Drogenelend
Basels Skandalgeschichte: Künstler lässt das einstige Fixer-Stübli aufleben

Das Fixerstübli im St. Alban: Der Basler Künstler Pascal Trudon hat die Geschichte aufgearbeitet. Ein damaliger Gassenarbeiter blickt zurück auf das bewegendste Kapitel der Drogengeschichte Basels.

Leif Simonsen
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Ein Basler Künstler lässt das einstige Fixer-Stübli beim Kunstmuseum 25 Jahre später aufleben
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Am Picassoplatz entstand 1992 eine Dependance, die der Basler Fotograf Pascal Trudon festhielt.
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«Jeden Tag brachen uns Leute zusammen, die reanimiert werden mussten.» Klaus Meyer, ehemaliger Gassenarbeiter

Ein Basler Künstler lässt das einstige Fixer-Stübli beim Kunstmuseum 25 Jahre später aufleben

Keystone/zvg

Die Reichen vom St. Alban wollten das nicht sehen. Ein Fixer-Stübli vor ihrer Haustür? Das passte nicht in ihr idyllisches Quartier. Die Burckhardts und von Plantas marschierten in das Büro des zuständigen Justizdirektors Peter Facklam (LDP) und sagten ihm alle Schande. Ein älterer, feiner Herr mit Stock erhob sich und drohte Facklam: Er werde höchstpersönlich dafür sorgen, dass der Regierungsrat nicht wiedergewählt würde. Und so geschah es. Facklam setzte sich durch, verpasste dann aber die Wiederwahl 1992.

Es war eine Zeit, in der die Drogenpolitik in der öffentlichen Diskussion so dominant war, dass sie sogar Regierungsräte zu Fall bringen konnte. Und an die der Basler Künstler Pascal Trudon im September wieder anknüpft. 25 Jahre nach Verschwinden des Fixerstüblis neben dem Zschokke-Brunnen lässt es Trudon im September unter dem Namen «Es war einmal beim Kunstmuseum – zur Skandalgeschichte eines Gassenzimmers» wieder aufleben. Für knapp zwei Monate steht vor dem Kunstmuseum ein Ausstellungs- und Projektionsraum, wo Porträts der Süchtigen, die das Zimmer damals nutzten, zu sehen sind. Der Künstler selbst durfte damals nur unter der Bedingung ins Gassenzimmer, dass die Porträtbilder nicht in die Zeitung gelangen.

Dieses Versprechen will er auch 25 Jahre später noch halten. Den eigentlichen Skandal will er aber mit seinem Projekt der Bevölkerung nochmals vor Augen führen. «An jeder Ecke betonten die Basler ihre humanistische Tradition.» Dass selbst aus der damaligen Kunstszene grosser Widerstand erwuchs, empörte Trudon. «Ein Ernst Beyeler drohte beispielsweise, seine Leihgaben zurückzuziehen, sollte das Fixerstübli nicht geschlossen werden», erinnert er sich.

Dabei war das Fixerstübli am Picassoplatz nur eine Übergangslösung, weil es Ende der 80er-Jahre schnell gehen musste. Den Baslern präsentierten sich hässliche Bilder. Die Heroin-Welle erreichte ihren Höhepunkt und die Junkies trafen sich in aller Öffentlichkeit, um ihrer Sucht nachzugehen. Beim Rheinweg, bei der Utengasse sowie bei der Kaserne sassen sie am Boden und jagten sich die Nadeln in die Venen. Die Polizei war machtlos. Was wollte sie auch tun? Die Drogenabhängigen büssen, die ihr letztes Hemd und oft auch jenes des Nachbarn verkauften? Ein hoffnungsloses Unterfangen.

