Nun ist es soweit: Die Konzertsaison beginnt — für einmal ohne das Stadtcasino Basel und seine Konzertsäle. Für drei Jahre müssen Musikerinnen und Publikum ohne den akustisch hervorragenden Musiksaal und ohne den intimen, für Kammermusik so geeigneten Hans Huber-Saal auskommen.

Doch die Basler Klassik-Szene ist kreativ. Schon früh haben sich die Ensembles und Veranstalter um Ersatz bemüht — und ihn gefunden. Mehrfach.

Eine Hauptspielstätte für Klassik wird in den kommenden drei Jahren das Musical Theater im Kleinbasel sein. Hier werden etwa die Konzerte der Allgemeinen Musikgesellschaft Basel stattfinden. Doch funktioniert das überhaupt – klassische Musik in einem Musical-Tempel mit Mehrzweckhallen-Optik und Kino-Plüsch?

Klang aus dem Computer

Es funktioniert. Der Clou ist ein Zusammenspiel aus baulichen Veränderungen und einem High-Tech-System für die Akustik. Thomas Koeb, Leiter der Casino-Gesellschaft, lud am 20. August zum «Tag der offenen Tür» ins Musical Theater ein.

Eigentlich hat das Musical Theater eine sehr trockene Akustik — abgestimmt auf die elektronisch verstärkten Musicals, jedoch ungeeignet für klassische Konzerte. Doch drei Massnahmen machen den Saal Klassik-tauglich: die Orchestermuschel, also eine mobile, hölzerne Wand auf der Bühne, die den Klang nach vorn in den Zuschauerraum transportiert; dann die Deckensegel, die den hohen Bühnenraum nach oben hin abschliessen, damit sich der Klang nicht verliert. Und schliesslich das eigentliche Novum: das «System Vivace».

Hier wird der Klang auf der Bühne mit 15 Mikrofonen aufgenommen, ein Hochleistungscomputer ergänzt den Hall und schickt den Sound durch 42 kleine Boxen im Saal zu den Zuschauern. Eine halbe Million Franken hat sich die Casino-Gesellschaft das System der Firma Müller-BBM kosten lassen.

Doch es wirkt: Das Publikum zeigte sich am Tag der offenen Tür sichtlich beeindruckt — auch wenn der optische und der akustische Eindruck nun nicht mehr übereinstimmen. «Das klingt wie in einer Kathedrale», sagt eine Besucherin.

Ein bisschen wie in China

Doch man hört nicht auf allen Plätzen gleich gut. In den ersten Reihen dringt der Klang direkt von der Bühne zum Zuschauer und mischt sich noch nicht ideal mit dem Boxensound. In den hinteren Reihen hingegen ist der Klang tatsächlich hervorragend — auch wenn sich so mancher Besucher daran gewöhnen muss, dass der Klang nun aus einem Computer kommt.

Dabei ist das Verfahren etabliert. Die Oper Sydney verwendet es — und nicht nur sie: «Das klingt ein bisschen wie in einem chinesischen Konzertsaal», sagt der Pianist Oliver Schnyder, der am Tag der offenen Tür aufgetreten ist. Er meint das nicht negativ: In China werden viele Säle für verschiedene Kunstsparten genutzt — und steuern die Akustik mithilfe solcher Systeme. «Dort ist einfach die Schubladisierung nicht so gross wie bei uns», sagt Schnyder.

Auch andere Musiker zeigen sich positiv überrascht. «Sehr angenehm», sagt Julia Schröder, Konzertmeisterin des Kammerorchesters Basel, nach ihrem Auftritt. Nur die reinen Barockensembles wie etwa jenes vom La Cetra Barockorchester hören sich gegenseitig auf der Bühne nicht besonders gut — was das Zusammenspiel erschweren kann. Doch die Barockszene hat weiterhin zahlreiche Basler Kirchen als Konzertorte zur Auswahl.

Zum Beispiel das Basler Münster. Hier hat sich nun auch das Sinfonieorchester Basel eingemietet, und sich vom Raum zu einer eigenen Reihe inspirieren lassen. Während dreier Jahre werden hier sämtliche Messen und Sinfonien von Anton Bruckner aufgeführt. Damit der sechs Sekunden lange Hall den Orchesterklang nicht verwischt, hat hier die Firma «Applied acoustics GmbH» aus Gelterkinden eine Rückwand und zwei Seitensegel eingebaut. Die Möglichkeiten sind also deutlich eingeschränkter als im Musical Theater.

Doch das Sinfonieorchester Basel gastiert auch dort, zudem an völlig neu zu entdeckenden Basler Konzertorten. Die Programme werden jeweils auf den Raum zugeschnitten: Lyrik und Kammermusik im Literaturhaus, Theatermusik im Theater, Kinderkonzerte im Theater Scala, Cocktailkonzerte im Hotel Trois Rois. So hat der Stadtcasino-Umbau auch eine positive Seite: Die Programme in der Klassik-Szene werden bunter. Langweilig wird es in diesen drei Jahren ganz gewiss nicht.