Basel
Der Leiter der Basler Mittelschule: «Im Prinzip gibt es nur Selbstbildung»

Nach 12 Jahren in der Schaltzentrale der Bildung geht Hans Georg Signer in Pension. Er sagt, wieso er glaubt, dass er einem Kind das Wissen nicht beibringen kann und wieso es bei der Schule nur um gute Bedingungen für die Kinder geht.

Pascale Hofmeier
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Unterrichten, Rektorat, Bildungsverwaltung: Hans Georg Signer hat immer im Bildungsbereich gearbeitet. Nicole Nars

Unterrichten, Rektorat, Bildungsverwaltung: Hans Georg Signer hat immer im Bildungsbereich gearbeitet. Nicole Nars

Bei der Ritter-Georg-Statue auf der Treppe zum Basler Leonhards-Gymnasium zieht Hans Georg Signer den Kittel aus. Seine formale Arbeitskleidung wird er ab dem 31. Juli öfter zur Seite legen: Er geht Ende in Pension. Der Abschied aus dem Basler Bildungsbetrieb fällt ihm nicht leicht.

Herr Signer, warum treffen wir uns beim Ritter Georg?

Hans Georg Signer: Ich habe von 1976 bis 2002 am Holbein- und Leonhards- Gymnasium Mathematik und Biologie unterrichtet und war auch als Rektor tätig.

Woran erinnern Sie sich besonders?

(zögert) Das war der Tod einer Schülerin. Sie wurde auf dem Birsigviadukt von einer alkoholisierten Autofahrerin überfahren. Ich war Rektor und es gab noch keine Careteams.

Das ist eine sehr traurige Erinnerung.

Das stimmt. Wenn ich an meine Funktion als Lehrer allgemein denke, dann war es für mich immer ein wunderbares Erlebnis, wenn bei einem Schüler oder einer Schülerin „s zwänzgi gheit isch“. Wenn sie zum Beispiel begreifen, wie Gleichungssysteme mit Geometrie im Raum zusammenhängen. Damit kann man sich zwar kein Kinobillett oder einen Hamburger kaufen, aber Glück erwerben. Es begeistert mich, wenn sich junge Menschen Wissen aneignen. Bildung heisst, sich Dinge selber anverwandeln. Als Lehrer kann ich das keinem beibringen, das muss er selbst tun. Im Prinzip gibt es nur Selbstbildung.

Wozu braucht es dann Lehrer?

Die Lehrperson hat eine Schlüsselfunktion, sie motiviert und unterstützt mit Fachwissen, mit Methoden und mit Empathie die Selbstbildung.

Haben Sie das Unterrichten nie vermisst?

Doch. Ich glaube, ich war ein leidenschaftlicher Lehrer. Aber ich wollte auch immer neue Perspektiven einnehmen. Unterrichten, Rektorat, Bildungsverwaltung – das hat den gleichen Gegenstand: Wie funktioniert Bildung?

Dann zu Ihrem Kerngeschäft: Was ist Schule?

Schule ist ein Gedeihraum für junge Menschen, der zwei zentrale Aufgaben hat. Die eine Funktion ist die öffentliche. Die Arbeitswelt und die demokratische Gesellschaft haben Bedarf an Wissen und Fähigkeiten. Und Schule hat eine private Funktion für das Kind, damit es sich möglichst gut entwickeln kann. Ich bin dafür, dass Kinder in der Schule möglichst viel lernen. Da dürfen wir ruhig auch ambitioniert sein, aber ein einem Rahmen, in dem es ihnen wohl ist. Kinder haben einen Anspruch auf Wohlbefinden. Schule ist auch etwas künstliches, eine Puppenstube, in der die ganze Welt Platz findet.

In der öffentlichen Debatte geht es selten um Kinder, dafür häufig um Lehrer, Lehrpläne und Geld?

Diese Wahrnehmung wundert mich. Uns geht es nur um die Kinder. Selbstverständlich geht es auch um gute Arbeitsbedingungen für Lehrekräfte und Schulleitungen. Aber zentral ist, dass Kinder unter guten Bedingungen möglichst viel lernen können.

Im Zusammenhang mit der Schulharmonisierung ist es selten ein Thema, wie es den Schülern geht.

Ich sage vielleicht ein wenig blauäugig, dass ich das voraussetze. Was auch immer wir tun, Harmos, Tagesstrukturen, sprachliche Frühförderung, harmonisierte Matur – das Ziel ist eine gute Struktur, sind gute Angebote, damit Kinder und Jugendliche gut lernen können.

Diese Struktur haben sie in den letzten Jahren durch unzählige Reformen mitgestaltet.

