschen. Das Medikament bedient die gleichen Rezeptoren, das Gütesiegel der Pharma bürgt für die Qualität.

Die Menschen, die im Erzenberg landen, können zum Teil kaum mehr für sich selber sorgen: «Wir fangen sie kurz vor dem Aufprall.» In den üblichen Altersheimen seien die Junkies nicht gerne gesehen.

Dass sie nicht nur in medizinischer Hinsicht besondere Patienten sind, bestätigt auch André Bischofberger: «Im Umgang mit den Bewohnern und Bewohnerinnen ist eine grosse soziale und kommunikative Kompetenz gefordert. Der professionelle Umgang mit Themen wie Gewalt und Aggression gehört zum Alltag.»

Er ist Leiter des Sternenhofs für Wohnen und Leben im Alter. 2009 startete das Basler Gesundheitsdepartement in Zusammenarbeit mit dem Sternenhof ein Pilotprojekt für ältere Menschen mit Suchtmittelhintergrund in Wohngruppen. «Basel-Stadt nimmt schweizweit eine Vorreiterrolle ein», sagt Bischofberger. Aktuell reichen die vorhandenen Plätze knapp aus, die Warteliste ist kurz. «Folgt man der Logik der Entwicklung, dürfte sich dies jedoch noch ändern», sagt Voneschen.

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