Innenleben
Das Theater Basel ist wandelbar wie ein Schauspieler

Das Theater Basel ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Bau: Zum Beispiel kann die Grosse Bühne in den Zuschauerraum hinein verschoben werden. Wir haben mit dem letzten überlebenden Architekten des Gebäudes gesprochen.

Susanna Petrin
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Theater Basel Historische Bildstrecke
9 Bilder
Dieser fand in allen möglichen Räumen des Grossen Hauses.
15 000 Besucher kamen.
«Die letzten Tage der Menschheit»: Die erste grosse Aufführung des neuen Direktors Hans Hollmann fand im Foyer statt.
Das Modell des Theater-Baus konnte besichtigt werden.
Man sieht, wie die Sicht auf die Elisabethenkirche bewusst freigehalten wird.
Auffällig ist die geschwungene Decke.
Das Foyer des Theater Basel im Rohbau.
Diese Luftaufnahme zeigt das Theater am 2. März 1976.

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Peter Stöckli

Weil es so selten getan wird, weiss kaum einer mehr, dass es möglich ist: Die Grosse Bühne des Theater Basel hat ihren Platz nicht fix als Guckkasten vorne, sie kann mitten in den Zuschauerraum hineingeschoben werden – und verwandelt sich so zur Arena. Das Publikum kann zu Dreivierteln oder ganz rundherum sitzen, die Decke lässt sich auf Sprechtheaterhöhe herunterfahren, der Orchestergraben kann erweitert werden. Die Grosse Bühne ist so flexibel wie ein Rubik Zauberwürfel; man kann sie verschieben, drehen, wenden.

Bevor sie die Pläne zu zeichnen begannen, studierten die Architekten Theaterbauten vom 8. Jahrhundert vor Christus bis 1963: Das griechische Dionysostheater mit seinen im Steilhang eng angelegten Zuschauerplätzen etwa. Die Arena-Bühne, deren Spielfläche inmitten der Zuschauer liegt. Das Shakespearetheater mit seiner Vor- und Hinterbühne. Die Rahmenbühne, die mit Orchestergraben und Vorhang die Zuschauer klar vom Bühnenraum trennt.

«Wir haben uns schliesslich nicht für eine einzige entschieden, sondern versucht, möglichst viele Theaterformen machbar zu machen», sagt Frank Gloor, der letzte Überlebende der damaligen Architekten: «Die Veränderbarkeit der Bühne war uns ein grosses Anliegen.» Gloor hat das Stadttheater zusammen mit Felix Schwarz, Rolf Gutmann und Hans Schüpbach für den Architekturwettbewerb von 1963 entworfen.

Es war der zweite Anlauf Basels, zu einem neuen Theater zu kommen. Bei einem ersten Wettbewerb von 1956 hatte noch keines der eingereichten Projekte überzeugt. Nun, beim zweiten anonym durchgeführten Wettbewerb, entschloss sich eine Jury nach fünf Tagen, dem Projekt Nummer 42 mit dem Kennwort Tre den Zuschlag zu geben. Für das an Theater und Literatur interessierte Team des Büros «Schwarz & Gutmann» begann ihr vielleicht spannendstes, aufwendigstes, sicherlich prestigeträchtigstes Projekt.

Verschmelzung der Gattungen

Auch der Basler Regierungsrat war damals von der Multifunktionalität des geplanten Baus sehr angetan. In einem Ratschlag an das Parlament schreibt er 1966: «Die Anpassungsfähigkeit der Zone, in der Bühne und Zuschauerraum ineinander übergehen, dient den verschiedensten Inszenierungen. Es ist zu erwarten, dass das Theater der Zukunft neue Wege gehen wird. Wege, die nach dem Urteil der zuständigen Fachleute mehr und mehr auf eine Verschmelzung der bisherigen Kunstgattungen im Theater, also von Oper, Schauspiel und Ballett, hinauslaufen.» Was noch heute als modern gilt, ist also schon in den 60ern antizipiert worden.

Enttäuschung über neue Bestuhlung

Als Frank Gloor, der letzte lebende Architekt des Stadttheaterbaus, die Pläne für die neue Anordnung der Sitzreihen sah, wurde er wütend. «Freie Sicht auf Rücken und Hintern scheint die neue Devise. Ist ja möglich, dass diese Plätze künftig als Sektor «der Hintern« bezeichnet werden», schreibt er in einem Brief an uns. Das originale Konzept sehe vor, dass die Zuschauer den Saal vorne auf beiden Seiten betreten. Damit sei «ein Sehen und Gesehen werden» für alle Parkettzuschauer automatisch gegeben. Neu werde die Hälfte der Besucher über zwei Stichgänge aus dem Foyer von hinten zu den Sitzen geleitet.

Mehr Sicherheit

Das Theater bekommt diese Saison neue, wie es heisst bequemere Stühle. Und sobald man etwas neu mache, gälten auch die neuen sicherheitstechnischen Gesetze, erklärt Samuel Holzach, Verwaltungsratspräsident der Theatergenossenschaft. «Ich konnte die bisherige Situation nicht mehr verantworten. Was, wenn ein Brand ausbricht? Der Fluchtweg war bisher für die Zuschauer in der Mitte der sehr langen Reihen viel zu weit.» »Beim Auswechseln der Stühle habe man deshalb auch die Sitzreihen durchbrochen und zusätzliche Zugänge geschaffen. Neu hätten es auch ältere Leute, Gehbehinderte und Rollstuhlgänger leichter, zu ihrem Sitz zu gelangen. Die Kritik Gloors könne er nicht nachvollziehen. «Was gestern wichtig war, ist heute nicht mehr richtig.»

