Theateraufführung

Das Hotel der Armen: Dürrenmatts «Durcheinandertal» im Basler Schauspielhaus

Paul Behren als Moses Melker in «Durcheinandertal». (zvg)

Paul Behren als Moses Melker in «Durcheinandertal». (zvg)

Friedrich Dürrenmatts «Durcheinandertal» läuft im Basler Schauspielhaus. Es ist ein packendes Einmann-Stück in pseudo-sakraler Atmosphäre.

Wo sonst Jacken aufgehängt und Cüpli getrunken werden, stehen weiss lackierte Holzbänke und ein Becken mit Weihwasser. Das Licht ist schummrig im Foyer des Basler Schauspielhauses. Und wenn Moses Melker (Paul Behren) im braunen Overall auftaucht und die Zuschauer auffordert, sich gegenseitig die Hände zu reichen, die Augen zu schliessen und Meditationsübungen zu machen, fühlt man sich wie im Scientology-Seminar.

Melker redet mit stechendem Blick auf die Zuschauer ein: «Was ist Gott für euch?», fragt er. Es bleibt kurz still, und der Prediger spricht nun eine Zuschauerin direkt an. Diese antwortet, Gott sei für sie eine Energieansammlung, in der sie sich wohlfühle. Melcher wiederum antwortet, dass er sich Gott ganz konkret vorstelle, nämlich als einen alten Mann mit Bart.
Obwohl Melker eigentlich eine Romanfigur aus Friedrich Dürrenmatts Roman «Durcheinandertal» ist, wirkt er wie geschaffen für die Bühne. Er ist ein Prediger, der in Millionenbestsellern eine Theologie der Armut entwickelt hat – um reiche Menschen vor dem Höllenfeuer zu retten. Denn es kommt nur ins Himmelreich, wer arm ist, so Melkers Überzeugung. Also können die Reichen nur noch schnellstmöglich ihren Reichtum loswerden und auf Gottes Gnade hoffen.

Millionäre beherbergen und sie zu Armen machen

Trotz aller innerer Überzeugung ist Melker doch überrascht, als eine ominöse Vereinigung namens «Society for Morality» seine Bücher in die Tat umsetzt und ein Hotel im entlegenen Durcheinandertal übernimmt, um dort Millionäre zu beherbergen und sie zu Armen zu machen. So hat das Hotel weder Portiers noch sonstige Bedienstete. «Privatbankiers müssen staubsaugen, Spitzenmanager müssen kochen», wie eine Erzählstimme den Zuschauern auf die Kopfhörer spricht, die sie während der Vorstellung tragen.

Abgesehen von der pseudo-sakralen Einrichtung setzen die Regisseurin Anne-Katherine Münnich und Bühnenbildnerin Noemi Baldelli nur äusserst wenige Effekte ein, die dann umso stärker wirken. So wird zum Beispiel ein Bild auf eine Wand projiziert, das eine Nahaufnahme eines Mädchens zeigt.

Theatermomente, die wirklich einfahren

Das Mädchen soll Elsi aus der Romanvorlage darstellen, die Tochter des Gemeindepräsidenten, die von einem Gangster der «Society for Morality» vergewaltigt wurde. Man blickt also auf die junge Frau im roten Pulli und hört zu, wie eine Mädchenstimme von der Vergewaltigung berichtet. Das sind Theatermomente, die wirklich einfahren.

Aber auch der Prediger kann einfahren. Behren spielt nämlich nicht nur den sanften Meditations-Melker, sondern brüllt die Zuschauer auch ungeniert an. Es sind jeweils wohltuende Weckrufe, und man folgt Behrens Geschrei gerne – hinaus aus dieser einlullenden, gedämpften Stimmung.

Wir fühlen uns als Dorfbewohner, deren Behausungen unterhalb des ominösen Hotels der Reichen stehen. «Ihr wart mal was», brüllt Melker, «jetzt seid ihr nur noch Lumpen.» Wir werden aufgefordert, uns aus der Starre zu lösen, denn es ist offensichtlich: Die Reichen haben den Armen das letzte weggenommen, das sie hatten: das Recht aufs Armsein.

 

«Durcheinandertal»
bis 29. November
Theater Basel

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