Dokumentartage Basel

Das Theater als politisches Forum – die Basler Dokumentartage «It’s the real thing»

Der südkoreanische Performer Jaha Koo zeigt in Basel sein Stück «Cuckoo».

Der südkoreanische Performer Jaha Koo zeigt in Basel sein Stück «Cuckoo».

Die Basler Dokumentartage «It’s the real thing» sind mit deutlichen politischen Statements gestartet.

Auch das einstmals Neue Dokumentartheater ist nicht mehr so neu, wie auch schon – dafür von Bedeutung. Zu Beginn der Nullerjahre eroberten die Pioniere dieser Form die Bühnen im Sturm. Sie ersetzten Schauspieler-Fiktion durch Protagonisten aus der Wirklichkeit. Wie Dokumentarfilmer zählten sie auf die Kraft der realen Geschichte, die von den Betroffenen selbst erzählt wird. Diese Herangehensweise hat dem Theater seither wichtige Impulse gebracht und die Nähe zur gesellschaftlichen Wirklichkeit auf den Bühnen erfolgreich in den Fokus gerückt.

Basel ist seit einigen Jahren ein Zentrum dieser Theaterform. Mit dem als Biennale konzipierten Festival «It’s the real thing – Basler Dokumentartage» sind hier Produktionen aus der ganzen Welt zu Gast (siehe Box). Die diesjährige, vierte Ausgabe stellen der Kurator Boris Nikitin und sein Team unter das Thema «Theater der Verwundbarkeit». Gemeint ist damit die Verwundbarkeit des Körpers, der «sowohl Mittel wie Zweck des Politischen und Ökonomischen» sei.

Explizit politisch ging das Festival am Mittwochabend in der Kaserne Basel denn auch an den Start. Zur Eröffnung hielt der an der Universität Zürich lehrende Sozialanthropologe und Rassismus-Aktivist Rohit Jain einen Vortrag. In seinem «Aufruf zur postkolonialen Verletzlichkeit» lud er zu einem Streifzug durch die Schweizer Kolonialgeschichte, oder besser: Durch die Leerstelle, welche diese laut ihm im Bewusstsein der hiesigen Bevölkerung einnimmt. Jain weiss als Sohn von aus Indien eingewanderten Eltern nur zu gut, was es heisst, hierzulande dunkelhäutig zu sein. Diese zweifelhafte Erfahrung teilte er mit dem Publikum ebenso wie seine Analyse der Schweizer Kolonialgeschichte.

Seit der Nationalrat 1884 die Gründung eigener Kolonien abgelehnt hat, pflegte die Schweiz eine Doppelstrategie: Wirtschaftlich beteiligte sich das Land an den Geschäften mit Kolonialherren, politisch berief man sich auf die Neutralität. Dieser verdeckte Kolonialismus sei, so Jain, mit ein Grund, wieso die Schweiz ihre Rolle in diesem Spiel kaum aufgearbeitet hat.

Gerade dieser historische Gedächtnisverlust sei es, der den Boden für einen latenten Rassismus bereite, wie er sich in Basel beispielsweise in den Diskussionen um die Fasnachts-Clique Negro-Rhygass gezeigt habe. Der Dozent plädiert dafür, dass unsere Gesellschaft sich ihrer kolonialen Vergangenheit stellt, damit der Rassismus keinen Nährboden mehr finde.

Sprechende Reiskocher

Nach diesem Vortrag, den Rohit Jain auf Englisch hielt, «wegen des internationalen Publikums», folgte auf der grossen Bühne ein zweiter, ebenfalls in Englisch, diesmal aber übertitelt, und mit deutlich erweiterten Mitteln. Der 1984 in Südkorea geborene Performer und Komponist Jaha Koo erzählt in «Cuckoo» seine Geschichte. Es ist die eines jungen Mannes, der seine Heimat verlässt, um in Amsterdam zu studieren.

In seiner Biografie spiegelt sich diejenige einer verlorenen Generation, die in den Neunzigerjahren gross geworden ist, als der Crash der asiatischen Börsen das Land an den Rand des Ruins trieb. 1997 sprach der IWF 55 Milliarden Dollar Kredit, um Südkorea vor dem Bankrott zu retten. Natürlich mit Auflagen für die Wirtschaft.

Wie gross die Demonstrationen gegen den Ausverkauf der koreanischen Wirtschaft damals waren und wie brutal sie niedergeknüppelt wurden, zeigt Koo in schnell geschnittenen Videosequenzen. Seine Mutter habe ihm oft auf der Strasse eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt – das beste Mittel gegen Tränengas.

Jahre danach steht der Performer alleine mit drei Reiskochern der Marke «Cuckoo» auf der Bühne. In einem kocht Reis, die anderen zwei streiten sich mit Roboterstimmen darüber, wer der bessere Reiskocher oder gar der bessere Unterhalter sei. Ein witziger Kommentar zur totalen Flexibilisierung der Arbeitskraft: Um zu überleben können selbst die Reiskocher nicht einfach Reiskocher sein.

Koo erzählt, wie sich sein bester Freund wegen dem immensen wirtschaftlichen Druck das Leben nimmt, wie so viele andere in Südkorea auch. Er benennt und zeigt auch einen Schuldigen: Robert Rubin, in den Neunzigern Wirtschaftsminister unter Bill Clinton und Architekt des Sanierungsprogramms, mit dem Südkoreas Wirtschaft aus der Krise geholt wurde.

Koos These, dass der globale Finanzkapitalismus die Bevölkerung seines Landes in eine neue Art der Knechtschaft gebracht habe, hat Dramatik. Der Performer stützt die These jedoch nicht durch wirkliche Belege oder Aussagen Dritter, wie es ein journalistisch fundierter Dokumentarfilm täte. Da könnte das neue Theater vom alten Film noch etwas lernen.

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