Aufführung

Der abwesende Übergrossvater im Gare du Nord

Matthias Neukirch geht in «Hans Schleif» der Frage nach, ob sein Grossvater im Dritten Reich zu den Tätern gehört hat.

Matthias Neukirch geht in «Hans Schleif» der Frage nach, ob sein Grossvater im Dritten Reich zu den Tätern gehört hat.

Der Schauspieler Matthias Neukirch hat im Gare du Nord sein Monologstück «Hans Schleif» gezeigt.

Da sitzt ein Mann an einem kleinen, quadratischen Tisch im Konzertsaal des Gare du Nord. Das Publikum sitzt nicht auf der Tribüne, sondern ebenfalls an Tischen. Der Mann heisst Matthias Neukirch und seine Bühnenpersona wirkt wie ein Mix aus James Bond-Darsteller und Late Night Show-Host: elegant und ungestüm zugleich. In seinem über zweistündigen Monolog verhaspelt er sich hie und da.

Das Ensemblemitglied des Zürcher Schauspielhauses geht darin der Frage nach, ob sein Grossvater im Dritten Reich zu den Tätern gehört hat.

Neukirch trägt Jackett und blaue Turnschuhe, deutsche Turnschuhe der Marke Adidas. Der Adidas-Unternehmensgründer beschäftigte Zwangsarbeiter und produzierte Waffen im Dritten Reich. Und auch der joviale Gastgeber Neukirch befasst sich mit Nazideutschland, genauer gesagt mit seinem Grossvater Hans Schleif.

Wie ein Architekt, der seine Vision für ein komplett neues Quartier skizziert, wirkt Neukirch, als er mit ausschweifenden Gesten dessen Leistungen beschreibt.

Archäologe und Architekt im Dienst der Nazis

Tatsächlich war Hans Schleif Archäologe, Architekt und in beiden Metiers bereits vor 1933 ausgesprochen erfolgreich: Schleif hat die Ausgrabungen des antiken Olympia geleitet und ein Modell der Nürnberger Altstadt im 16. Jahrhundert für das Metropolitan Museum in New York gebaut. Nach 1933 hat er archäologische Ausgrabungen im direkten Auftrag von Heinrich Himmler durchgeführt, war zeitweise verantwortlich für den Raub von Kulturgütern im besetzten Polen und arbeitete am Kriegsende eng mit Albert Speer.

«Erst mit diesen letzten Beweisen ist es bei mir ganz eingefahren», sagt Neukirch. Zuvor hat er bereits ausführlich erzählt, so vieles erzählt! Denn Neukirch und Daniel Craig unterscheiden sich nicht in erster Linie im Schuhgeschmack: Neukirch hat einen Hang zur Geschwätzigkeit.

So erzählt er vom Besuch bei einer Kinesiologin, von homöopathischer Medizin. Davon, wie er 1979 als Tramper im Elsass aus dem Auto geschmissen worden ist, als der Fahrer bemerkte, dass er Deutscher ist, und wie Anfang der 1990er-Jahre an einem holländischen Strand andere Urlauber von seiner Familie abrückten, nachdem er seinem Sohn was auf Deutsch zugerufen hatte.

In zig Archiven ist Neukirch der Frage nachgegangen, wer sein Grossvater war, ob er, wie Neukirchs Mutter immer betont habe, bloss «ein Professor» war oder eben doch Täter. Und auch in diesen heikleren Gefilden neigt Neukirch zum Schwafeln: Er erzählt, dass Schreibmaschinen im Dritten Reich eine eigene Taste fürs SS-Zeichen hatten. Er beschreibt detailliert, wie die Nazis Anwärter auf eine Professur zu Geländesportprüfungen zwangen und wie sich verschiedene Enden der NS-Bürokratie immer wieder darüber stritten, ob man diesen Hans Schleif befördern solle.

«Seitenweise Schwachsinn», kommentiert Neukirch den Schriftverkehr. Aber wieso liest er dann daraus vor? Der Verdacht drängt sich auf: Weil es lustig ist. Zuweilen fühlt sich der Abend an wie ein absurder Volkshochschulkurs in Nazibürokratie.

«Es geht um Schuld», macht Neukirch klar. «Ich bin Enkel eines SS-Standartenführers. Muss ich mich schuldig fühlen?» Als er das sagt, sind dem Publikum noch nicht alle biografischen Abgründe bekannt. Über eine lange Strecke weiss das Publikum denn auch nicht alles, was Neukirch heute weiss. Die Handlungen von Grossvater Schleif, der 1945 seine zweite Frau und die gemeinsamen Kinder umgebracht hatte, wird unter dem Brennglas betrachtet. Ebenso, was diese Handlungen für Neukirchs Mutter und ihn selbst bedeuten.

Der Gare du Nord als idealer Spielort

Der Gare du Nord im Badischen Bahnhof, an dem einst die Hakenkreuze prangten, ist für dieses Stück wohl einer der geeignetsten Spielorte in der Schweiz.

Und als Neukirch wie aus dem Nichts ins Publikum fragt, wer Nazis, wer Nazi-Opfer oder Widerständler in der Familie hat, entfaltet das eine enorme Kraft.

Aber insgesamt bleibt ein störendes Ungleichgewicht: Nachvollziehbarerweise ist ein solcher Abend täterfixiert. Befremdender ist, dass Neukirchs Schnauf bei der Suche grösser ist als bei der Bewältigung.
Die Frage, wie man mit ererbten Traumata umgeht, wird höchstens tangiert. Was Sache ist, erfährt man in den letzten zehn Minuten. Die Bewältigung nimmt dann kaum noch Raum ein. Vielleicht besteht sie für Neukirch am ehesten im Spielen dieses Abends. Das Stück endet bei der christlichen Erbsünde.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1