Theater

Auch die Familie ist nicht mehr, was sie noch nie war

Oft trügt der Schein: Die Familie ist nicht immer der Ort, wo wir uns geborgen fühlen. (Symbolbild / Getty Images)

Oft trügt der Schein: Die Familie ist nicht immer der Ort, wo wir uns geborgen fühlen. (Symbolbild / Getty Images)

Am Freitag hätte «What Is Human» des Duos Fleischlin/Meser Premiere gefeiert. Darin geht es um die Frage, was Familie eigentlich ist.

Es schlägt die Stunde der Familie. In unsicheren Zeiten ist sie der Fels in der Brandung, Ort des Zusammenhalts, Urzelle der Solidarität. Auf sie ist Verlass. Sie ist nach Vorgabe des Bundes auch der einzige Ort, wo wir uns derzeit aufhalten sollten.

Glücklich, wer das so sehen und leben kann. Für viele ist Familie in diesen Tagen aber eher der Ort, wo ein Stresstest unbekannten Ausmasses abläuft. Noch nie waren wir uns so nah. Und viele Menschen merken wiederum, dass sie gar keine richtige Familie haben.

Beatrice Fleischlin und Anja Meser, bekannt unter dem Namen Fleischlin/Meser, hätten heute Abend ihr Stück «What Is Human» in der Kaserne Basel uraufgeführt. Daraus wird jetzt nichts. Was die beiden Regisseurinnen bei ihren Recherchen ausgegraben haben, ist trotzdem erzählenswert.

Sie haben Familienmitglieder und Freunde versammelt, um davon zu erzählen, was Familie eigentlich bedeutet. Ein Fest an einer Tafel hätte es werden sollen, an der zwölf Menschen Geschichten erzählen, die zeigen, wie unterschiedlich die Keimzelle unseres Lebens wahrgenommen wird und wie unterschiedlich sie sich je nach Zeit und Ort konstituiert.

Die Frau sei dem Manne untertan

Beatrice Fleischlin ist selbst in einem archaischen Prototyp von Familie gross geworden. Ihre Eltern waren Schweinezüchter in Sempach. Auf dem Hof wuchsen neun Kinder auf. Die Mutter arbeitet heute noch auf dem Feld, den Sommer über. Im Winter strickt sie unentwegt Socken. Und hätte nun eine neue Aufgabe gehabt: im Stück ihrer Tochter in Basel aufzutreten. Dort hätte sie von den Freiheiten in ihrer Jugend und den Zwängen ihres Lebens erzählt. Davon, wie ihr Vater einen zweiten, kleinen Hof pachtete, den sie als 17-Jährige mit ihren Brüdern autonom bewirtschaftete. «An den Wochenenden gingen wir manchmal an die Kilbi, tanzten und genossen das Leben», steht in ihrem Text fürs Stück.

Später hat sie geheiratet. Da habe der Pfarrer gesagt, die Frau sei dem Manne untertan. Und so habe man das denn auch gemacht. «Man hatte ein Kind nach dem anderen. Das war halt die Zeit, wo das so war», sagt Mutter Fleischlin. «Man musste immer schauen, dass es reicht. Wenn eine Frau Ansprüche gehabt hätte, wäre es nicht gegangen.»

Neun Kinder, Schweinezucht, ein grosser Garten. Das war viel Arbeit, bei welcher die Bäuerin oftmals feststellte, dass ihr Leben nicht immer so war, wie sie sich das vielleicht erträumt hatte. «Aber es gab keine andere Möglichkeit. Man hat es einfach durchgehalten.»

Die deutsche Journalistin, Autorin und Regisseurin Nina Hellenkemper erzählt in ihrem Beitrag zu «What Is Human» von einer ganz anderen Familienkonstellation. Die Kölnerin, die während Jahren aus dem Kriegsgebiet in Nicaragua, über Guerilleros in Kolumbien oder Umweltschützer im Amazonas berichtet hatte oder als Aktivistin tätig war, findet ihre Familie immer wieder neu.

Die viel Reisende sagt: «Ich bin nicht besonders mutig und auch keine Einzelkämpferin. Egal, wo ich in der Fremde bin, ich brauch einen Menschen, bei dem ich andocken kann.»

