Alles an einem Ort. Vor noch nicht allzu langer Zeit war das Wunschdenken an der Hochschule für Gestaltung und Kunst HGK FHNW. Die Institute waren in der ganzen Nordwestschweiz verteilt, Schnittstellen gab es kaum. Bis zum September vor genau drei Jahren. Dann kamen die Studenten und Dozenten an einem Ort zusammen, auf dem Dreispitz Basel und Münchenstein bezogen sie neue Räumlichkeiten. Der Campus der Künste entstand, mit dem Hochhaus der Architekten Morger & Dettli als Herzstück. Hier findet heute um 19 Uhr die öffentliche Vernissage der Abschlussprojekte der diesjährigen Absolventen aus HyperWerk, Industrial Design, Innenarchitektur und Szenografie, Visuelle Kommunikation und dem Masterstudio statt. Die Ausstellung «Next Generation» dauert bis zum 24. September. Das Besondere an diesem Jahrgang: Die Bachelor- und Master-Gestalter haben die drei- respektive zweijährige Ausbildung ausschliesslich auf dem Dreispitz absolviert.

Ein exklusiver Vorausblick auf die Ausstellung zeigt, dass die Absolventen Weltverbesserer und Anreger sensibler Diskurse sind, wenngleich noch im Kleinen. Aber, sofern sie geeignete Investoren oder eine gute Arbeitsstelle finden, mit potenziell grosser Wirkung. Die Ausstellung macht etwa die Bühne frei für einrädrige Veloanhänger aus nachhaltigem Material, für neuartiges Design von öffentlichen Gärten oder nützliche Tools für professionelle Retter, deren Einsätze durch neue Technologien verbessert werden. Kirsten Langkilde, Direktorin der HGK FHNW, sagt dazu: «An der Next Generation-Ausstellung kann jeder einen Blick in die Zukunft werfen – und neue Ansätze für den Umgang mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen kennenlernen.»

Die Projekte erzählen auch Geschichten, berühren mit besonderer Atmosphäre. Etwa die Abschlussarbeit von Michèle Müller aus dem Institut Innenarchitektur und Szenografie, oder die Internetkunst-Collage von Master-Absolvent Lazar Jeremic. Jana Kalbermatter wiederum will den Museumsbesuch revolutionieren. Die bz hat sich von diesen drei Arbeiten am Campus der Künste ein Bild gemacht.

Michèle Müller will Räume schaffen, die von den vorgesehenen Nutzern mitgestaltet werden: «Das ist die Zukunft der Innenarchitektur.»

Michèle Müller (26), Innenarchitektur und Szenografie

Michèle Müller will Räume schaffen, die von den vorgesehenen Nutzern mitgestaltet werden: «Das ist die Zukunft der Innenarchitektur.»

Das Leben muss mehr zu bieten haben als tagein, tagaus Pläne zu zeichnen, sagte sich Michèle Müller aus Seuzach bei Winterthur. 2011 nahm sich die Hochbauzeichnerin eine Auszeit und ging als Au-pair in die USA. «Ich liebe den Austausch mit Kindern», sagt Müller. Der Job erfüllte sie auf Dauer allerdings auch nicht, die Kreativität und das Zeichnen fehlten ihr. «Ich suchte eine Verbindung zu der Arbeit mit Kindern und meinem früheren Beruf.» Diese fand sie in Basel, startete mit dem Bachelorstudium Innenarchitektur und Szenografie. Sie begann, sich mit Räumen und deren Wirkung auf den Menschen zu beschäftigen. Ihr Fazit: «In Zukunft würde ich gerne in einem Büro arbeiten, das Räume in Interaktion mit den dafür vorgesehenen Benutzergruppen gestaltet.» In einer digitalisierten Welt sei es wichtig, individualisierte Erlebnisräume zu schaffen.

Mit dem Bachelor in der Tasche träumt Müller nun davon, Räume für und mit Kindern zu gestalten, seien es Tagesstätten, Schulzimmer oder Spielplätze. Dafür ist die Absolventin bereit, ins Ausland zu ziehen. Etwa nach Berlin. «Da passiert viel in der partizipativen Planung.» Müller wirkt ein bisschen übernächtigt, als sie von ihren Plänen erzählt. Erst vergangenen Samstag hat sie ihre Abschlussarbeit abgegeben. Die Aufgabe: Einen Ort der Inklusion zu kreieren, im Hinblick auf soziale Diversität, Migration und Integration. Einen Raum, der niemand ausschliesst, wo Einheimische und Flüchtlinge zusammen kommen. In Müllers Version «behind the facade» begeben sich die Besucher des Raumes auf eine Erfahrungsreise, denn: «Beim Reisen sind wir offener». In Zelten erzählen Menschen von überall her über ihr Leben. Im Zentrum des Raumes: ein grosses Feuer. «Schon in der Steinzeit kamen die Menschen am Feuer zusammen und tauschten sich aus», sagt Müller. Manchmal lohnt der Blick zurück, um die Bühnenbilder der Zukunft modellieren zu können.

Die Kunst der Internetspionage: Lazar Jeremic und die Handys, die von alleine Bilder von unserem Fotografen schiessen.

Lazar Jeremic (30), Visuelle Kommunikation

Die Kunst der Internetspionage: Lazar Jeremic und die Handys, die von alleine Bilder von unserem Fotografen schiessen.

