Nähkästchen
Basler Flughafendirektor Matthias Suhr: «Ich verreise gerne mit der Bahn»

Flughafendirektor Matthias Suhr plaudert aus dem Nähkästchen. Über Teilzeitarbeit, seinen ökologischen Fussabdruck – und Lärm.

Rahel Koerfgen
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Fast hätte das Nähkästchen den Abflug gemacht. Matthias Suhr hat das Los mit dem Begriff Zeitmaschine erwischt.

Fast hätte das Nähkästchen den Abflug gemacht. Matthias Suhr hat das Los mit dem Begriff Zeitmaschine erwischt.

Juri Junkov

Herr Suhr, was ist unser Thema?

Matthias Suhr: Zeitmaschine. Wohin reisen wir?

Sie entscheiden.

Wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, dann in die Zeit des Römischen Reichs. Als ehemaliger Anwalt finde ich insbesondere das damalige Rechtssystem spannend, aber auch das fortschrittliche Sozialwesen und die Kultur.

Und jetzt ab in die Zukunft. Ich schlage vor: 2030. Wie werden wir fliegen?

Die Airlines arbeiten zwar mit den Herstellern intensiv an der Entwicklung von E- und Hybridflugzeugen, aber das wird noch ein bisschen länger dauern. Ich schätze, 2050 wird das erste E-Flugzeug im Publikumsverkehr abheben. Zudem werden Flugzeuge mit synthetischem Kerosin fliegen.

Wird Fliegen derart preisgünstig bleiben?

Die Demokratisierung des Luftverkehrs ist unumkehrbar. Es kommen sicher Abgaben dazu, etwa eine weltweit adaptierte Kerosin- oder auch CO2-Steuer, die 20 bis 30 Franken pro Ticket ausmachen könnte. Aber die Zeiten, in denen man 1000 Franken für einen Flug nach Kopenhagen bezahlt hat, sind vorbei.

Fliegen Sie gerne?

In der Vergangenheit war das sicher ein Event, wenn man mit dem Flugzeug irgendwo hingereist ist. Heute ist es ein normales Verkehrsmittel...

Wie oft im Jahr sind Sie mit dem Flugzeug unterwegs?

Beruflich nicht viel. Ich habe oft in Paris zu tun, da nehme ich den Zug, weil die Bahnhöfe mitten in der Stadt liegen. Privat verreise ich gerne und grösstenteils mit der Bahn, ich habe ein Generalabonnement. Ich verbringe jedes Jahr ein paar Tage im Engadin, ganz für mich allein. Mit dem Flieger war ich in diesem Jahr in Wien und im Herbst in Lissabon.

Die Menschen sorgen sich ums Klima. Und trotzdem wird so viel wie noch nie geflogen. Was halten Sie von dieser Doppelmoral?

Es geht beides! Der Klimawandel findet so oder so statt, das haben wir im Geo-Unterricht gelernt: Mal lag die Schweiz unter einer dicken Eisdecke, mal herrschten tropische Temperaturen. Das wiederholt sich. Klar, der Mensch beschleunigt diesen Wandel erheblich, aber ein Einzelner kann ihn nicht aufhalten, auch wenn er Veganer wird und sein Auto verkauft. Das macht schon ohnmächtig. Es braucht global koordinierte Massnahmen auf staatlicher Ebene, um wirklich etwas zu bewirken. Denn es ist die Grundinfrastruktur in den Ländern, die dafür sorgt, dass unser ökologischer Fussabdruck riesig ist. Ich bin sehr gespannt, was nun in Madrid entschieden wird, wenn sich die Staatschefs über zukünftige Massnahmen unterhalten.

Der Euro-Airport wächst unaufhaltsam. Wird in diesem Jahr die 9-Millionen-Marke bei den Passagieren gesprengt?

Ja, wir werden Ende Jahr knapp über 9 Millionen Passagiere verbuchen. Ein grosser Teil unserer Passagiere ist übrigens zwischen 20 und 29 Jahre alt.

Das ist das neunte Rekordjahr in Folge. Schafft der Flughafen 10 Millionen im kommenden Jahr?

Das wird nicht der Fall sein, das Passagierwachstum wird sich verringern. Ich gehe wieder von etwa 9 Millionen aus.

Weshalb?

Die Leute werden wegen der sich abkühlenden Wirtschaft weniger fliegen. Der Euro-Airport ist sehr gut aufgestellt, bietet mehr als 100 Destinationen an. In den nächsten Jahren wird es also nicht unbedingt mehr Destinationen geben, sondern mehr Frequenzen.

Diese Woche ist bekannt geworden, dass die Grünen Baselland per Volksinitiative dem Wachstum des Euro-Airports ein Ende setzen wollen.

Es sind Forderungen, die uns seit Jahren beschäftigen. Ich nehme diese sehr ernst. Das Hauptthema ist jedoch der Fluglärm. Deswegen liegt die Reduktion des Fluglärms in unserem Hauptfokus – und nicht die Bewegungen oder die Betriebszeiten.

Ab wann also kann die Bevölkerung mit weniger Lärm rechnen?

Es läuft ja eine umfassende Studie zur Prüfung von verstärkten Lärmschutzmassnahmen. Das Verfahren dauert noch etwas, weil der Euro-Airport ein öffentlich-rechtliches Unternehmen ist und sich an das vorgeschriebene rechtliche Verfahren halten muss. Allfällige Massnahmen oder Betriebsänderungen müssen sogar der EU vorgelegt werden.

Dann kann eine Volksinitiative gar nicht viel bewirken. Irgendwie scheinen Ihre Erklärungen nicht beim Volk anzukommen.

Wir haben immer transparent informiert, aber vielleicht zu wenig. Lärm ist ein hochemotionales und subjektives Thema. Der eine empfindet ihn störender als ein anderer oder umgekehrt. Wegen dieser Emotionalität werden Fakten oftmals gar nicht wahrgenommen.

Sie sind seit vier Jahren Direktor des Flughafens. Wenn Sie sich ins Jahr 2015 zurück katapultieren könnten: Würden Sie den Job wieder annehmen?

(lacht) Ja, definitiv! Natürlich ist er hin und wieder aufreibend und anstrengend, aber auch hochspannend, weil er eben auch so politisch ist.

Wie sind Sie eigentlich zur Fliegerei gekommen?

Aus praktischen Überlegungen. Ich arbeitete als Anwalt in einer Kanzlei und war auf der Suche nach einem Teilzeitjob, weil ich mehr Zeit haben wollte für meinen Sohn. In einer Kanzlei war das in den 1990er-Jahren nicht möglich. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt suchte damals einen Anwalt zu 80 Prozent. Da griff ich zu.

Ein Mann, der Teilzeit arbeitet – heute courant normal, damals undenkbar. Wie reagierten Ihre Arbeitskollegen?

Gewisse schon mit Befremden. Dass ich Karriere machen würde, hielten viele für ausgeschlossen. Es ging mir damals einfach um meinen Sohn, dass ich ihn mitbetreuen konnte. Ich lege jedem Vater ans Herz: Nutze und geniesse die Anfangszeit Deines Kindes.
Würden Sie etwas ändern in Ihrem Leben, wenn Sie in eine Zeitmaschine sitzen könnten?
Nein. Ich habe ein gutes Leben gehabt, habe es immer noch. Die Schweiz ist ein kleines Paradies. Man sollte sich stets vor Augen halten, wie die Situation in anderen Ländern ist. Dann kommen einem die eigenen Probleme plötzlich ganz unbedeutend vor.