«Leute starben einfach weg»

Die Politik war ratlos. Ihr musste durch Private auf die Sprünge geholfen werden. Zum Beispiel durch Klaus Meyer, damals Gassenarbeiter beim Schwarzen Peter. Schritt für Schritt führte er zusammen mit seinen Kollegen das Vier-Phasen-Modell ein, das Schule machen sollte. So sollten nicht mehr nur die Prävention, die Repression und die Therapie, sondern neu auch die Überlebenshilfe zu den Massnahmen zählen. Am Anfang stand Ende der 80er-Jahre die Gassenküche: Im Kleinbasel wurden die Süchtigen mit gratis Esswaren versorgt, dann folgten Abgaben von sauberen Spritzen, um das damals grassierende HI-Virus einzudämmen.

Meyer, der selbst in der Mitte des Wahns seiner Arbeit nachging, sah, wie sich in der offenen Drogenszene bis zu 20 Heroinsüchtige die Nadel herumreichten. «Das war der blanke Horror», erinnert er sich. «Die Leute starben einfach weg», erinnert sich Meyer. In der öffentlichen Toilette beim Arbeitsamt gaben sich Ende der 80er Jahre die Leute reihenweise Überdosen.
Widerstände der Politik

Im April 1989 wurde am Lindenberg 1 ohne Bewilligung das erste Fixerstübli der Schweiz eröffnet. Hier konnten die Drogensüchtigen nicht nur sauberes Besteck beziehen, sondern auch gleich konsumieren. Das Pionierprojekt erregte Aufsehen weit über die Landesgrenzen hinaus. Selbst die BBC reiste an, um über das Basler Modell zu berichten – auch die anderen europäischen Staaten suchten schliesslich nach Wegen, das Heroinproblem in den Griff zu bekommen. Auch am Lindenberg herrschten prekäre Verhältnisse. Schliesslich wurde es die Anlaufstelle der über 2000 Schwerstabhängigen, die damals in Basel zu Hause waren.

«Jeden Tag brachen uns Leute zusammen, die reanimiert werden mussten», sagt Meyer. Ärzte, die sich hinter das Projekt stellten, schoben Schicht. Und auch Meyer musste bisweilen einem Weggedröhnten eine Ohrfeige klatschen. Im Fixerstübli am Lindenberg sei in den knapp zwei Jahren niemand gestorben, viele hätten gerettet werden können.

Doch die Drogenproblematik blieb im Kleinbasel allgegenwärtig. Ein Spritzenbus mit frischen Fixer-Utensilien fuhr durch die Gegend, um die Anlaufstelle am Lindenberg zu entlasten. Die Bevölkerung wehrte sich. «Dafür hatte ich volles Verständnis», sagt Meyer. «Stell dir vor, du kommst aus der Haustür und da stecken sich gerade sechs Fixer eine Nadel. Das ist doch niemandem zuzumuten.» Damit die Gräben zwischen Bevölkerung, Politik, Anwohnern und Drogenhilfe nicht immer tiefer wurden, gründeten Meyer und ein Mitstreiter den Drogenstammtisch.

Bis zu 300 Menschen sollten sich in den folgenden 15 Jahren regelmässig mit den zuständigen Regierungsräten, Politikern und Beamten treffen, um über die brennendsten Probleme im Umgang mit den Süchtigen zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen. Die Gassenarbeiter arbeiteten pragmatisch – aber am Rande der Legalität. Streng genommen leisteten sie mit ihren Projekten Mithilfe an den kriminellen Machenschaften der Süchtigen. Jörg Schild, damals oberster Drogenbeauftragter und später Regierungsrat, drohte gar: «Ich stecke Herrn Meyer ins Gefängnis.» Doch auch er sollte später, als er in der Exekutive sass, einlenken und einsehen, dass die Jagd nach Drogenkriminellen reine Sisyphos-Arbeit ist.

Viele Junkies aus gutem Haus

Anfangs 90er Jahre konnte die Basler Regierung die Augen nicht weiter verschliessen. Im Juni liess sie das erste Gassenzimmer an der Spitalstrasse eröffnen, im Februar 1992 dasjenige beim Kunstmuseum und kurz darauf jenes an der Heuwaage. Ziel war eine Dezentralisierung, eine Entlastung des Kleinbasels.