Dass wir via unsere elektronischen Geräte überwacht oder zumindest beobachtet werden, ist für Lazar Jeremic kein Science-Fiction-Szenario. «Wir sind alle betroffen», sagt der gelernte Informatiker. Ein Handy oder einen Laptop zu hacken, Informationen abzusaugen und Bilder des Opfers zu schiessen, sei ein Kinderspiel. Etwas verbrochen haben muss man nicht, um ins Visier der Internetspione zu geraten. «Wir reden hier nicht nur vom Staat oder einer Geheimorganisation», so Jeremic. Es könne sich bei den Eindringlingen um Hacker mit krimineller Absicht handeln – oder um solche, die zum Spass rumschnüffeln. «Das Internet ist ein riesiger Ozean. Ist ja klar, dass da auch Piraten unterwegs sind.»

Für seine Masterthesis am Institut der Visuellen Kommunikation hat Jeremic nun den Spiess umgedreht und eine Art Hacker-App entwickelt mit der zugehörigen Webseite (mydatayourdata.art). Lädt man die App aufs Handy (vorerst nur auf Android), entscheidet man sich per Knopfdruck bewusst dazu, ausspioniert zu werden. Und wird Teil eines Kunstprojekts: Die App bewirkt, dass die beiden Handykameras selbstständig und nach einem zufälligen Algorithmus Momentaufnahmen machen. Die Fotos werden auf mydatayourdata.art geladen und verschwinden nach einer gewissen Zeit wieder. «Je mehr Leute mitmachen, desto interessanter die Foto-Collagen, die entstehen. Das Internet ist meine Kunstgalerie», sagt Jeremic.

Sein Selbstversuch der vergangenen Monate zeigt: Jenseits der perfekten, weil inszenierten und bearbeiteten Instagram-Selfies schiesst das Handy Bilder aus überraschenden und nicht immer schmeichelhaften Perspektiven. «Von meinen Nasenlöchern zum Beispiel. Aber man muss auch mal über sich selber lachen können», sagt Jeremic. Daneben sind ästhetisch ansprechende Fotos mit Farbenspielen entstanden, die wie Gemälde wirken. Etwa eines mit roten und blauen Schattierungen – «da war das Handy grade im Hosensack meiner Jeans.»

Jeremic hofft nun auf möglichst viele App-Nutzer, um den Diskurs anregen zu können. «Es ist ein Weg, dem sensiblen Thema der Bespitzelung auf künstlerische Art zu begegnen. Und auch, um die Selfie-Hysterie ad absurdum zu führen.»

Mit «Dojo» will Jana Kalbermatter den Museumsbesuch individualisieren und digitalisieren.

Jana Kalbermatter (25), Industrial Design

Mit «Dojo» will Jana Kalbermatter den Museumsbesuch individualisieren und digitalisieren.

«Dojo» ist japanisch und bedeutet «Raum des Weges». Dojo, so hat Jana Kalbermatter ihr Gerät getauft. Der Prototyp erinnert irgendwie an einen Lockenstab, kann aber viel mehr: «Dojo lässt dich deine ganz persönliche Museumsführung erleben», sagt Kalbermatter. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Industrial Design hat die Walliserin und Wahlbaslerin ein Konzept entwickelt, das jedoch nicht mit den Audiogeräten zu verwechseln ist, die uns heute durchs Museum führen. Dojo, so Kalbermatter, sei ein «Smart Device», verbunden mit Raumsensoren und einer Software. «Es erkennt die Werke in deiner Nähe, und du kannst per Knopfdruck jene Werke speichern, die dir besonders gefallen haben.» Zu Dojo gehören auch digitale Museumspläne, welche die Besucherdichte in den Räumen anzeigen.

Kalbermatter ist gelernte Grafikerin. Während eines Praktikums habe sie realisiert, dass ihre Leidenschaft über den Bildschirm hinaus gehe – «meine Projekte hatten oftmals einen installativen Aspekt.» Deshalb habe sie sich entschieden, den Studiengang zum «Bachelor Industrial Design» in Basel in Angriff zu nehmen. Den Abschluss versteht sie als Sprungbrett: In den kommenden Monaten wolle sie sich auf die Suche nach Investoren und einem Softwareentwickler machen, sagt sie. «Ich kann mir vorstellen, dass mein Projekt bei den Museen auf Interesse stösst. Mit Dojo könnten sich die Häuser besser vernetzen und die Profile ihrer Besucher schärfen.» Im Bereich der digitalen Museumsführung bestehe Potenzial, so Kalbermatter weiter. Dojo solle aber nichts mit Sozialen Medien zu tun haben: «Ich verstehe es eher als anonymes Gerät.»

Einen «speziellen Aspekt» habe sie noch vergessen, sagt Kalbermatter, und hält den Prototypen unterhalb ihres Ohrs an den Schädelknochen. «Die Audio-Infos, die Dojo dir gibt, kommen nicht via Kopfhörer, sondern Vibration. Das nennt sich Knochenschallübertragung.» Die Technologie sei zwar nicht neu, habe aber viele Vorteile: «Man kann sich mit seiner Begleitung unterhalten und verliert die Orientierung nicht. Zudem gibts keinen Konflikt mit Hörgeräten.» Dojo hat den Dreh raus.