MCH Group

«Das ist dumm»: Grösster Aktionär kritisiert neue Strategie des Messekonzerns

Tempi passati: MCH Group erinnert sich an das gute alte Messegeschäft.

Tempi passati: MCH Group erinnert sich an das gute alte Messegeschäft.

Die MCH Group will sich auf das traditionelle Messegeschäft zurückbesinnen. Nun laufen die Privatinvestoren Sturm – der grösste private Einzelaktionär wehrt sich dagegen.

Erhard Lee ist ein Zürcher Vermögensverwalter. Über seinen AMG Fonds hat er gut 750 Millionen Franken bei Schweizer Firmen investiert. Bei der MCH Group ist die AMG mit rund zehn Prozent der grösste private Einzelaktionär – und als deren Vertreter steigt Lee nun auf die Barrikaden. Zur neuen Strategie des Messekonzerns sagt er nur: «Das ist dumm.»

Die MCH Group kommunizierte gestern, was der Verwaltungsrat beschlossen hatte: Der finanziell schwer angeschlagene Konzern besinnt sich auf sein traditionelles Messegeschäft und beabsichtigt seine zweite Sparte, die «Live Marketing Solutions», zu verkaufen. 500 Mitarbeiter erwirtschaften knapp die Hälfte des Konzernumsatzes mit Dienstleistungen für Grossevents. Erst vor zwei Jahren hat die MCH Group diesen Geschäftsbereich massiv ausgebaut und mit der US-amerikanischen Gesellschaft MC2 eine Grossakquisition getätigt. Diese ist nun bereits wieder zu haben.

Anleger verlangt Sonderprüfung der Verwaltungsratsbeschlüsse

Erhard Lee will die beschlossene strategische Ausrichtung nicht akzeptieren. Der Verwaltungsrat habe einen rein politischen Entscheid gefällt und verkenne vollständig die Entwicklung im Messegeschäft, das zunehmend standortungebunden werde. Er kritisiert die Entscheidfindung als «eine absolute Frechheit». Der Prozess sei völlig verpolitisiert gewesen, nicht zuletzt durch den Termin der entscheidenden Verwaltungsratssitzung kurz vor den Wahlen. In vier Wochen will Verwaltungsrätin Eva Herzog in den Ständerat gewählt werden.

Lee ist kampfeswillig und kündigt an, eine Sonderprüfung zu verlangen, die den Strategieprozess des Verwaltungsrats kontrolliert. Lee meint, dass schon mit der Zusammensetzung des für die Strategiefindung gebildeten Gremiums die Interessen der Aktionäre verletzt worden seien. Das Mittel der Sonderprüfung steht Minderheitsaktionären zu, die eine Beteiligung von mindestens zehn Prozent nachweisen. Voraussetzung ist zudem, dass sie gerichtlich glaubhaft machen, dass Gesetz oder Statuten der Firma verletzt und damit die Aktionäre geschädigt sein könnten.

Der Gegenentwurf hatte keine Chance

Bereits kommende Woche, so Lee, werde er auch eine ausserordentliche Generalversammlung beantragen. Er werde dort die Strategie «massiv» infrage stellen. Lee verspricht einen «Showdown» – die Machtverhältnisse sind allerdings nicht so, dass er Aussicht auf Erfolg hätte: Die staatlichen Aktionäre Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Kanton und Stadt Zürich halten zusammen zwar nur eine Minderheit von 49 Prozent, doch die Privataktionäre sind zahlreich und werden sich kaum alle geschlossen hinter Lee scharen. Zudem ist der Verwaltungsrat von Vertretern der öffentlichen Hand dominiert. Der grösste Einzelaktionär Basel-Stadt hat die SP-Regierungsräte Christoph Brutschin und Eva Herzog delegiert und stellt mit Alt-Regierungsrat Ueli Vischer den Präsidenten.

Die MCH Group hat zuletzt versucht, die Privataktionäre stärker einzubinden. Seit Frühjahr sind diese mit Markus Breitenmoser erstmals im Verwaltungsrat vertreten. Lee sagt, Breitenmoser habe die AMG-Interessen vertreten, aber ohne Erfolg. Es ist jedoch zu hören, dass Breitenmoser im Vorfeld der Entscheidungen für erhebliche Verunsicherung in der staatlichen Verwaltung gesorgt hatte.

Der Gegenentwurf sah vor, die Halleninfrastruktur vom Messegeschäft zu trennen. Anders als die staatlichen Aktionäre, die fürchten, die Hallen als dauerhaftes Defizitgeschäft übernehmen zu müssen, ist die AMG der Ansicht, die Immobilien könnten auch für private Investoren attraktiv sein. Lee sagt: «Basel ist innerhalb von Europa ein idealer Messestandort und bietet mit dem Messecentrum schöne Hallen.»

Noch mehr als die Hallenpläne schreckte jedoch das Gedankenspiel, die MCH Group solle ihre dünne Kapitaldecke mit einem Verkauf oder teilweisem Verkauf der «Art Basel» aufbessern. Lee sagt, im Kunstmarkt würden derart überteuerte Preise bezahlt, dass auch für die Kunstmesse ein Preis zu erzielen wäre, der weit über der eigentlichen Wirtschaftlichkeit stünde.

Dass nun die «Life Marketing Solutions» verkauft werden sollen, hält Lee für einen schweren Fehler. Er sieht zwar, dass wenig Synergien zwischen den beiden Geschäftsfelder genutzt worden seien; dafür sei das bisherige Management, so sagt er: «zu blöd» gewesen.

Die MCH Group hat eine andere Sichtweise. Konzernchef Bernd Stadlwieser sagt im Gespräch, es seien mehrere strategische Optionen zur Auswahl gestanden. Den Ausschlag, sich auf den traditionellen Bereich zu fokussieren, habe gegeben, dass die Synergien zwischen der bestehenden Infrastruktur und der Kompetenz als Messebetreiber höher gewichtet würden als die Kompetenz als Dienstleistungsagentur. In beide Bereiche hätte investiert werden müssen. Nach dem Verkauf der MC2 sollte ein dreistelliger Millionenbetrag zur Verfügung stehen, um nun zumindest wieder ins Messegeschäft investieren zu können.

Die Hallenauslastung soll auf ein Drittel gesteigert werden

Stadlwieser ist optimistisch, das Messe- und Kongressgeschäft in modernisierter Form wieder ankurbeln zu können. Mit der «Baselworld» möchte er baldmöglichst nach dem Vorbild der «Art Basel» in den asiatischen Raum expandieren. Im Ausland seien zudem «spannende Formate» zu entdecken, die in die Schweiz gebracht werden könnten. Er spricht auch von einer «Intensivierung der Vermarktung», um mit zusätzlichen Gastmessen die Rentabilität der Halleninfrastruktur zu verbessern. Die Auslastung am Standort Basel sei heute mit 25 Prozent «nicht schlecht», aber angestrebt werde eine Quote von «über 35 Prozent».

Das politisch heisse Eisen, wer die Hallen künftig besitzen soll, hat der MCH-Verwaltungsrat damit vertagt. Erst mittelfristig soll «die geeignetste Eigentümer- und Betriebsstruktur» gefunden werden. Eine verbesserte Wirtschaftlichkeit wird diese Diskussion erleichtern. Dann würde sogar Kritiker Lee Recht erhalten, der im Hallenbetrieb schon immer ein Geschäft vermutet hat.

Autor

Christian Mensch

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