Die Zwischenlösung beim Kunstmuseum, mitten im schicken Quartier, war zum Scheitern verurteilt. Zwei Jahre später wurde das Zimmer verlegt. Die Süchtigen fühlten sich dort nicht wohl, weil sie von den Anwohnern herablassend angeschaut wurden. Und das Gewerbe beklagte sich lautstark über die sinkenden Umsatzzahlen. Es war ein augenfälliger Widerspruch im St. Alban, hier die Reichen und dort die Ärmsten, doch er spiegelte die Bigotterie der 80er-Jahre.

Manch ein Drogenabhängiger kam ja aus guten Verhältnissen und überforderte das familiäre Umfeld. Das Schicksal eines guten Freunds von Klaus Meyer veranschaulicht, wie viele Familien die Augen bis zuletzt verschlossen. Der drogenabhängige Mario war seiner HIV-Erkrankung erlegen, seine Mutter liess Rosen auf sein Grab legen, «obwohl er Schnittblumen hasste». Und auf den Todesanzeigen schrieb sie, er sei an Krebs gestorben.

Mitte der 90er-Jahre konnte dank der Gassenzimmer und der kontrollierten Abgabe von Methadon und später Heroin eine sichtliche Verbesserung der Situation herbeigeführt werden. Zudem kam Heroin allmählich aus der Mode, wurde von synthetischen Drogen und Kokain verdrängt, die besser mit einem Leben mitten in der Gesellschaft vereinbar waren. Die offene Drogenszene erreichte zwar nie die Dimensionen, die sie einst hatte, verschob sich aber in andere Quartiere. Gegen Ende der 90er-Jahre waren das Matthäus-Quartier, das St. Johann und die Gegend um den Kannenfeldpark betroffen, beim Sanitätsdepartement gingen im Frühling 2000 manche Reklamationen von Anwohnern ein. Später verlegte die Regierung die Kontakt- und Anlaufstellen, wie die Gassenzimmer in der Zwischenzeit heissen, wieder an die Peripherie. Heute gibt es noch zwei Angebote auf dem Dreispitz und am Wiesenkreisel.

Anfänge des Jugendkulturfestivals

Den Drogenfachleuten ging freilich die Arbeit nicht aus. Meyer musste beobachten, wie das Heroin sich allmählich in Hip-Hop-Kreisen durchzusetzen begann. 1994 gründete er deshalb die Präventionsfirma «Wake up» und engagierte angesagte Hip-Hopper wie Black Tiger, die als Vorbilder und Künstler andere Jugendliche auf die Gefahren des Drogenkonsums aufmerksam machten. Letztlich entstammte der Idee, die Kreativität der Jugendlichen für Prävention zu nutzen, das Jugendkulturfestival (JKF), das 1997 erstmals unter der Regie von «Wake up» durchgeführt wurde. Kaum ein anderer hat die Drogenpolitik so geprägt wie der heute 65-Jährige. Dabei konnte er durchaus auf einflussreiche Menschen zählen. «Ich habe nur zusammengetragen und ausgeführt, was viele Menschen damals gedacht und auch tatkräftig unterstützt haben.»

Nicht alle gingen mit der Ignoranz der angesprochenen Daigler aus dem Dalbeloch an die Drogenproblematik heran. «Da standen ja auch Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte dahinter, Anwälte, Leute aus der Wirtschaft, Pfarrer und auch Politiker unterstützten uns.» Ärzte waren gar an vorderster Front und halfen zu den Anfangszeiten am Lindenberg mit, die Drogensüchtigen zu versorgen.

Die Verve, um das alles nochmals durchzustehen, hätte er aber heute nicht mehr. «Das machst du zwei, drei Jahre, dann musst du aufhören. Das machen Körper und Seele nicht mit.»

Dienstag, 25. September bis Sonntag, 4. November 2018, Di bis So, 12-18 Uhr. Installation in der Dufourstrasse zwischen Zschokke-Brunnen und Picassoplatz.

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