Todesfall
Der Jazz verliert einen Pionier, Brückenbauer und Visionär

Er spielte mit Louis Armstrong, tingelte durch Nordafrika, lotete die Grenzen des Big-Band-Jazz aus und schrieb die erste Jazz-Oper in der Musikgeschichte – das sind die Meilensteine in der langen Karriere des verstorbenen George Gruntz.

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Wichtigster Botschafter des Schweizer Jazz: George Gruntz, hier am Jazz Festival in Schaffhausen im Jahr 2005.Keystone

Wichtigster Botschafter des Schweizer Jazz: George Gruntz, hier am Jazz Festival in Schaffhausen im Jahr 2005.Keystone

Mit dem Jazzmusiker George Gruntz ist am vergangenen Donnerstag der wichtigste Botschafter des Schweizer Jazz im Alter von 80 Jahren gestorben. Die «Herald Tribune» bezeichnete ihn als den «europäischsten aller europäischen Musiker». Als solcher hat er in den letzten 50 Jahren den Jazz in Europa massgeblich geprägt. Er war leidenschaftlich, herzlich, ehrgeizig, hartnäckig und manchmal unbequem. In Erinnerung bleibt er vor allem als Bandleader, der den Big-Band-Jazz weiterentwickelt und ihm neue Richtungen gewiesen hat. Gruntz war aber noch mehr: Er war ein Innovator, Pionier, Brückenbauer und Visionär. Seine wichtigsten Stationen und musikalischen Meilensteine wollen wir deshalb hier noch einmal in Erinnerung rufen.

Die Anfänge

Der 1932 in Basel geborene George Gruntz besuchte das Konservatorium in Zürich und machte sich Ende der 50er-Jahre als Jazzpianist einen Namen. Als Amateur gewann er Preise am Zürcher Jazzfestival, 1958 trat er am Newport Festival auf und spielte dort unter anderem mit Louis Armstrong. Professioneller Musiker wurde er aber erst in den 60er-Jahren. Wie damals üblich, begleiteten die besten und beweglichsten europäischen Musiker die amerikanischen Jazzstars bei ihren Konzerten in Europa. So spielte der junge Gruntz als Pianist in den Pariser Clubs mit Stars wie Chet Baker, Gerry Mulligan, Roland Kirk, Woody Shaw, Art Farmer oder Dexter Gordon. Er war ein begabter, aufstrebender Pianist im Stil der amerikanischen Hard-Bop-Pianisten jener Zeit. Seinen eigenen Stil hatte er aber noch nicht gefunden.

Barockmusik neu erfunden

Dies änderte sich, als er Anfang der 60er-Jahre die Basler Cembalistin Antoinette Vischer kennenlernte. Sie gab Gruntz einen Kompositionsauftrag für zeitgenössische Cembalomusik – und der Jazzer Gruntz begann sich intensiv mit zeitgenössischer Komposition zu befassen. Ergebnis waren drei «Jazz Goes Baroque»- Alben, die in den Jahren 1964 und 65 erschienen und zu einem ersten Erfolg wurden. Anders als der französische Kollege Jacques Louissier, der in derselben Zeit mit jazzmässigen Adaptionen von Bach begann, brach Gruntz danach zu neuen Ufern auf. Er war zu neugierig, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen.

Schweizer Volksmusik

Die Barock-Experimente waren vielmehr die Initialzündung für Gruntz, der in der Folge immer wieder Neues erkundete, Fremdes erforschte, Grenzen überschritt und Horizonte erweiterte. Es folgten unzählige Projekte in Film, Ballett und Theater. Von 1970 bis 1984 war er musikalischer Leiter des Schauspielhauses Zürich. Er beschäftigte sich auch intensiv mit Schweizer Volksmusik. Berühmt sind vor allem seine Bearbeitungen für die Basler Trommler und Pfeifer, für den Männerchor der Basler Liedertafel oder zum 100-Jahr-Jubiläum der Fasnachtsgesellschaft.

Gruntz entdeckt die Welt

Neben dem Nahen suchte Gruntz aber immer auch das Fremde, das Exotische aus anderen Musikkulturen. Mitte der 60er-Jahre reiste er mit Don Cherry, Sahib Shihab, Daniel Humair und anderen durch Nordafrika und spielte mit tunesischen Beduinen. Zu einer Zeit notabene, zu der es die Bezeichnung World-Music gar noch nicht gab. Es folgten weitere Experimente und Kombinationen von Stilen und Dialekten. Jazz mit Tango, türkischer Musik sowie mit Blues und Gospel.

Grenzen des Big-Band-Jazz gedehnt

Seine grösste Leidenschaft gehörte aber dem grossorchestralen Jazz. Auf Anregung seines Förderers Flavio Ambrosetti gründete er Anfang der 70er-Jahre seine Concert Jazz Band. Zu einer Zeit, in der im Big-Band-Jazz schon alles gesagt schien und schon etwas Staub angesetzt hatte, begann er die Grenzen auszuloten. Ausgehend von einem Jazzverständnis hat er sich beim Komponieren an der klassischen Moderne und den Zwölftönern wie Luciano Berio, Earl Brown und Rolf Liebermann orientiert. Gruntz hatte ein Tonsystem entwickelt, das ihm ermöglichte, polytonal zu schreiben. Das heisst, die verschiedenen Instrumente konnten gleichzeitig in verschiedenen Tonarten spielen.

Die ersten Jazz-Opern

Motiviert von Rolf Liebermann, beschäftigte sich Gruntz auch intensiv mit der Oper. So schuf er 1973 mit der «World Jazz Opera» die erste Jazz-Oper der Musikgeschichte. Sie wurde 1982 in Teilen im La Mama-Theatre in New York uraufgeführt, aber erst 2003 folgte in überarbeiteter Fassung unter dem Namen «The Magic Of A Flute» das komplette Werk. 1983 schrieb er für den «Steirischen Herbst» die Jazz-Oper «The Holy Grail of Jazz And Joy», eine Bearbeitung des Merlin-Stoffes. 1988 schliesslich «Cosmopolitan Greetings» (Regie: Robert Wilson) zu einem Libretto des Beat-Poeten Allan Ginsberg über das Leben von Bessie Smith.

Anders als die jazznahen Opern wie jene von Kurt Weill und Ernst Krenek waren Gruntz’ Werke immer für Jazzmusiker und Jazzorchester komponiert und arrangiert. Seine Opern swingten, die Improvisation nahm eine zentrale Rolle ein. Bei all seinen Ausflügen in andere musikalische Gefilde hat sich George Gruntz immer als Jazzmusiker verstanden.

Aktuelle Nachrichten