Instrumentenbauer
Das Geheimnis des grandiosen Klangs liegt im Piccolokopf

Der Instrumentenbauer Egger verwendet für die Mundstücke seiner Instrumente bewusst eine unreine Messing-Legierung, mit der er auch historische Instrumente baut. Dadurch sollen die Instrumente einen besonderen, sehr feinen Klang bekommen.

Stefan Schuppli
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Markus Weber von der Firma Egger Instruments hat das neue Kopfstück massgeblich mitentwickelt.

Markus Weber von der Firma Egger Instruments hat das neue Kopfstück massgeblich mitentwickelt.

Nicole Nars-Zimmer

«Schlicht grandios» entfährt es dem jungen Piccolo-Instruktor und angehenden Berufsmusiker Sebastian Meyer. «Das neue Piccolo-Kopfstück von Egger ermöglicht eine grosse klangliche Bandbreite und viele Interpretationsmöglichkeiten», kommentiert er. Und es spreche sehr leicht an.

Worin liegt das Geheimnis? Der Blechblas-Instrumentenbauer Rainer Egger verwendet für das handgefertigte Mundstück eine längst vergessene Messing-Legierung, mit der er auch historische Barockposaunen und Trompeten baut. Dieses «Nürnberger Blech», wie es Egger nennt, zeichnet sich dadurch aus, dass diese Legierung nicht rein ist. Das war vor 200 bis 300 Jahren üblich: Sie enthält Spuren von Blei und andere Substanzen, denn vor dem Jahr 1900 war man technisch noch nicht in der Lage, diese zu entfernen. Heute werden diese Verunreinigungen eigens wieder einlegiert. Nürnberg war in der Renaissance- und Barockzeit die Hochburg des Instrumentenbaus.

Viel Handarbeit im Neuen Alten

Für die Bearbeitung braucht es mehr Sorgfalt und Zeit. Das Blech wird von Hand gehämmert und danach zu einem Rohr gebogen und gelötet. Für die maschinelle Bearbeitung wäre das Nürnberger Blech nicht geeignet.

Wie kommt ein Instrumentenbauer dazu, schwieriges Material zu verwenden, das ausserdem schwierig zu verarbeiten ist? «Wir haben diese Erfahrung bei den historischen Instrumenten gemacht, die durch dieses Material einen besonderen, sehr feinen Klang bekommen», sagt Egger. «Wir sind experimentierfreudig, probieren immer wieder etwas Neues, oder eben Altes aus.»

Mit Piccolo-Mundstücken befasst sich Egger schon seit 15 Jahren. Sein Mitarbeiter Markus «Maggi» Weber erinnert sich: «Als Instrumentenbauer und Piccolospieler habe ich mich gefragt, ob man bei einem Piccolo-Kopfstück nicht unsere Erfahrung vom historischen Instrumentenbau einfliessen lassen könnte. Ich kontaktierte den Flötisten Beeri Batschelet, der sofort seine Mitarbeit zusicherte.»

So sei, nach unzähligen Versuchen, ein erstes Modell «Comfort» entstanden. Dieses braucht im Vergleich zu den beiden später entwickelten «Interpret»-Modellen ordentlich «Zunge» bei der Ansprache, ist präzise und relativ laut: ein klassisches Mundstück für die «Gass». Es ist so dimensioniert, dass es bestens auf die bekannten weit gebohrten Oesch-Piccolos «Spezial» passt. Noch war das Kopfstück aber aus einem gezogenen Rohr und nicht gehämmert und gelötet.

Das Mundstück erfordert«Pfuus»

Unter den Fasnächtlern und «Primadonnen» löste das Kopfstück damals eine Kontroverse aus. Viele erachteten es als Schnickschnack und mit 600 Franken zu teuer. Andere wiederum schwören darauf und sagen, das sei das Beste, was der Basler Piccolowelt je passiert sei. Weber und Egger tüftelten weiter. Ziel war ein Kopfstück, welches dank einer neuen Geometrie von Mundloch und Rohr sowie der Konstruktionsweise – Blech gehämmert und gelötet – einen etwas volleren Ton zulässt.

Das Mundstück mit dem Namen «Interpret» zeichne sich klanglich durch einen warmen und vollen Sound aus, der vor allem in den tiefen Lagen zur vollen Geltung kommt», sagt Piccolo-Instruktor Meyer. Es erfordere allerdings ordentlich «Pfuus», aber wer die Energie nicht scheue, werde mit einer grossen Bandbreite an dynamischen und klanglichen Möglichkeiten belohnt.

Das jüngste Resultat der Weber-Egger’schen-Entwicklungsarbeit ist das eingangs beschriebene Mundstück mit dem Nürnberger Messing. «Wem ein eher helles und vor allem brillantes Klangideal vorschwebt, der ist mit diesem Modell gut beraten. Der obertonreiche Klang zeige vor allem in den oberen Lagen seine Stärken. Die rasche Ansprache ermögliche ein «leichtfüssiges» Spiel von Staccato, unterstütze aber auch ein leises Spielen.

Natürlich ist auch hier der Preis ein Thema: Der «Interpret», nach «Nürnberger» oder «Basler» Art, kostet 800 Franken. «Wir wissen, das ist viel Geld. Für die meisten ist es ja ein Instrument für die Fasnacht. Aber es deckt unsere Entwicklungskosten nie und nimmer. Was wir doch alles wegschmeissen mussten. Und hin und her überlegen ...» Aber es mache gleichwohl Spass. «Wir machen das aus Leidenschaft und Neugier.» 400 Stück haben sie bereits verkauft. Egger weist darauf hin, dass Berufsmusiker für handgefertigte Querflötenköpfe bis zu 18 000 Euro bezahlen.