Es wäre falsch zu meinen, die Bildungspolitik käme aus den Büros an der Leimenstrasse. Das war noch nie so. Verschiedene Entwicklungen werden von unterschiedlichen Akteuren angestossen. Im 19. Jahrhundert war das Militärdepartement ganz wichtig mit den Rekrutenprüfungen. Das war ein Impuls dafür, dass die Kantone ihre obligatorischen Volksschulen aufbauten. Ein anderes Beispiel ist der Hygieneprofessor, der in den1880er-Jahren in Basel Standards erlassen hat für den Schulbau. Die schrieben die Anzahl Kubikmeter Luft pro Kind und die Quadratmeter Fenster pro Kind vor. Das erste Schulhaus im Claragraben wurde nach diesen Standards gebaut.

Woher kommen die Reformimpulse heute?

Die Sprachpolitik, der frühe Beginn mit den Fremdsprachen, war eine OECD-Initiative. Zu sagen, was den Anstoss für Harmos gab, ist schwieriger. Ich denke, der Pisa-Schock im Jahr 2000 war wichtig. Die Politik wurde in Aufruhr versetzt und kam zum Schluss, dass die Vereinheitlichung der Schule die Antwort auf die vermeintliche Bildungskrise sei. Die integrative Volksschule hingegen, das ist im Prinzip das älteste Projekt. Seit dem 19. Jahrhundert gehen alle Kinder in die gleiche Schule. Offen war nur, was a“lle„ heisst. Insofern ist es falsch, bei der integrativen Schule von Reform zu sprechen. Vielmehr weben wir an altem Tuch weiter. Aber selbstverständlich kommen auch aus der Erziehungsdirektion Impulse. Einer war der Aufbau von Schulleitungen auf der Volksschulstufe.

Für viele Reformen wurden Sie auch kritisiert. Hat sie das erschüttert?

Die Kritik ging nicht spurlos an mir vorbei. Ich kann verstehen, wenn Leute sagen, es sei viel zu viel und gehe zu schnell. Getroffen hat mich die Aussage, es werde alles bürokratischer. Ich empfinde mich nicht als Bürokrat, habe nie selber ein Formular erfunden. Aber es stimmt; es ist vieles standardisiert worden und die Rechtfertigungspflicht der Bildung wurde grösser. Dafür musste ich mich rechtfertigen.

Wie ist das, so grossen Einfluss zu haben?

Man muss sich seiner Macht bewusst sein. Obwohl ich finde, in der Schweiz gibt es auch – bildungspolitisch – keine Machtzentren. Die Bildungspolitik ist pluralistisch, und das ist gut so. Unsere Funktion ist, politischen Willen in schulische Realität übersetzen, aber auch die Bedürfnisse der Schule in ein Verständnis seitens der Politik übersetzen. Wichtig war für mich persönlich, die lokale Entwicklung vor Ort zu fördern. Dennoch kritisiere ich, dass die Schule zurzeit Spielball der Politik wird. Das finde ich verheerend. Man tut gut daran, die Schule als letzte funktionierende Klammer der Gesellschaft nicht der polarisierenden Politik auszusetzen. Die Gesellschaft und auch die Politik sollten die Schule auf Händen tragen. Das macht Skandinavien besser.

Was macht Skandinavien besser?

Die Schulen werden mehr in Ruhe gelassen. Es gibt ein grosses Vertrauen, dass die ihre Arbeit gut machen. Das würde ich unseren Schulen auch wünschen. Sie verdienen es. Nicht speziell nur in Basel, sondern Schweizweit. Bald kommen die Wahlen, darum wird die Schule als Thema entdeckt. Vor ein paar Jahren kam der Begriff Kuschelpädagogik ins Spiel. Er verkennt, dass junge Menschen in der Schule etwas lernen sollen und dass das besser geht, wenn es ihnen gut geht. Schwarze Pädagogik schadet.

Wie ging es Ihnen selber in der Schule in Herisau?

Sehr verschieden. Leider muss ich da dem berühmten Schulforscher Hattie recht geben. Obwohl ich finde, seine Kernaussage, der Lehrer sei das Wichtigste im Lernprozess, hat den falschen Fokus. Der Schüler ist das Wichtigste, auf ihn kommt es an, ob er lernt. Bei mir hat es bei den meisten Lehrern gestimmt. Nur eine Primarlehrerin hat noch Tatzen verteilt. Und in der Sek habe ich meine Schulkrise eingezogen. Danach kam ich in die Kantonsschule in St. Gallen. Das war wieder gut.

War Ihnen die Heimat zu Eng?

Es gibt zwei Seiten. Das Appenzellerland hat seine schönen Hügel mit freiem Blick. Aber es hatte seine politische und zum Teil damals noch konfessionelle Enge. Ich habe 1970 die Matur gemacht. Das war noch eine andere Zeit. Ich war übrigens ganz brav. Die 68er-Bewegung ging an mir vorbei. Damals war das Rektorat völlig überfordert, dass sie jetzt plötzlich wollende Subjekte vor sich hatten.

Haben Sie sich darum für ein Studium in Basel entschieden?