Irgendwann hat sie aber festgestellt, dass sie ihre Lebensgefährten immer so aussucht, dass der patriarchalische Vater sich über die potenziellen Schwiegersöhne ärgert. In diesem Sinne sei sie immer noch an den goldenen Familienkäfig gekettet, den sie einst verlassen wollte. Kinder habe sie sich eigentlich schon gewünscht. Aber dafür hätte sie ja zwanzig Jahre mit demselben Mann verbringen müssen!

Die Familie in Zeiten des Krieges

Nochmals ganz andere Familienbande hat Beatrice Fleischlin im Kosovo vorgefunden.
Merita Bislimi, die mit ihrem Mann und vier ihrer fünf erwachsenen Kindern südlich von Pristina lebt, beschreibt dieses prägende Erlebnis: 1999, als täglich Dutzende Menschen in ihrem Haus übernachteten und der Holzofen im Garten ohne Unterbruch eingeheizt wurde, buk sie täglich hundert Brote, um die Flüchtenden, die unterwegs zum nahe gelegenen Bahnhof waren, zu verköstigen.

Es hatte sich bei den Richtung Mazedonien reisenden Kosovaren herumgesprochen, dass es bei den Bislimis etwas zu Essen gab und man dort zur Not auch eine Nacht auf dem Fussboden verbringen konnte, bevor man die letzte Etappe zur 50 Kilometer entfernten Grenze in Angriff nahm.
Sie sei hochschwanger gewesen und hätte dann im letzten Moment mit ihrem Mann und den kleinen Kindern das Haus verlassen und sei ebenfalls nach Mazedonien geflohen, wo sie nur ein paar Tage später im Flüchtlingscamp ihr viertes Kind zur Welt brachte.

Die Jugend sucht sich eine neue Heimat

Neun weitere Familiengeschichten sind bei den Recherchen zu «What Is Human» zusammengekommen. Auch diejenige des Tänzers Labinot Rexhapi, ebenfalls Kosovare. Er ist in einer politisch aktiven Familie aufgewachsen, die sich in den Achtziger- und Neunzigerjahren gegen den Präsidenten Ibrahim Rugova zur Wehr setzte und für einen befreiten Kosovo eintrat, oft unter Lebensgefahr.

Dreissig Jahre später ist Rexhapi ernüchtert. Seine Karriere als Balletttänzer ist nicht vorangekommen. Sein Traum, im Kosovo zeitgenössischen Tanz zu etablieren, ebenfalls nicht. Er arbeitet nun in einem Laden und plant mit seiner Frau die Auswanderung nach Kanada, so wie viele andere seiner Generation.
Warum ist es so schwer, Familie zu gestalten?

Die traditionelle Schweizer Bäuerin, die deutsche Aktivistin in Südamerika, die Familie auf der Flucht oder die verwaiste Jugend, die das Land verlässt. Auf die Frage, was denn nun den gemeinsamen Kern all dieser Familiengeschichten ausmacht, antwortet Beatrice Fleischlin mit einer Frage: «Wie können wir lieben und in Verbindung zueinander leben und uns gegenseitig Entwicklungen machen lassen, die nicht primär dem eigenen Vorwärtskommen dienen?» Und die Regisseurin sagt: «Ich habe dafür keine Antwort parat, und die kann auch unser Stück nicht geben.»

Was bleibt, seien eben offene Fragen. «Was ist denn der Kern des Zusammenlebens? Warum suchen wir alle die Nähe und Verbindlichkeit zu anderen Menschen, und warum ist es so schwer, das gut zu gestalten?»

Familie und Heimat sind eben nur bedingt Felsen in der Brandung des Lebens. Eher sind sie Konstrukte, die nur existieren, wenn wir um ihre Existenz ringen. Viele Menschen, das zeigen diese Geschichten auch, haben aber gar keine grosse Wahl. Ob so etwas wie Geborgenheit in einer Familie überhaupt entsteht, hängt oft von Umständen ab, die nicht in der Hand des Einzelnen liegen.

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