Familienkrach
Basler Männer brauchen mehr Hilfe – es fehlt jedoch an Geld

Das Männerbüro Basel hilft Männern bei Familienkrach, Alkoholexzessen oder häuslicher Gewalt. Die Kundschaft nimmt zu – doch es mangelt an Geld.

Tara Hill
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Sie engagieren sich im Basler Männerbüro: (v.l.): Peter Brugger, Gaudenz Löhnert und Franco Fachin.

Sie engagieren sich im Basler Männerbüro: (v.l.): Peter Brugger, Gaudenz Löhnert und Franco Fachin.

Roland Schmid

Im Davidseck riecht es immer noch ein bisschen nach Farbe. Doch auch wenn Einrichtung und Anstrich brandneu sind, steht die Türe des neuen Männerbüros im Eckhaus an der Kreuzung Davidsbodenstrasse/Davidsrain im St. Johann-Quartier bereits ganztags offen. Denn gerade im Advent geht es vielerorts heiss zu und her: «Traditionell ist das der Monat, wo oft Höchstwerte erreicht werden», sagt Männerbüro-Geschäftsführer Gaudenz Löhnert. Das heisst Tiefpunkte, Krisen und Tragödien. Typischerweise: Familienkrach, Alkoholexzesse, häusliche Gewalt.

Im besten Fall kommen Männer dann bei Franco Fachin vorbei, um sich Hilfe zu holen. Der ausgebildete Fachmann für psychiatrische Krankenpflege verfügt über Zusatzausbildungen als Sozialtherapeut und langjährige Erfahrung als Männerberater. An ihn gelangen auch straffällig gewordene Männer, etwa solche, die wegen Misshandlung ihrer Partnerinnen im Knast gelandet sind. Das Männerbüro arbeitet hier als Pionierprojekt mit den kantonalen Bewährungshelfern zusammen. «Das ist die einzige Dienstleistung, die wir anbieten, die direkt vom Staat finanziert wird.» Das Geld kommt in diesem Fall vom Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement. Das freut Löhnert, sei die Täterarbeit doch eine der wichtigsten Errungenschaften der Männerarbeit.

Kürzlich umgezogen

Andererseits sieht er diese Fokussierung der Gelder auch wieder kritisch: «Eigentlich sollte der Präventionsgedanke im Vordergrund stehen. Also ist es bedenklich, wenn Männer erst straffällig werden müssen, um staatliche Hilfe zu bekommen.» Sich als Mann in einer Krisensituation Hilfe zu holen, gelte vielerorts nämlich noch immer als Eingeständnis persönlichen Versagens. Das sei befremdlich. Seit einem halben Jahr hat Löhnert nun die Geschäftsleitung inne. Der Umzug ist ein erstes geglücktes Projekt. Er sei auch dringend nötig gewesen, sind sich Löhnert und Fachin einig. Der Dritte im Leitungsteam ist der Anwalt Marcus Sartorius. Er hilft Männern bei rechtlichen Problemen und Fragen.

Das Männerbüro hat mit dem Umzug dem immer grösser werdenden Bedürfnis nach Beratung Rechnung getragen, wozu im alten Büro an der Blauenstrasse Platz und geeignete Infrastruktur gefehlt hatten.

Denn jedes Jahr zeigen die Zahlen steil nach oben. Zurzeit stehe man bei 371 Beratungen – bis Ende Jahr dürfte die 400er-Grenze erstmals geknackt werden. Das macht im Durchschnitt mehr als einen Ratsuchenden pro Tag. Meistens geht es dabei um Familienstreit, um die Frage, wie man angesichts von Trennungswirren und Krach weiterkommunizieren könne. Im Vergleich zur Gewaltberatung lasse sich hier oft schon mit wenigen Sitzungen eine positive Veränderung bewirken. Denn das Kindeswohl stehe dabei für fast alle hilfesuchenden Männer im Zentrum: «Hier finden wir dann oft eine Lösung, die den Hausfrieden wiederherstellt oder die zumindest die Kinder, die sich wieder eine heile Familie wünschen, entlastet.» Ein Prozent ihres Lohnes zahlen die Männer dabei für die Dienstleistungen. Immer noch zu viel, findet Löhnert, der sich selber mit nur 30 Prozent ausbezahltem Pensum und vielen Überstunden als «schlechtes Beispiel für Work-Life-Balance» bezeichnet.

Notwohnung für Mann und Kind

Wenn sein Vertrauensmann Franco Fachin nächstes Jahr pensioniert wird, sollen zwei erfahrene Männer seinen 80-Prozent-Job übernehmen. «Aber eigentlich ist auch das zu wenig.» In Zukunft hofft Löhnert deshalb auf eine Anschubfinanzierung einer grossen Basler Stiftung, oder vom Staat. Auch wenn dies noch mehr Projekte bedeutet, als «nur» den Grundbedarf an Beratung zu decken: «Denn heute werden Gelder eigentlich immer nur projektabhängig gesprochen, also wenn man neue Angebote schafft.»

Das sei an sich auch kein Problem, meint Löhnert und lacht: «Ich habe viele Ideen.» So schwebt ihm, der hauptberuflich als Lehrer im Kleinbasel arbeitet, ein neuer Schwerpunkt in der Jungenarbeit vor. Etwa in Form eines Bubentreffs, wo diese sich austoben und über ihre Probleme reden können. Ebenso wichtig wäre sein Herzensprojekt einer Notwohnung für Mann und Kind. Denn Männer müsse man beileibe nicht immer nur vor ihresgleichen oder sich selbst schützen, sondern durchaus immer mal wieder vor Frauen, die männlichen Bedürfnissen nicht nur mit Unverständnis und Ablehnung, sondern auch mit Aggression und Gewaltausbrüchen entgegenträten. Eine solche Notwohnung könnte auch als Zufluchtsort dienen, bevor das eigene Ventil dem Druck nicht mehr standhält.

«Uns geht jedenfalls die Arbeit sicher nicht aus», zieht Löhnert ein Fazit. Wer also das neue Jahr mit dem Vorsatz, ein besserer Mann zu werden beginnen will, begebe sich zum Davidseck: «Wir freuen uns nämlich über immer mehr Laufkundschaft.»

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