Kunstmuseum Basel

Aus dem Osten das Licht: Rembrandts Zeitgenossen und der Orient

Das Kunstmuseum Basel lädt mit «Rembrandts Orient» zu einer Reise in die frühe Zeit der Globalisierung.

Ruhig, selbstsicher und direkt blickt Rembrandts «Mann in orientalischer Kleidung» von 1635 von der Wand. Er trägt ein Perlencollier und einem Mantel aus schwerem Goldbrokat. Ein ebenfalls goldener Kettengürtel umfasst einen grossen, weissen Turban, der sich über dem Kopf des bärtigen Niederländers reiferen Alters auftürmt. Das Gemäldeporträt des niederländischen Grossmeisters bildet einen Höhepunkt der Herbstausstellung «Rembrandts Orient» im Kunstmuseum Basel.

Teurer Schmuck und edle Gewänder: Es war tatsächlich ein «Goldenes Zeitalter», eine Welt des Reichtums und des Wohlstands, in der ein grosser Teil der Bürger und Bürgerinnen im
17. Jahrhundert in den Niederlanden lebte. Der kleine Staatenbund war eben zur führenden wirtschaftlichen Macht zur See und zu Lande aufgestiegen, öffnete sich der Welt gegenüber und liess Religionsfreiheit und Wissenschaften zu. Zum Handel kam die Neugier an fernen Ländern dazu, aus denen neue, noch nie gesehene Güter im Land eintrafen. Die beliebteste Weltgegend war der Osten, das Morgenland, der unbekannte, geheimnisvolle Orient, der sich für die Zeitgenossen bis nach Nordafrika, ja bis nach Indonesien und Japan erstreckte.

Die Geschichte einer frühen Globalisierung

Die Basler Ausstellung zeigt die Geschichte dieser frühen Globalisierung, welche die Wirtschaft wie die Kultur, die Mode wie das Alltagsleben erfasste. Mit 115 Gemälden, Druckgrafiken, Zeichnungen und Miniaturen, Karten und Bücher vermittelt sie einen Eindruck von der damaligen Faszination der Zeitgenossen am sagenumwobenen Orient. Dass die Handelsbeziehungen in hohem Mass auf Kriegen und Gewalt aufbauten, verschweigt die Ausstellung nicht – jedoch kaum einer der damaligen Künstler zeigte diese Schattenseiten.

Die Begeisterung der Niederländer am Orient war begleitet von einem boomenden Kunstmarkt:  Die reich gewordene und stolze bürgerliche Oberschicht wollte sich und ihre angesammelten Schätze und Kostbarkeiten im Bild festhalten lassen.

Man zeigte sich jetzt nicht mehr nur als einzelne Person, sondern als ganze Gruppe, umgeben von den «Statussymbolen der oberen Zehntausend», wie Kurator Bodo Brinkmann sagt. Orientreisende liessen sich in Seidenrock, Federgesteck und Pantoffeln malen, während Hunde, Papageien wie auch Sklaven in die Nebenrollen verbannt wurden.

Kunst auf der Strasse und auf Jahrmärkten

In den Jahrzehnten der Orientsehnsucht produzierten Hunderte von Künstlern samt ihren Werkstätten und Schulen Gemälde, Drucke und Zeichnungen. Die Kunstwerke entstanden  serienmässig und wurden auch auf der Strasse und auf Jahrmärkten feilgehalten. Nach Schätzungen sollen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts mehrere Millionen Kunstwerke hergestellt worden sein. Heute weiss sich nahezu jedes grössere Museum im Besitz einiger «alter Holländer» von mehr oder minderer Qualität.

Authentische Darstellungen von Land und Leuten vermitteln in der Ausstellung nur wenige Werke. Die wenigsten Künstler hatten die Länder des Orients mit eigenen Augen gesehen, auch der bekannteste unter ihnen nicht: Rembrandt.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) begann bereits in jungen Jahren, sich mit der Welt des Orients als Sammler und Künstler zu befassen – voller Experimentierfreude und mit seiner meisterhaften Technik, die zunächst nur wenige erkannten. Er spezialisierte sich nicht auf wenige Motive, sondern schuf als vielseitiger und umtriebiger Künstler gleichermassen Porträts, Landschaften, aber auch unzählige Szenen aus der Bibel.

Der Nahe Osten als Ursprungsregion des Christentums und anderer Religionen steht denn auch im Zentrum vieler Werke. Gerade die Welt des Alten Testaments wurde für die Orientfreunde zu einer hervorragenden Projektionsfläche.  Nicht nur bildeten die reich und üppig ausgestatteten biblischen Figuren einen Gegensatz zum kargen einheimischen Calvinismus  der heimatlichen Niederlande.

Der junge Staatenbund, der sich eben von Habsburg-Spanien befreit hatte, verglich sich auch gerne mit dem Aufstieg des auserwählten israelischen Volks  und dessen Widerstand gegen Fremdherrschaft und Unterdrückung – was dem oft idealisierten Zauber des Orients eine durchaus harte politische Note verleiht.

Souveräner Umgang mit Hell-Dunkel-Effekten

Auch in den biblischen Darstellungen suchte Rembrandt immer wieder nach neuen Darstellungsformen von traditionellen Motiven,. Sein Gesamtwerk ist aber vor allem durch seinen souveränen Umgang mit Hell-Dunkel-Kontrasten bekannt.

Viele seiner Bibelszenen spielen sich denn auch in düsteren Innenräumen etwa von Tempeln ab: Ein Lichtstrahl trifft auf die wichtigsten Personen oder auf reflektierende Oberflächen, die dadurch hervorgehoben werden. In den abdunkelten Ausstellungsräumen in Basel kommt damit die effektvolle Lichtregie des Künstlers doppelt zur Geltung.

Von den niederländischen Künstlern – von Jan Luiken über Jan Lievens bis Willem Kalf – zeigt die Ausstellung elf Werke aus Rembrandts Schule. Eines davon, ein frühes vom Meister selbst, ist im Besitz des Kunstmuseums («David übergibt Goliaths Haupt dem König Saul» von 1627).

Wie Kurator Brinkmann nebenbei sagt, zählte das Kunstmuseum vor Jahren einmal drei Rembrandts – doch zwei davon hätten die Echtheitsprüfung nicht überstanden. Immerhin besitzt das Kupferstichkabinett des Kunstmuseums zahlreiche Druckgrafiken und Zeichnungen des Grossmeisters (siehe Kasten).

Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, Kunstmuseum Basel, 31. Oktober bis 14. Februar. 2021.

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