Stiller Has ohne Schifer Schafer, den «Giacometti der Gitarre»? Stiller Has ohne Salomé Buser, die charismatische Bassistin? Geht das? Die Frage schwebte am Donnerstag über den Köpfen des mehrheitlich ergrauten Publikums in der ausverkauften Reithalle im Wenkenpark in Riehen. Endo Anacondas Fans sind mit ihm älter geworden. Er dankt ihnen ihre Treue mit träfem Witz: «Es ist schön, wird man nicht nur wegen seinem Körper geliebt.»

Wohin die musikalische Reise der neuen Band geht, war bereits seit Februar auf dem neuen Album «Endosaurusrex» zu hören. Die Zeiten des scheppernden Minimalblues sind vorbei. Country, Latino-Rhythmen, osteuropäische Folklore halten Einzug. Da und dort sülzen sogar Streicher. Arrangiert wurden die Songs vom Pianisten Roman Wyss und dem Akkordeonisten Mario Batkovic. Letzterer steht, zumindest in Riehen, nicht mit der Band auf der Bühne. Neben Wyss am Piano sind da der junge Andreas Wyss am Bass, der Schlagzeuger Andi Pupato und der Gitarrist Boris Klečić.

Nicht ruhiger, nur anders

Die formidable Band markierte gleich mit dem ersten Song, dass hier nicht «Kleinkunst» gemacht wird, wie einige Kritiker des neuen Albums monierten. Die druckvolle und vielschichtige Version von «Märli», einem Song aus dem letzten Album «Böses Alter», blies die berechtigten Zweifel weg. Der neue Has ist nicht ruhiger geworden, bloss anders.

Alte Songs wie «Chlyne Tod», «Chätschgummi» oder «Käthi» bleiben auch im neuen Gewand frisch. Gassenhauer wie «Guarda che luna» funktionieren immer noch. Die Songs haben Drive. Und die Streicher sind auf der Bühne nicht dabei.

Das Epizentrum des Ganzen, der «Mann am Textrollator» (Zitat Anaconda), 115 Kilo schwer (eine Schätzung) ist trotz starkem Heuschnupfen («dieses verdammte Schneewittli») immer noch eine Wucht. Er, der vormalige Da-Da-Blueser ist endgültig zum Sänger geworden, und ist dabei Dichter geblieben. Zehn der zwölf neuen Lieder gab er zum Besten. Seine Themen wird er auch darin nicht los, und das ist gut so.

Anaconda tänzelt nicht nur physisch mit weit offenen Armen. Er weitet die Welt, in dem er seine Innenschau und seinen Blick auf die Gegenwart aufeinanderprallen lässt. Während er an einem ganz normalen Freitag mit der Zeitung Fliegen totschlägt, singt er: «Für immer Chrieg, für immer jung, u wed allei bisch, choufsch e Hung».

Wenn der Mann eine Heimat hat, dann ist es die Sprache. Er werde so lange Bärndeutsch singen, bis man dieser Sprache seinen Einfluss anmerke, sagt er. Ansonsten scheint es für ihn kein Halten zu geben. Er spielt für uns die Rolle des Geisterreiters, der einer Sehnsucht folgt, von der er selbst nicht weiss, was sie ist («Flieder»). Auf diesem Ritt besingt er, seit es ihn gibt, die Frau.

Sie ist ihm, wie «Elisabeth» aus Klagenfurt, tief eingebrannte Erinnerung. Oder wie «Julia» eine flüchtige Begegnung im Bordell. Oder eine Partnerin in einem falschen Spiel («Härz Ass»). Wird unser Reiter sesshaft, hält er es nicht aus, sagt «Adios Schneewittchen» und macht sich auf und davon aus diesem «Land hinger de Bärge, wo Cowboys zu Gartezwärge wärde».

Anaconda umspielt seine Heimatlosigkeit augenzwinkernd und findet für sie auch nach 30 Jahren neue Sprachbilder. Er bleibt der Sehnsucht treu. Die Sesshaften danken es ihm.