Basel
Auch Bewahren ist Stadtentwicklung: Ein Plädoyer für die Aufwertung der Denkmalpflege

Beschimpfungen, Beleidigungen, Wünsche ins Pfefferland: Wer sich in Basel dafür einsetzt, dass Bauten aus dem 20. Jahrhundert ins Denkmalverzeichnis aufgenommen werden, muss eine dicke Haut haben.

Patrick Marcolli
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An der Neugestaltung des Roche-Südareals scheiden sich die Geister.

An der Neugestaltung des Roche-Südareals scheiden sich die Geister.

zVg

Handelt es sich um Industriebauten wie den Laborbau 27 oder das Bürohochhaus 52 von Roche, hört das Verständnis für Unterschutzstellungsversuche besonders früh auf. Die Denkmalpfleger und Heimatschützer werden der Wirtschaftsfeindlichkeit bezichtigt und Wohlstandsverhinderer genannt. Soll ein Einfamilienhaus unter Schutz gestellt werden, weil es ein Beispiel herausragenden Bauens in der Nachkriegszeit ist, sehen viele bereits einen Enteignungssozialismus am Horizont dräuen.

Woran das liegen mag? Grundsätzlich fehlt es, man stellt es mit Ernüchterung fest, auch noch im Jahr 2020 an einer allgemeinen Wertschätzung der Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne des 20. Jahrhunderts in der Architektur. Eine Sonntagsfahrt durch die Region Basel führt einem die Vorliebe für das Banale und Rückwärtsgewandte im zeitgenössischen Bauwesen vor Augen. Diese Haltung steht im Gegensatz zur Bildenden Kunst. Seit Jahren pilgern Scharen von Menschen zu Ausstellungen jener Epoche und hängen Kandinsky-Reproduktionen an die Wände ihrer Häuser.

Ein weiterer Grund für den Gegenwind, welcher den Denkmalschützern entgegenbläst: Die Schweiz war und ist als Land nicht geprägt von städtischen, urbanen Zentren. Als «Stadt» gelten hier gemeinhin die mittelalterlichen Kerne und die gründerzeitlichen Viertel. Deren Schutzwürdigkeit ist mittlerweile unbestritten. Aber was ist mit dem industriellen Erbe? Was wir derzeit in Basel erleben, kann als Wiederholung der Wachstumsschmerzen in den 1960er- und 1970er-Jahre betrachtet werden. Damals fielen Dutzende historisch bedeutende Bauten der Bauwut zum Opfer. Heute droht dasselbe den privaten, öffentlichen und industriellen Bauten der Vor- und Nachkriegsmoderne. Wie damals bei Mittelalter und Gründerzeit baut sich ein öffentliches Bewusstsein für die Wertigkeit dieser Epoche erst auf.

Ausserdem hat sich nach der Unterschutzstellungswelle im Nachgang zur Hochkonjunktur in Basel eine gewisse Gemütlichkeit oder Müdigkeit in Heimatschutzfragen breitgemacht. Die Wertschätzung der staatlichen Denkmalpflege, und damit das Interesse am Erhalt der historischen Bausubstanz in der Stadt, ist in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren gesunken. Diese These lässt sich an der Stellung dieser Dienststelle innerhalb des Staatsapparats erhärten. Zunächst war die Denkmalpflege Teil der Abteilung Kultur im Erziehungsdepartement und damit der Bauplanung entzogen, dann wurde sie als eigenständiges Amt ins Bau- und Verkehrsdepartement transferiert, schliesslich dort dem Hochbau- und Planungsamt unterstellt. Dass dies unter rot-grüner politischer Dominanz geschah, ist kein Zufall. Die Linke befand sich immer auf der Modernisierungsseite und war im 20. Jahrhundert nur allzu gern bereit, den nach Bourgeoisie und Grosskapital riechenden Teil des Stadterbes dem Erdboden gleichzumachen.

Eine Teilschuld für Bedeutungsverlust und Gegenwind müssen allerdings auch die privaten Heimatschutz-Vereine und die Denkmalpflege auf sich nehmen. Hin und wieder muten Unterschutzstellungsforderungen, jüngstes Beispiel sind zwei Häuser der 1940er-Jahre am Blumenrain, geradezu grotesk an.

Aber es bietet sich heute der Denkmalpflege möglicherweise eine neue Chance. Viele junge Menschen sind interessiert am baulichen Erbe der grossen Transformationsareale in der Stadt, wollen diesen Teil der Geschichte sichtbar bleiben lassen. Die Politik wiederum sucht einen Weg, das mager ausgestattete Präsidialdepartement (PD) aufzuwerten. Rot-Grün ist kürzlich vorgeprescht und will das Amt für Umwelt und Energie dem PD zuschlagen. Wieso nicht auch die Denkmalpflege? Dann wäre diese sinnvollerweise unter einem Dach mit der Stadtentwicklung. Wichtiger als dieser symbolische Schritt wäre es aber, den Begriff der «Entwicklung» auszuweiten. Er sollte eben nicht ausschliesslich die Erneuerung beinhalten, sondern auch das Bewahren. Nur ein Gleichgewicht zwischen Neu und Alt führt in die richtige Richtung.

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