Glocken
Basels Grösste gibt 2020 den Gong

Kein Feuerwerk, keine Partys: Zum Glück können wir 2020 auch anders ausklingen lassen.

Hannes Nüsseler
Drucken
Teilen
Der Glöckner von Notre Dame weiss, was es geschlagen hat.

Der Glöckner von Notre Dame weiss, was es geschlagen hat.

Hannes Nüsseler

Wer sich im Basler Münster auf dem Weg zum Martinsturm unter der sechseinhalb Tonnen schweren Papstglocke hindurchzwängt, könnte beinahe vergessen, dass Basels Grösste nicht immer so ruhig ist.

«Die Glocke ist an allen hohen Feiertagen des Kirchenjahres zu hören», erklärt Sandra Schmied, Sigristin am Münster und Bischofshof. «Zusätzlich gibt es auch das staatliche Geläut am Nationalfeiertag und zum Jahresübergang.» Die sogenannte Läuteordnung sieht vor, dass die Papstglocke das alte Jahr zehn Minuten lang alleine ausläutet, bevor nach einer Pause von fünf Minuten das gesamte Glockenensemble zu Neujahrsbeginn einsetzt.

«Viele Geläute wurden im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ersetzt»

Die 1873 gegossene Papstglocke ist bei weitem nicht die älteste Glocke im Basler Münster – obwohl sie Fragmente ihrer mittelalterlichen Vorgängerin enthält. «Viele Geläute wurden im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ersetzt», sagt Gudrun Piller, Kuratorin am Historischen Museum Basel. In der Sammlung haben sich verschiedene Glocken erhalten, darunter ein Fragment der von Papst Felix V. (1383–1451) gestifteten Glocke sowie eine Turmglocke aus dem 11. Jahrhundert. Dass diese alten Exemplare überhaupt noch existieren, ist nicht selbstverständlich.

«Glocken sind wichtige Zeugnisse einer historischen Handwerkskunst», erklärt Piller. Das sei im Wandel der Zeit allerdings oft vergessen gegangen, zumal Glocken einen hohen Materialwert besitzen. In Kriegszeiten wurde die «Artillerie der Geistlichkeit» deshalb gerne zu weltlichen Waffen umgeschmolzen. Für Angreifer war es hingegen wichtig, die grossen Glocken belagerter Städte zu kontrollieren. «Glocken waren in früheren Epochen quasi ein Massenmedium mit grosser Reichweite», sagt Piller. Einen Glockenturm zu erobern war so, «als würde man einen Fernsehsender besetzen».

Ein Massenmedium vor seiner Zeit

Für die innerstädtische Kommunikation waren Glocken unersetzlich. «Sie dienten als akustische Taktgeber und rhythmisierten den Tag und den Jahresablauf in Zeiten, in denen nicht alle Menschen eine Uhr bei sich trugen.» Ab dem 14. Jahrhundert tauchten an den Kirchtürmen erste Zifferblätter auf. «Diese Uhren waren technisch raffiniert, funktionierten aber nur visuell», erklärt Piller. Sie lösten die Glocken nicht ab, die über eine grössere Reichweite verfügten: «Im Idealfall waren sie im ganzen Stadtgebiet zu hören.»

Im Turmaufgang des Basler Münsters tickt das alte mechanische Uhrwerk, welches das Zifferblatt an der Aussenwand des Martinsturms steuert – mittlerweile digital überwacht. Mit dem Auslösen der Glockenschläge hat das Werk aber nichts zu tun, erklärt Sigristin Sandra Schmied. «Es gibt eine Computersteuerung für die Glocken, die alle Termine und Spezifizierungen programmiert.»

