Anthroposophie
Die Basler Bodeninititative ist die Umsetzung von Rudolf Steiners Lehre

Der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, könnte die basel-städtische Bodeninitiative persönlich geschrieben haben. Doch davon findet sich kein Wort bei den Initianten.

Christian Mensch
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Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, forderte: «Man hat danach zu streben, dass man den Boden nicht kaufen und verkaufen kann.

Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, forderte: «Man hat danach zu streben, dass man den Boden nicht kaufen und verkaufen kann.

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Der Grosse Rat diskutiert diese Woche über eine Initiative, die dem Kanton weitgehend verbieten will, Land zu verkaufen. Vielmehr soll er zukaufen und darauf «familienfreundliches, umweltschonendes Wohnen im Interesse der Bevölkerung» ermöglichen. Etwa, indem er es im Baurecht an Genossenschaften abgibt.

Die Basler Regierung hat der Initiative einen abgeschwächten Gegenvorschlag gegenübergestellt, der im Parlament heftig umstritten ist: Mit sieben bürgerlichen zu sechs linken Stimmen hat die vorberatende Bau- und Raumplanungskommission (BRK) sowohl die Initiative als auch den Gegenvorschlag abgelehnt. Dabei entspringt der Kern der Vorlage gar nicht linker Ideologie, die reflexhaft von rechts negiert werden müsste. Vielmehr ist die Bodeninitiative eine direkte Umsetzung der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner, der damit einen «Dritten Weg» beschreiten wollte.

Am 16. Juni 1920 hatte Steiner in Stuttgart einen seiner vielen Vorträge gehalten, in dem er seine Boden-Philosophie darlegte. Er sprach über die «Bodenfrage vom Standpunkt der Dreigliederung» und referierte, weshalb Grund und Boden nicht wie eine handel- oder auch vererbbare Ware behandelt werden dürfe. Denn Boden könne nicht produziert werden. Deshalb sei es auch nicht zulässig, ihn im Wirtschaftsprozess als Produktionsmittel einzusetzen. Es dennoch zu tun, sei eine «reale Lüge», predigte Steiner und forderte: «Man hat zunächst danach zu streben, dass man den Boden nicht kaufen und verkaufen kann».

Steiner, 1861 im heutigen Kroatien geboren, 1925 in Dornach gestorben, hat die «Bodenfrage» in sein esoterisches Gesellschaftskonzept einer dreigliedrigen «sozialen Organisation» eingebettet, das um die Begriffe Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben kreist. Die drei Sphären bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. An erster Stelle steht bei Steiner das «freie Geistesleben». Das Wirtschaftsleben soll durch «Brüderlichkeit» geprägt sein, in dem zwar Begabung und Fleiss zählen, aber nicht Kapital. Dieses – und damit auch der Besitz an Boden – solle jedoch weder enteignet noch verstaatlicht werden, wie etwa die marxistisch-leninistischen Ideologien anstreben. Vielmehr soll es in «Treuhandeigentum» transformiert werden. Steiner spricht von einer «Kapitalneutralisierung».

Die baselstädtische Bodeninitiative ist die genaue Umsetzung von Steiners Ideen – auch wenn sich sein Name in keinem Zusammenhang mit der Initiative findet. Zwar stehen mit der Edith-Maryon-Stiftung und der Stiftung Habitat zwei Institutionen hinter dem Vorhaben, die bekanntermassen Teil der anthroposophischen Bewegung sind. Doch der von ihnen in die Volksinitiative eingebrachte ideologische Überbau ist überdeckt durch den Dachverband der Wohngenossenschaften in der Nordwestschweiz, der das Zugpferd der Initiative spielt.

Die Stiftung Edith Maryon, die über ein Immobilienportfolio im Wert von 130 Millionen Franken verfügt, hat die Steiner-Doktrin als Zielsetzung formuliert: «Wir betrachten es als unsere Aufgabe, im Dialog mit Eigentümern und Nutzern Grund und Boden aus dem Waren- und Erbstrom herauszulösen, damit dieser der Spekulation entzogen und somit dauerhaft und immer wieder neu für Vorhaben, die der Gesellschaft dienen, verfügbar wird.»

Weniger explizit verweist die von Beatrice Oeri getragene Stiftung Habitat auf ihren ideologischen Kontext. Neutral lautet der Firmenzweck, «zu einer wohnlichen Stadt beizutragen». Ihre Treuhandfunktion zur «Kapitalneutralisierung» hat sie allerdings erst kürzlich wieder auf der Erlenmatt übernommen, wo sie eine Parzelle gekauft und im Baurecht an eine Genossenschaft weitergegeben hat, um sie der Spekulation zu entziehen, wie Geschäftsführer Klaus Hubmann sagte.

Für Steiner war die Spekulationsbekämpfung nur ein erfreulicher Seitenaspekt seiner Boden-Philosophie. Diese sollte vielmehr Baustein zu einer neuen anthroposophischen Gesellschaft sein, einer «sozialen Organisation» mit einem «reformierten Staat». Steiner philosophierte in seinem Stuttgarter Vortrag: «Aus den Tiefen der sozialen Menschheitsverhältnisse heraus muss etwas Neues gestaltet werden».

Rudolf Steiner wollte nicht als Gedankenphilosoph in die Geschichte eingehen, sondern durch seine Taten. Er begründete ein wirtschaftliches Imperium, die Waldhof-Schulen, die Ita-Wegmann-Kliniken mit anthroposophischer Medizin, eine eigene Demeter-Landwirtschaft. Kulturell kam Steiners Eurythmie und Farbkreis-Theorie allerdings nicht über den esoterischen Nischenstatus heraus. Realpolitisch blieben die Anthroposophen, die ihren Weltsitz in Dornach haben, zudem zurückhaltend. Bisher.

Mit der Bodeninitiative mischen sie sich nun erstmals aktiv in die regionale Politik ein. Doch nicht nur: Auf nationaler Ebene wurde die Volksinitiative für ein «bedingungsloses Grundeinkommen» eingereicht, ein weiteres Anliegen aus Steiners Gedankenwelt. Gesteuert wird dieses Initiativkomitee aus Basel, genauer aus dem Unternehmen Mitte, einem anthroposophischen Epizentrum. Dort ist die ebenfalls durch Beatrice Oeri finanzierte «Tageswoche» beheimatet, und das Gebäude gehört der Stiftung Edith Maryon.

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