Konzert
Basler Chor singt Musik aus dem guten Jahrgang 1685

Unter der Leitung von Sebastian Goll singen die Basler Vokalsolisten Werke der 1685 geborenen Komponisten Bach, Händel und Scarlatti.

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Die Basler Vokalsolisten unter der Leitung von Sebastian Goll und das Ensemble Baroque Éloquence aus dem Kanton Jura bei einer Probe.

Die Basler Vokalsolisten unter der Leitung von Sebastian Goll und das Ensemble Baroque Éloquence aus dem Kanton Jura bei einer Probe.

Nicole Nars-Zimmer niz

«Es muss knistern!», sagt Sebastian Goll zu seinen Sängerinnen und Sängern. Er hebt die Arme, gibt den Einsatz — und es knistert tatsächlich: «Inflammatus» singt der Chor mit scharfen Konsonanten, und die Koloraturketten in den Sopranstimmen sprühen wie Funken.

Es ist eine sehr bildhafte Musiksprache, die Domenico Scarlatti in seinem «Stabat Mater» von 1715 gewählt hat. Der Schmerz der Mutter Christi, die ihren Sohn am Kreuz erblickt, könnte kaum drastischer dargestellt werden. Dissonanzen reihen sich aneinander, dehnen die Spannung extrem weit.

Intensive musikalische Arbeit

13 Sängerinnen und Sänger proben gerade im Zwinglihaus in Basel. Die Gesangsstimmen sind allesamt solistisch besetzt — typisch für diesen Chor, der eigentlich keiner ist, denn er nennt sich «Vokalsolisten». Der Grund: Alle Mitglieder sind auch solistisch tätig und formieren sich projektweise zu einem hochkarätigen Gesangsensemble. «Ich schätze die intensive Probenzeit», sagt Sebastian Goll, Dirigent und Leiter der Basler Vokalsolisten. «Wenn man als Solist zu einem Chor dazustösst, ist die Probenzeit meist kurz. Hier als Ensemble können wir viel intensiver an der musikalischen Gestaltung arbeiten.»

Und das tut er. Versucht, seinen Sängerinnen und Sängern den Schmerz Marias nahezubringen: «Das kann man gut nachempfinden, wenn man eigene Kinder hat: Der Verlust eines Kindes ist das Schlimmste, was einem passieren kann», sagt Goll zum Chor. Er hebt die Arme, gibt den Einsatz — und die Stimmen reiben sich über all den Tränen, dem Weinen und Klagen, das in die Partitur eingeschrieben ist.

Basler Vokalsolisten: 1685

Sa, 10. 9., Stadtkirche Brugg, 20 Uhr; So, 11. 9., Elisabethenkirche Basel, 17 Uhr. 
Konzerte in Zürich und Porrentruy am 4. und 5. März 2017.

www.basler-vokalsolisten.ch

Goll hat selbst drei Kinder, das Jüngste ist gerade in die Schule gekommen. Seine Frau singt ebenfalls bei den Basler Vokalsolisten mit — ein Glücksfall und eine Zerreisprobe gleichermassen. «Die gemeinsamen Mittagspausen während eines solchen Projekts sind Luxus pur — die haben wir nur für uns», sagt er und lacht. Aber das Familienleben zu organisieren, wenn beide Eltern in das gleiche Musikprojekt involviert sind, das ginge nur mit der Hilfe von Freunden.

Ensemble-Erlebnis berauscht

Goll leitet seit vielen Jahren verschiedene Chöre, und steht selbst immer wieder als Bass-Bariton auf der Bühne. Das Singen hat er unter anderem an der Schola Cantorum gelernt. Die Basler Vokalsolisten sind ein Überbleibsel seiner Studienzeit: Die Gesangsklasse von Kurt Widmer formierte sich 2002 für eine einzige Konzertreise zum Chor — und war danach wie berauscht von dem Ensembleerlebnis.

Seitdem lässt es sie nicht mehr los, das solistische Singen im Ensemble. Die Einzelstimmen sind hier stets präsent, klangschön, markant, charakterstark, und können dennoch im piano ineinander verschwinden.

Werke wie Domenico Scarlattis «Stabat mater» sind ideal für diese Formation, denn sie ist für zehn Solo-Stimmen komponiert. Aber auch die anderen Programmpunkte für die kommenden Konzerte, das Anthem «As pants the hart» von Händel und Bachs Motette «Jesu, meine Freude», können solistisch aufgeführt werden. Dadurch werden Strukturen in den Partituren hörbar, die in manch gross besetzter Aufführung im Massenklang untergehen.

Jetzt ist es Händel, der geprobt wird. «Where is my god?», lautet hier der Gesangstext – eine Frage, die sich Goll auch angesichts der weltpolitischen Lage immer wieder stellen möchte. Ob die Musik Antworten dazu gebe, das müsse jeder Hörer selbst herausfinden, meint er. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession sei jedenfalls keine Voraussetzung, um dieses Konzertprogramm geniessen zu können, ist Goll überzeugt.

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