Basel
Der Crash des E-Bike-Pioniers: Kutter muss Konkurs anmelden

Die Basellandschaftliche Kantonalbank versetzte dem Dolphin den Todesstoss. Im Herbst kündete sie einen Kredit über 250 000 Franken für den Produktionsaufbau des E-Bikes.

Andreas Maurer
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Schlechte Zeiten: Michael Kutter musste nach dem Grounding seiner E-Bike-Flotte die Bilanz deponieren. Kenneth Nars

Schlechte Zeiten: Michael Kutter musste nach dem Grounding seiner E-Bike-Flotte die Bilanz deponieren. Kenneth Nars

Vereinbart war, dass Michael Kutter mit seiner Dolphin E-Bikes GmbH das Geld ab 2013 in kleinen Raten zurückzahlt.

Kutter hielt sich nicht an die Abmachung. «Wir waren finanziell angeschlagen, doch es gab verschiedene gute Aussichten», sagt er. Das Vorgehen der Bank kann er nicht nachvollziehen: «Es gibt fast nichts zu verwerten.» Kutter deponierte die Bilanz. Das Basler Zivilgericht eröffnete den Konkurs. Bis am 9. Mai können die Gläubiger ihre Forderungen eingeben. Der Schuldenberg ist Kutters Lebenswerk. «Dass es so endet, ist traurig und ungerecht», sagt der 55-Jährige.

Begonnen hat es mit einer Erfolgsgeschichte. In den 80er-Jahren tüftelte Kutter neben seinem Studium in Philosophie, Deutsch und Ethnologie an Liegevelos herum. Mit anderen Studenten entwickelte er das Elektromobil Twike, das 1986 an der Weltausstellung in Vancouver gefeiert wurde. Sein Studium schloss er nie ab. Unkonzentriertes Arbeiten macht er zum Programm: «Oft entsteht Neues, wenn man abschweift und ineffizient arbeitet.»

Per Zufall machte Kutter 1990 die Erfindung seines Lebens. Eigentlich wollte er einen neuen Rückwärtsgang konzipieren. Stattdessen baute er das weltweit erste E-Bike. Der Motor des Elektrofahrrads wird nicht wie bei einem Velosolex mit einem Gasgriff geregelt. Je stärker man in die Pedale tritt, desto mehr unterstützt der Elektromotor. Die Velopedale werden zu Gaspedalen. Kutter war überzeugt, dass sich seine Erfindung rasch durchsetzen würde. Es dauerte zwei Jahrzehnte.

Der Hype setzte erst 2008 ein. Beim ersten E-Bike-Test des Kassensturzes wurde der Dolphin Testsieger. Er punktete vor allem mit der Leistung, die selbst am Berg stark ist. Olympiasieger Fabian Cancellara war beeindruckt: Bei einem Bergrennen gab er sich auf seinem Rennrad gegen den Dolphin geschlagen.

Kutter konnte seine Erfindung trotz der Vorschusslorbeeren nicht zu Geld machen. Bei der Wahl seiner Geschäftspartner fehlte ihm das geschickte Händchen, das ihn in der Werkstatt auszeichnet. Er vergab die Lizenz für seinen Dolphin an Firmen, die nie grosse Stückzahlen erreichten. Für den Untergang macht Kutter eine deutsche Elektronikfirma verantwortlich. Diese habe Messleitungen mit einem Leckstrom geliefert, der die Akkus entlud, wenn sie längere Zeit nicht benützt werden. Jeder vierte der rund 2000 in Umlauf gebrachten Dolphins war betroffen. 2010 stoppte Kutter die Produktion. Auch mit neuer Elektronik und besserer Batterie kam das Geschäft zwei Jahre später nicht mehr in die Gänge. Der Vertrauensverlust bei den Händlern sass zu tief.

Erfolgreich war Kutter im Verhandeln mit den Behörden. Beim Astra erwirkte er 1993 die Zulassung von schnellen E-Bikes als eigene Fahrzeugkategorie. Das Basler Amt für Umwelt und Energie überredete er zu Subventionen, die von 2000 bis 2012 flossen. Von beiden Verhandlungserfolgen profitierte allerdings die rasch aufgekommene Konkurrenz gleichermassen. Sie fuhr dem Pionier
davon.

Simon Dobslaw vertreibt im badischen Eimeldingen E-Bikes. Er bedauert den Konkurs in Basel: «Vielleicht war der Markt noch nicht bereit für das E-Bike, als Dolphin an den Start ging.» Die Branche habe daraus etwas gelernt: «Die Kunden brauchen nicht das technisch absolut Beste in Bezug auf Leistung oder Reichweite, sondern ein zuverlässiges Alltagsgerät. Was nützen zehn Kilometer mehr Reichweite, wenn zu viele technische Pannen passieren?»

Kutter glaubt immer noch an den Erfolg seines Dolphins. Vorübergehend war das Comeback in Reichweite. Vor einem Jahr schloss er einen Vertrag mit der Basler Jobfactory. Die Geschäftsleitung war begeistert von Kutters neuen Plänen: eine Dauphine, der Dolphin als Damenmodell. Die Jobfactory hätte die Produktion übernommen. Die Zusammenarbeit war mit dem Konkurs jäh beerdigt. Inzwischen sei er bereits mit einer neuen Firma im Gespräch, sagt Kutter. Gelernt habe er, dass seine Begabung nicht im Verkaufen, sondern im Erfinden liege. Kutter hat sich deshalb in seine Werkstatt zurückgezogen. Er tüftelt an der Weiterentwicklung seines patentierten Antriebssystems herum.

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