«Sie riefen zum Kirchgang, zu Versammlungen und zum Wehr-, Wach- oder Feuerdienst»

2010 hatte ein Blitzschlag die alte Glockensteuerung beschädigt, seither steht der neue Computer im Einsatz. Wie die Glöckner ihre Tätigkeit einst von Hand verrichteten, darüber kann Schmied nur spekulieren. «Im Martinsturm gibt es an gewissen Stellen hochklappbare Holzplattformen, die mit einem Malschloss gesichert sind. Meine Vermutung ist, dass die Glöckner früher darauf standen.»

Aber nicht nur Kirchen nutzten Glocken, auch in Schulen, Rat- und Zunfthäusern fanden sie Verwendung. «Sie riefen zum Kirchgang, zu Versammlungen und zum Wehr-, Wach- oder Feuerdienst», zählt Historikerin Piller auf. «Sie begrüssten hohen Besuch, teilten Todesfälle mit und warnten vor Gefahren.» Dieser alles durchdringende Klang schlug sich auch in der Kunst nieder: Glocken wurden besungen, von Schiller in Reimform gegossen und erlaubten es dem halbtauben und -blinden Quasimodo, aus der Isolation von Notre Dame heraus ganz Paris zu umarmen.

Heimatklänge und Störgeräusche

Voraussetzung für diese Kommunikation war, dass man den Glockenklang «lesen» konnte. «Es gab verschiedene Ton- und Schlagfolgen, die man interpretieren musste», so Piller. Auch die Dimension der Glocken spielte eine Rolle. «Nur bedeutende Ereignisse wurden ‹an die grosse Glocke gehängt›.» Basel läutet seine Herbstmesse bis heute mit dem «Mässglöggli» ein, es gab Markt-, Rat- oder Zinsglocken; in Muttenz und Pratteln begleiteten Weinglocken die Weinlese. «Es gab Alarm für Feuer, Unwetter, Hochwasser, nahende Seuchen und Wölfe», sagt Piller. Auch bei Mobilmachungen wurden Glocken noch bis ins 20. Jahrhundert eingesetzt.

«Glocken waren nicht nur praktisch, sondern teils auch überlebensnotwendig», erklärt Piller. Das Wissen darum, «was es geschlagen» hat, sei aber weitgehend verloren gegangen. «Mit dem Aufkommen von Fernsehen und Internet hat die Glocke ihre Kommunikationsfunktion in den letzten 50 Jahren sukzessive eingebüsst.» Heute werde Glockenklang nur noch ganz generell mit feierlichen Anlässen in Verbindung gebracht – falls er nicht als lästig empfunden werde.

In Sandra Schmied, die direkt neben dem Basler Münster wohnt, lösen Glocken dagegen Heimatgefühle aus. «Dass sich Leute an Glocken stören, kann ich nur bedingt nachvollziehen.» Man nehme durchaus Rücksicht und setze beispielsweise das Gebetszeitläuten am Samstagmorgen um sieben Uhr aus. Es sei aber auch niemand gezwungen, neben eine Kirche zu ziehen: «Das wäre, wie wenn man Bauland in einer Einflugschneise kauft und sich dann über den Lärm beklagt.»

«Glocken hatten nicht nur eine praktische Warnfunktion»

Doch am Glockenschlag scheiden sich nicht nur die Geister, im Volksglauben vertreibt er auch Gespenster. «Glocken hatten nicht nur eine praktische Warnfunktion», erklärt Piller. «Es wurden ihnen – wie vielen Dingen – magische Kräfte zugesprochen.» Geweiht und mit Segenssprüchen versehen, kündete eine Glocke das herannahende Hagelgewitter an und bannte es zugleich. Glöckchen am Pferdegeschirr verscheuchten die dunklen Mächte. Auch das Geläut der Neujahrsglocken hatte – hat – diese schützende Funktion.

In wenigen Tagen wird die Papstglocke wieder läuten, ein letztes (2020) und ein erstes Mal (2021). Vielleicht werden wir sie trotz der Klingeltöne unserer Handys hören, wenn sie beharrlich an die Dunkelheit klopft. Und mit ihr auf ein neues, besseres Jahr hoffen.