Kunst

Das Pissoir vom Basler Theaterplatz feiert 25-jähriges Jubiläum

Wuchtig in Grösse und Geruch: Die Plastik «Intersection» von Richard Serra auf dem Theaterplatz.

Wuchtig in Grösse und Geruch: Die Plastik «Intersection» von Richard Serra auf dem Theaterplatz.

Vor 25 Jahren verkaufte Künstler Richard Serra der Stadt Basel eine Skulptur – die bis heute die Geister spaltet.

Anfang der Neunzigerjahre hievte der US-amerikanische Künstler Richard Serra für die Ausstellung «Transform» 80 Tonnen Kunst auf den Theaterplatz. Ursprünglich sollte die Skulptur aus minim gebogenen Stahlplatten nur während der laufenden Ausstellung dort stehen. Der Künstler ging dabei pingelig genau vor – sehr zum Unmut der Kranfahrer, die die je 20 Tonnen schweren Platten millimetergenau anordnen mussten. Sie waren die Ersten, die sich über das Monumentalwerk beklagten – und bei weitem nicht die Letzten: 25 Jahre später steht «Intersection» immer noch auf dem Theaterplatz und erzürnt so manches Basler Gemüt.

Richard Serra beschloss damals, nach der Ausstellung die Skulptur der Stadt für den Marktpreis von einer Million Dollar zu überlassen. Sehr zu Freuden von Theaterarchitekt Rolf Gutmann, dem damaligen Direktor des Kunstmuseums Luzern Martin Schwander und Rechtsanwalt Hans Furer, die auf Serras Angebot hin das «Serra Komitee» gründeten, um die nötigen 980'000 Franken zusammenzukriegen, auf die man den Künstler heruntergehandelt hatte (beim damaligen Dollar-Kurs hätte die Plastik 1,5 Millionen Franken gekostet). Gemeinsam wollten sie die Bevölkerung aufrufen, sich mit Spenden zu beteiligen, die danach als Schenkung zuhanden der Öffentlichen Kunstsammlung entgegengenommen werden sollte.

«Horrorgebilde aus Eisen»

Während das Komitee Gelder zusammentrug, tobte in den Leserbriefspalten ein Schlagabtausch über Sinn und Unsinn des Kunstwerks. Ein Leser schrieb: «Künstler sind begnadete Menschen, dies glaubte ich bis zu dem Zeitpunkt, als ich dieses Horrorgebilde aus Eisen in der ‹Basler Zeitung› sah.»

Auch öffentliche Kulturakteure fühlten sich berufen, eine Meinung abzugeben: Jacques Herzog mochte die Skulptur, fand jedoch die Terrasse als Standort unmöglich. Werner Schmalenbach, der ehemalige Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, sprach vom «Baselstädtischen Serra-Desaster»: «Jedes Mal wenn ich nach Basel komme, greife ich mich an den Kopf: muss das sein? (...) Die Platzierung an dieser Stelle ist ein Desaster.»

Für das Komitee diente der öffentliche Disput als hervorragende Promo. Spätestens als das Comité beschloss, den Streit zum Sujet der Fasnacht 1994 zu machen, war klar: Dieses Werk trifft einen Nerv. Unter dem Motto «Que Serra» sangen die «Däigräschte» an der nächsten Fasnacht:

Serragduell isch doo die Roscht-Staffage
Das gruusig Pissoir vom Theaterblatz.
(E Leesig wäri – sisch e bitzli gspunne –
Doch miechts denn unseri Auge wider froo;
Me miesst das Stigg dert bim Theaterbrunne
Vom Christo dezänt yyphagge loo).

Finanzierwillige Spender

Auch wenn vielerorts die Köpfe geschüttelt wurden: Geld fand sich trotzdem. Die ersten 300'000 seien zwar harzig gewesen, sagt Hans Furer heute. Nachdem das Komitee jedoch in einer zweiten Etappe Roland Rasi, den damaligen Generaldirektor des Bankvereins, um Unterstützung bat, kamen rasch mehrere Hunderttausend Franken zusammen. Die letzten Portionen «ergaben sich dann fast von selbst.»

Nach wenigen Monaten hatte das Serra-Komitee die nötigen 980'000 Franken beisammen – trotz Unmut in der Bevölkerung. Es übergab «Intersection» als Schenkung von 272 Bürgerinnen und Bürgern der Regierung des Kantons Basel-Stadt. Am 17. Mai 1994 unterschrieb das Komitee mit der Basler Regierung einen Schenkungsvertrag und im September 1994 wurde die Skulptur endgültig eingeweiht.

Seither wird «Intersection» immer wieder als Unding betrachtet – von Bürgern wie Politikern. 2014 sagte LDP-Grossrat André Auderset gegenüber dieser Zeitung: «Dieses Pissoir zu entfernen wäre eine ausgezeichnete Idee.» 2015 lancierte LDP-Grossrat Heiner Vischer (der 1994 am Kauf der Skulptur beteiligt war) einen Vorstoss, in dem er die Regierung bat, einen anderen Standort für das «Pissoir» in Betracht zu ziehen.

Drohender Serra

Er hatte die Rechnung ohne den Künstler gemacht: Mit einer Standortverschiebung würde die Skulptur seine Autorschaft verlieren, kommentierte Richard Serra das Vorhaben. Das Kunstwerk wäre damit kein Kunstwerk und erst recht kein Serra mehr. Er drohte offen, im Falle einer Dislokation die Skulptur von seiner Werkliste zu streichen, womit sie sich vom millionenschweren Kunstobjekt in einen Haufen Schrott verwandelt hätte.

Juristisch sei das legitim gewesen, meint Hans Furer: «Im Vertrag ist festgehalten, dass die Skulptur ausdrücklich für diesen Ort geschaffen wurde. Wird die Skulptur vom Ort entfernt, so verliert sie ihre Autorisierung durch den Künstler.»

Richard Serras Drohung zeigte Wirkung: Vischer zog seinen Vorstoss kurze Zeit später wieder zurück. «Intersection» bleibt damit dort, wo sie ist. Zumindest solange der Künstler noch lebt (Serra hat Jahrgang 1939).

Für die einen ein rostiges Unding, für die anderen Ausdruck von Basels einzigartiger Kulturlandschaft. «Basel ist eine kleine Serra-Stadt», sagt Furer, «so etwas finden Sie in der Form nirgends auf der Welt.» Er meint damit die anderen beiden Serra-Werke in Basel, von denen zumindest eines im Wenkenpark öffentlich zugänglich ist. Das andere steht auf dem Novartis-Campus, schön geschützt vor dreisten Wildpinklern – und unautorisierten Gegnern.

   

25 Jahre Serra-Skulptur Freitagabend um 17:30 Uhr begiesst das Ex-Serra Komitee auf dem Theaterplatz das Jubiläum.

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