Vitra Design Museum

Designs für eine vermeintlich bessere Natur von Alexandra Daisy Ginsberg

Die britische Künstlerin Alexandra Daisy Ginsberg kreiert mit wissenschaftlicher Akribie Designs für eine vermeintlich bessere Natur.

Künstliche, transparente Schnecken kriechen über den sauren Boden mit der Aufgabe, diesen zu neutralisieren. An Eichen treiben antipathogene Blasen aus, die diese Bäume entgiften sollen, und an Sträuchern wachsen gentechnisch designte Samen, die als Gebrauchsprodukte verwendet werden können. «Design for the Sixth Extinction» heisst die Arbeit, die einen langen Tisch in der Mitte des Galerieraums füllt.

Es sind Kreationen, welche die 1980 geborene britische Designerin und Künstlerin Alexandra Daisy Ginsberg geschaffen beziehungsweise entworfen hat. Es sind Kunstwerke, die aber viele Berührungspunkte zur Naturwissenschaft, namentlich zur synthetischen Biologie haben.

«Better Nature» lautet der Titel der kleinen Ausstellung in der Vitra Design Museum Gallery in Weil am Rhein. Der Titel steht ohne Fragezeichen, das inhaltlich aber durchaus angebracht wäre. «Wozu das alles?» ist eine der Grundfragen, die sich die Künstlerin mit ihrem Werk stellt. Was treibt die Menschen dazu, im Labor mit synthetischer Biologie lebende Materie zu designen, die «besser» sein soll als das, was die Natur von sich aus bewerkstelligt? Oder ganz banal gefragt: Was heisst hier «besser»?

Sechs mehrteilige Arbeiten Ginsbergs sind zu sehen, Zeichnungen, Videos, digital bearbeitete Fotos und 3DModelle. Sie alle bewegen sich in einem Bereich zwischen Faszination und Skepsis. Sie kommen daher wie Zukunftsvisionen aus der Forschung.

Zum Teil sind diese gar nicht so weit von der Realität entfernt, wie etwa Bakterien, die so designt sind, dass sie den Wirt, also den Menschen, der sie beherbergt, frühzeitig vor Krankheiten warnen. Diese Vision entstand wie viele weitere in enger Zusammenarbeit mit Biologen. Andere Designideen wiederum sind von einem deutlichen Augenzwinkern geprägt. Etwa die Vision, wie der Dickdarm als alchemistisches Labor genutzt werden kann, in dem aus Verdauungsmaterial Gold wird.

Zum Nachdenken ermutigen

Leicht zugänglich sind diese in einem komplexen wissenschaftlichen Diskurs eingebetteten Arbeiten nicht. Viele von ihnen sind ohne Hintergrundinformationen kaum verständlich. Das gilt insbesondere auch für das Werk «The Wilding of Mars». Auf zwölf Bildschirmen simuliert Ginsberg in einem einstündigen Zeitraffer, wie der Mars über einen Zeitraum von 100'000 Jahren ohne menschliches Zutun von Pflanzen besiedelt werden könnte. Den sinnlichsten Zugang bietet die Installation «Resurrecting the Sublime». In Zusammenarbeit mit einer Biotech-Firma hat Ginsberg eine Blume rekonstruiert, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Weinbau verdrängt und schliesslich ausgerottet wurde. Aus Pflanzenproben aus einem Herbarium entnahm das Team die DNS und reproduzierte die Duftmoleküle.

Unter einer Haube ist der herb-süssliche Duft zu riechen, den diese Blume einst ausgeströmt hat oder haben könnte. «Jurassic Park» im Flora-Bereich quasi. Daneben ist in einer Videoanimation eine nebelverhangene Wiese zu sehen, die von dieser Blume übersät ist. Die Frage dahinter: Lohnt sich der Aufwand, diese Blume wieder zu beleben, oder wäre es nicht viel gescheiter gewesen, früher zu handeln und das Aussterben zu verhindern?

Alexandra Daisy Ginsbergs Motivation sei es, «Kunstwerke zu schaffen, die zum Nachdenken ermutigen und verdeutlichen, dass es immer Möglichkeiten gibt, in der Gegenwart anders zu handeln», sagt sie in einem Interview in der Zeitung zur Ausstellung. Das klingt im ersten Moment sehr nach Kunst mit dem erhobenen Zeigefinger. Ginsberg entgeht dieser Gefahr aber, indem sie ganz einfach wissenschaftliche Visionen künstlerisch darlegt, ohne plakativ aufzuzeigen, was gut oder schlecht ist.


   

«Alexandra Daisy Ginsberg: Better Nature». Bis 24. November 2019 in der Vitra Design Museum Gallery.

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