Frank Gloor wiederum kann nicht verstehen, dass der Verwaltungsratspräsident hinter diesem Entscheid steht: «Es ist eine unglaubliche Anmassung, wenn ein Herr Holzach etwas arrangiert, ohne dass er nur einen Hauch davon versteht. Das ist wie wenn ich Finanzgeschäfte für die UBS tätigte.» (spe)

Ganz am Anfang wusste man noch, wie es geht. Vom 3. bis 5. Oktober 1975 wurde das Haus eröffnet. Mit einem Theatermarkt an allen möglichen Orten im ganzen Haus – und auf einer Arenabühne im Zuschauerraum. 15 000 Menschen feierten mit. Schon am 22. September hatte der Tages-Anzeiger den Ausverkauf des bunten Vorstellungstreibens gemeldet. 15 000 Theaterinteressierte, genügend Leute, um ein halbes Fussballstadium zu füllen. Heute schwer vorstellbar.

Aber vielleicht waren die Leute auch deshalb so begierig darauf, endlich etwas im neuen Haus zu sehen, weil es vom Entwurf bis zur offiziellen Eröffnung sehr lange gedauert hatte. «Das Gebäude wurde zwar zu früh fertig, doch am Anfang war noch kein Geld für den Betrieb da», erinnert sich Martin Pfister. Man behalf sich – mit Hilfe der Mäzenin Antoinette Vischer– mit spektakulären Zwischennutzungen: Im Juni 1972 gab der Komponist John Cage ein Konzert. Im Foyer. Fans aus ganz Europa kamen angereist.

Foyer wie eine weitere Bühne

Das Foyer mit seinen breiten Treppen ist derart grosszügig, dass es selbst als weitere Bühne dient. Auch das ist eine Absicht der Architekten. Theaterdirektor Hans Hollmann liess seine «Die letzten Tage der Menschheit» im Foyer zu Ende gehen. «Mit einem Bähnlein auf der Treppe», sagt Gloor, «es war grossartig».

Grosszügigkeit zeichnet das Haus generell aus. Höchstens noch zwei, drei weitere Theaterhäuser Europas hätten eine derart riesige Hinterbühne, erklärt Gloor. Hier könne man ebenerdig mit hohen, stehenden Kulissen herumfahren.

Einmalig sei auch, dass mitten in Basel derart viel Stadtraum für das Theatergebäude sowie zwei neue Plätze freigegeben worden sind: Den Theaterplatz mit dem Tinguelybrunnen - dort stand das frühere Theater. Und weiter oben für den Platz mit den Pyramiden, durch die Tageslicht in den grossen Malsaal des Theaters dringt.

12 Zentimeter dünne Betondecke

«Damals hatte man die Leidenschaft, Sachen zu machen, die es noch nicht gibt», erzählt Gloor, «man hat sich noch getraut». Am meisten Mut brauchte es für das Dach. Wie ein Tuch überdeckt es elegant den Theaterturm und den Rest des Baus. Es ist nur 12 Zentimeter dünn. Dabei ist es aus Beton und fast 1000 Tonnen schwer. Der Ingenieur Heinz Hossdorf hat es mit René Guillod als Weltneuheit konzipiert. «Mit Leuten aus Harvard, mit der Spitze der Weltforschung», sagt Gloor.

Doch im Zentrum sollten letztlich nicht architektonische Besonderheiten stehen, sondern die Zuschauer. Die Architektur soll ihnen dabei helfen, sich gut zu fühlen und angenehm durch die Räume geführt zu werden. Das grosse Foyer mit dem Kokosteppich vermittelt Übersicht und Behaglichkeit zugleich. Und jeder Zuschauer, der schliesslich von links oder rechts unten den Theatersaal betritt, bekommt so seinen eigenen Auftritt. Gleichzeitig kann man sich nach bekannten Gesichtern umschauen. «Sehen und Gesehen werden», sagt Gloor. Ein soziales Theatererlebnis, das nun mit den neuen Zugängen zu einem grossen Teil zerstört werde (siehe Kasten unten).

«Alle Zuschauer sind gleichwertig», sagt Gloor, «es gibt keine Loge, keine Klassendifferenzen». Die leicht gebogenen Reihen mit den nah aneinander gerückten Sitzen verstärkten die Gemeinschaft. «Es ist, wie wenn man an einem runden Tisch zusammen isst und nicht an einem geraden.» Das Theater als intimes, geteiltes Erlebnis.

Eröffnungsworte – bis heute aktuell

Max Wullschleger, damaliger Baudirektor der Stadt Basel», eröffnete das Theater Basel 1975 mit folgenden Worten: «Die Baugeschichte des Basler Stadttheaters sieht in der Rückschau aus wie eine Mischung von komischer Oper und Tragödie. Manchmal weht aus ihr der Geist einer Weltstadt oder doch einer Stadt, die sich ihrer kulturellen Bedeutung für eine grenzüberschreitende Region bewusst ist, und gleichzeitig geistern die Bürger von Seldwyla auf der Bühne herum, ihre Hellebarden gegen alles schwingend, das neu und ungewohnt ist.»

Aus dem Büchlein «So ein Theater wurde noch nie eröffnet» von 1975.