Naturhistorisches Museum
Der Neubau hat im Untergrund abgespeckt – und ist trotzdem teurer

225 Millionen Franken soll der Neubau aus Naturhistorischem Museum und Staatsarchiv Basel-Stadt beim Bahnhof St. Johann kosten – obwohl ein ganzes Stockwerk sowie die Turm-Bar gestrichen wurden. Auch die Betriebskosten steigen.

Samuel Hufschmid
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So soll das neue Naturhistorische Museum Basel aussehen.
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Ansicht vom Vogesenplatz

So soll das neue Naturhistorische Museum Basel aussehen.

zvg

Zwei bedeutende Kulturinstitutionen unter einem (neu gebauten) Dach im aufstrebenden St. Johann-Quartier: Das ist der Masterplan für den Neubau für Naturhistorisches Museum und Staatsarchiv. Am Donnerstag wurden dazu erstmals Details präsentiert. Und die haben es in sich: Während Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne) und Baudirektor Hans-Peter Wessels (SP) eine regelrechte Werbeveranstaltung führten, konnten sie einige kritische Fragen höchstens ausweichend beantworten. Da ist einerseits der Widerspruch zwischen Effizienzsteigerung und Mehrkosten.

Das Staatsarchiv, das aus allen Nähten platzt und dringend auf mehr Fläche angewiesen ist, muss seine Archivgüter derzeit aus fünf externen Depots zusammenkramen. «Das ist extrem ineffizient und braucht sehr viele Ressourcen», legte Staatsarchivarin Esther Baur dar. Im Neubau sei alles an einem Ort – und trotzdem beantragt das Staatsarchiv zusätzliche Betriebskosten von jährlich 740'000 Franken. Baur dazu: «Der Effizienzgewinn ist beträchtlich, die zusätzlichen Kosten entstehen nur deshalb, weil wir aktuell auf Sparflamme arbeiten.» So sei ein Teil des Archivguts als Zwischenlösung in eigentlich ungeeigneten Räumen untergebracht. Würde dies alles auf den eigentlich erforderlichen Stand gebraucht, wären die Kosten um ein Mehrfaches höher.

Neubau

Und wo bleibt die Turm-Bar?

Die genauen Umstände lassen sich nicht mehr rekonstruieren, aber Fakt ist: In den gestern vorgestellten, überarbeiteten Plänen des Museum-Neubaus fehlt die ursprünglich angekündigte Bar. Bei der Präsentation des Siegerprojekts des Zürcher Architekturbüros EM2N 2015 war von ebendieser Bar die Rede – bei der «Tages Woche» schaffte es das Tüpfelchen auf dem i sogar in den Titel. Zuoberst gelegen im 40-Meter Turm sollte sie sein, öffentlich zugänglich auch ausserhalb des Museumsbetriebs... so richtig party-launig.

Gestern aber Katerstimmung. Kein Wort von einer Bar, vielmehr ein «Veranstaltungsraum im Turm», der auch an Dritte vermietet werden kann. Auf Nachfrage kam die Klärung: Im Auftrag an die Architekten, auch «Raumkonzept» genannt, sei nie von einer Bar die Rede gewesen. Entsprechend wurde der oberste Raum im Turm diesen Anforderungen im Raumkonzept angepasst – die Bar wurde zum Veranstaltungsraum.

Wie gesagt, die genauen Umstände lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Aber der Gedanke liegt doch irgendwie nahe, dass sich die Architekten beim Anblick einer dreidimensionalen Visualisierung ihres Turmes spontan gedacht haben: «Schau, dieser Ausblick aufs Quartier, den Sonnenuntergang, die offenen Gleisfelder... das wär’ doch der ideale Raum für eine Bar. Lasst uns das einzeichnen.» Eine spontane Idee also, ohne Anspielungen machen zu wollen: Man könnte auch von einer Bier- oder Schnapsidee sprechen. Aber sind nicht manchmal die spontanen Ideen die besten, oder eben: Das Tüpfelchen auf dem i? (huf)

Höhere Betriebskosten

Das zweite, oft genannte Wort an der Präsentation heisst Synergien. Vertreter beider Institutionen legten dar, wie gut die beiden Häuser zusammenpassen und wie viel sich damit einsparen lässt. «Es ist ja auch günstiger, ein Doppeleinfamilienhaus statt zwei Einfamilienhäuser zu bauen», sagte David Alder, Co-Direktor des Naturhistorischen Museums dazu. Exakte Zahlen dazu blieben die Verantwortlichen schuldig. Viel mehr wurde das revidierte Projekt als abgespeckte Variante zu leicht erhöhten Kosten präsentiert. Auf ein fünftes Untergeschoss wird ganz verzichtet. Trotz dieser Einsparungen von 18 Millionen Franken kommt das Projekt 5,4 Millionen Franken teurer zu stehen als ursprünglich geschätzt.

Zu den Mehrkosten trägt gemäss Bericht nebst der Teuerung auch «Kosten für Massnahmen, die aufgrund der komplexen Rahmenbedingungen des Bauplatzes erforderlich sind». Dazu gehört, dass die Baugrube auch im redimensionierten Gebäude bis unter den Grundwasserpegel reichen und entsprechend abgestützt werden müssen. Und dass das Gebäude wegen der nahen Bahnlinie vor Erschütterungen und Gefahrgutunfällen auf den Gleisen geschützt werden muss. Auch können wegen der Standortwahl nicht wie ursprünglich geplant und vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfohlene Kulturgüterschutzräume errichtet werden.

Alles auf eine Karte

Alternative Standorte, eine Aufgliederung der Kosten für die einzelnen Institutionen oder andere Kombinationen, etwa zwischen dem Historischen Museum und dem Staatsarchiv – all das ist Vergangenheit und wird im Ratschlag mit keinem Wort erwähnt. Zwar gestellt, aber nicht beantwortet, wird die Frage: Was geschieht mit den bisherigen Gebäuden, wenn die beiden Institutionen umziehen? Im Berri-Bau, das ist klar, soll weiterhin ein Museum sein – im besten Fall das Antikenmuseum.

Ob das Gebäude dafür geeignet ist, wird «im zweiten Halbjahr 2018» bekannt sein, sagt Ackermann. Damit wäre zumindest der Grosse Rat im Bilde darüber, was mit dem Berri-Bau geschehen könnte, wenn er seine Zustimmung zum Neubau gibt. Als Alternative zum Antikenmuseum mit seinen Gipsabgüssen klassischer Skulpturen könnte der Berri-Bau auch durch das Historische Museum genutzt werden. Die Kosten für die Verlegung des Antikenmuseums sowie die bauliche Sanierung werden im Ratschlag auf 120 Millionen Franken geschätzt. Für die Nachnutzung des heutigen Staatsarchivs hat die Regierung ebenfalls bereits Pläne: Einige Abteilungen des Präsidialdepartements sollen von einer Mietliegenschaft am Marktplatz ins Gebäude an der Martinsgasse einziehen.

Zunächst brütet nun aber die zuständige Grossratskommission über dem Ratschlag, ehe dieser – frühestens im Sommer – ins Kantonsparlament gelangt. Und dann wäre auch noch eine Volksabstimmung möglich.

Spätestens dann würde sich zeigen, was die Baslerinnen und Basler davon halten, dass das Naturhistorische vom Münsterhügel ins St. Johann zügeln soll und ob sie bereit sind, ihre Kindheitserinnerungen an knarrende Holzböden und stickige Ausstellungsräume aufzugeben.

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