Das war kein rationaler Entscheid. Mein Philosophielehrer, Otto Ries, war ein distinguierter Basler. Er hat viele Bezüge zu Basel geschaffen, zum Beispiel mit Karl Barth und Friedrich Nietzsche. Ich war immer Fan von Basel. Ich habe auch immer am Radio die Schnitzelbängg gehört. Ich habe den Bauchentscheid nie bereut. Basel war sehr freundlich zu mir.

Haben Sie angetroffen, was sie erhofften?

Basel war damals schon eine offene und pluralistische Gesellschaft. Ausser, dass die Schüler ab und zu meinen Ostschweizer Dialekt nachgeahmt haben, ist mir nichts passiert. Ich habe die Stadt als etwas sehr aufregendes erlebt. Ich kann mich gut an den ersten Tag erinnern. Mein Vater hat mich an einem Sonntag mit dem Opel Kadett mit einem Koffer von Herisau nach Basel gefahren, zu meinen Schlummereltern an der Hegenheimerstrasse. Mit ihnen habe ich dann auch das Badezimmer geteilt. Am Montag hat die Uni begonnen. Es ist für mich unvergesslich wie ich vor den Fluchten mit den Vorlesungsverzeichnissen stand. Total ratlos und mit einem extremen Respekt vor der Uni.

Hatten Sie nie Sehnsucht nach der Heimat?

Letztes Jahr habe ich ein Häuschen in Heiden gekauft, in der Nähe des Bauernhofes meines Grossvaters. Mir gefällt es dort sehr gut, es ist eine Märchenlandschaft. Mein Grossvater lebte dort die klassische Appenzellerexistenz: Er war Seidenweber, hatte den Webstuhl im Keller, und war Kleinbauer mit Kühen und Wald. Ich war dort oft in den Ferien. Die Appenzeller-Identität ist mir auch geblieben. Ich finde Appenzeller ist ein guter „Brand“. Die Appenzeller haben einen anarchistischen Einschlag, etwas beharrliches, sehr eigenständiges.

In welcher Weise hat Sie das geprägt?

Ich wurde sehr stark durch die Landsgemeinde geprägt in der Kindheit. Als Ort kultureller und sozialer Identität. Im Zentrum stand nicht der demokratische Prozess, sondern die Frage, was es heisst, ein Appenzeller zu sein. Ich finde es traurig, dass sie abgeschafft wurde. Der wichtigste Faktor war wohl der Trotz, weil sie das Frauenstimmrecht einführen mussten. Man hätte alle Demokratie-Mängel beseitigen können. Aber den Ort der sozialen und ethischen Selbstvergewisserung aufzugeben, das finde ich falsch. Ich bin kein Fussballfan. Aber ich finde darum den FCB und Fussball wahnsinnig wichtig.

Weil Sie Identität stiften?

Ja, die Gesellschaft beruht auf zwei starken Pfeilern. Da ist die ökonomische Selbsterhaltung. Ein gutes Leben haben, materiellen Wohlstand und Sicherheit. Wir investieren sehr viel in diese Art guten Lebens. Das andere ist die kulturelle, philosophische, soziale Selbstvergewisserung, Identität zu haben. Wir haben viel davon aufgegeben. Und darum ist auch die Schule ganz wichtig. Das ist der letzte Ort, wo alle hingehen.

Jetzt kommt der Moment des Abschieds. Sie gehen vor der nächsten Reform. Was hinterlassen Sie?

Es gibt die berühmte Karikatur von Bismarck, wie er das sinkende Schiff verlässt. Ich finde nicht, dass ich mit einem schlechten Gewissen gehen muss. Wenn ich noch fünf Jahre jünger wäre, würde ich bleiben. Es ist uns sicher nicht alles gelungen und es gibt auch berechtigte Kritik. Aber wir sind auf gutem Weg.

Ihr Chef Christoph Eymann hat sich auf zwei Seiten von Ihnen mit einem öffentlichen Dankesbrief verabschiedet. Fällt es Ihnen leicht, das Lob anzunehmen?

Nein. Wirklich nicht. Er weiss das auch. Das ist meine protestantische Appenzellerseele, die damit Mühe hat. Es ist sehr freundlich, aber „es tuets jetzt“. Es verdienen wahnsinnig viele Leute Dank, darum geniere ich mich auch ein wenig.

Tut es weh, zu gehen?

Ja, es sind auch viele sehr gute Beziehungen, die sich längst nicht alle erhalten lassen.

Was haben Sie vor?

Ich freue mich, dass der Alltagsdruck wegfällt. Ich werde im Fachhochschulrat der FHNW bleiben und Präsident von Literatur Basel. Sicher werde ich auch ein soziales Engagement annehmen. Ich werde im Wald meines Grossvaters in Heiden selber Holzen gehen. Und mehr meiner Velo-Leidenschaft fröhnen. Ich möchte mit Satteltaschen und Zelt um die Ostsee fahren. Und ich werde sicher auch nach Neuseeland fahren, wo mein Sohn mit seiner Frau und Enkelkind leben.

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