Requisiteurin
Dank ihr sind die Dackel Elfi und Zoom heute Stars

Die Requisiteurin am Theater Basel Kerstin Anders betreut bei «Chowanschtschina» hinter der Bühne zwei Dackel. Sie hatte aber auch schon mit Pferden, Schlangen, Schafen, Raben und Schweine zu tun.

Muriel Mercier
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Kerstin Anders machte die beiden Dackel-Mischlinge Elfi und Zoom berühmt.

Kerstin Anders machte die beiden Dackel-Mischlinge Elfi und Zoom berühmt.

ken / zvg

Nur noch wenige Minuten, dann gilt es ernst. Der schwere Vorhang auf der Theaterbühne hebt sich, die ersten Töne der Oper «Chowanschtschina» schweben durch den Saal, das Publikum freut sich auf dreieinhalb Stunden Musik von Modest Petrowitsch Mussorgski. Hinter der Bühne machen sich die Sänger bereit für ihren Auftritt, konzentrieren sich auf ihre Rolle. So auch Elfi und Zoom. Sie ziehen sich in ihre Ecke zurück, ab von der Hektik neben der Bühne, und machen es sich auf ihrer beigen Decke gemütlich.

Auch wenn ihr Auftritt nicht lange dauert – eine Herausforderung ist er allemal. Denn die Dackel-Mischlinge schnuppern bei «Chowanschtschina» zum ersten Mal Theaterluft. Dennoch sind sie Vollprofis, wie Kerstin Anders begeistert erzählt. Sie muss es ja wissen, denn: Die Requisiteurin am Theater Basel betreut jeweils die Tiere, die bei Opern- oder auch Schauspielproduktionen engagiert werden.

Grundausbildung ist ein Muss

Bevor die Hunde, Pferde, Kühe oder Schafe die Bretter der Theaterbühne für eine Produktion betreten, muss Anders sie zuerst ausfindig machen. Meist gelangen die Wünsche der Regisseure Monate vor der ersten Probe per Mail an sie. «Ich brauche von den Regisseuren so viel Informationen zu ihrer Vorstellung über den Einsatz der Tiere, wie möglich. Ich muss wissen, was die Tiere können und auf der Bühne zeigen müssen», erklärt sie. «Und die Tier-Besitzer müssen wissen, auf welches Szenario sie sich einlassen.» Das sei nicht immer einfach, «denn die Rollen der Tiere, überhaupt der Requisiten, entstehen eigentlich erst während der Proben, also meist kurzfristig.» Anders jedoch braucht jedoch genug Vorlaufzeit, um die passenden Tiere zu finden.

Und jedes Pferd kann sie für einen Auftritt schliesslich nicht einspannen. «Eine solide Grundausbildung des Tieres ist Voraussetzung.» Deswegen sei die Blindenhundeschule in Allschwil eine gute Adresse, wenn Hunde gesucht werden. Jagdhunde hingegen eignen sich weniger. Doch ausgerechnet: Für «Chowanschtschina» wünschte sie der Regisseur Kirill Karabits ausdrücklich Jagdhunde.

Elfi und Zoom auf der Jagd

Die Suche nach den tierischen Protagonisten ging trotzdem nicht allzu lange, denn Kerstin Anders lernte Elfi und Zoom durch einen grossen Zufall kennen. «Ich war mit meinem Pferd im Wald Ausreiten. Da habe ich Hundebesitzerin Lucia Moreno getroffen, die mit ihren Dackeln spazieren war. Ich habe sie angesprochen, und sie war sofort bei unserem Plan dabei.» Über private Bekanntschaften und Treffen konnte die 55-jährige Requisiteurin schon mehrmals Tiere für Produktionen auftreiben. Eine andere Variante sei, direkt Vereine, Zirkusse oder Züchter anzugehen.

Doch auch wenn Kerstin Anders die vermeintlich beste Rollenbesetzung gefunden hat, sind die Tiere noch nicht engagiert. Denn auch das Veterinäramt hat ein Mitspracherecht. Dieses prüfe, ob die Umstände auf der Bühne tiergerecht sind, unter anderem die Dauer des Auftritts. «Ein Regisseur wollte zum Beispiel einmal, dass ein Hund auf der Bühne durch Theaternebel läuft. Das Amt hat die Substanz geprüft und festgestellt, dass der Nebel für die Hunde nicht giftig ist.»

Absurde Vorstellungen der Regie

Kerstin Anders arbeitet seit 26 Jahren als Requisiteurin am Theater Basel. Ihr Job hat sich während dieser Zeit massiv verändert. Früher wurden die Requisiten häufig in Brockenstuben aufgestöbert. Pyrotechnik war bis vor ein paar Jahren verboten und die Idee mit den Tieren auf der Bühne ist mittlerweile weit verbreitet. Auf der Hand liegen zudem die verschiedenen Inszenierungsvorlieben der immer wechselnden Intendanten in Basel.

Anders Erinnerungen an witzige tierische Szenen bei Produktionen sind endlos. Einmal sollte ein Hund Fussstapfen folgen und so über die Bühne laufen. «Wir haben in jeden Fussstapfen ein Leckerli gelegt. Eines Abends hatte er keine Lust mehr und hat seinen Gang einfach frühzeitig abgebrochen.» Oder: «Für eine Oper wurden zwei Schafe gebraucht. Als das Kind mit ihnen die Bühne betrat, haben sie geblökt. Darauf fragte der Regisseur, ob diese mit dem Blöken aufhören können.»

Oder: Eine Sängerin sollte während der Aufführung eine Kuh melken. Diese gab zu wenig Milch ab. Also hat der Regisseur überlegt, eine Attrappe hinter der Kuh zu installieren, die mehr Milch liefert. «Dieser Vorschlag wurde dann abgelehnt.» In Antonius und Kleopatra von Shakespeare, das 2007 von Christina Paulhofer in Basel inszeniert wurde, spielten ein Pferd und eine Schlange mit. «Ich hätte nicht gedacht, dass das Pferd über die Bühne läuft, währenddem die Schlange sich auch darauf befindet. Aber es hat geklappt.» Es gibt fast kein Tier, das Anders und ihre Kollegen noch nicht betreuen mussten. Raben und Schweine gehören auf jeden Fall auch dazu.

Nicht alle sind begeistert

Aber auch Misstönen musste sie standhalten. Denn wo soviel Tiere mit von der Partie sind, ärgern sich auch Zuschauer. Zwischendurch haben sich Stimmen aus dem Publikum laut gemacht und verkündet, die Tiere würden missbraucht, sagt Anders. Doch dies ist nicht die Norm, denn die Wünsche nach tierischen Protagonisten nimmt nicht ab – im Gegenteil, weiss Anders. Sie ist nämlich bereits wieder auf der Suche nach zwei Doggen. «Ein Regisseur braucht die Hunde für seine Produktion im April.»