Analyse
Das Auto wurde aus der Basler Innenstadt verbannt – nun muss das Tram folgen

Es ist nicht mehr zeitgemäss, dass Trams durch die Innenstadt fahren. Das geplante S-Bahn-Herzstück könnte der Startpunkt sein, damit das Stadtzentrum endlich richtig attraktiv werden kann.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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Zukunftsmusik: die Innenstadt ohne «Drämmli».

Zukunftsmusik: die Innenstadt ohne «Drämmli».

Bild: Roland Schmid/Montage bz

Es wird wie wild um jeden Parkplatz gekämpft in dieser Stadt, mit E-Bikes oder den scheusslichen Plastiktrottinettes hin- und hergefahren; Fussgänger- und Begegnungszonen werden definiert, der öffentliche Grund und Boden mit teuren Steinen gepflastert. Das eigentliche Problem der Kernstadt jedoch getraut sich in Basel niemand anzugehen: den Tramverkehr.

Haben wir alle eine grüne Wand vor dem Kopf und nehmen diese Gefährte (die immer öfter als Werbeträger das Stadtbild verschandeln) gar nicht mehr wahr? Warum setzt die Stadt immer noch auf ein Verkehrsmittel, dessen Unterschied zum Urtyp aus dem 19. Jahrhundert einzig darin besteht, dass es nicht mehr von einem Pferd gezogen wird und automatische Türen hat? Ein Gefährt, das im Übrigen im Durchschnitt in der Innenstadt mit nicht viel mehr als normaler Gehgeschwindigkeit unterwegs ist? Ein Verkehrsmittel, das von Dauerverschleiss an Maschine und Schiene geprägt ist? Versteht sich unsere Stadt etwa als Ballenberg des öffentlichen Verkehrs?

Das Herzstück als Lösung

Polemik beiseite. Selbstverständlich hat das Tram seine Berechtigung in einem Gesamtkonzept für den öffentlichen Verkehr in Basel und der näheren Umgebung. Aber wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, ob das Tramnetz nicht einer grundsätzlichen Revision unterzogen und aus der Kernstadt verbannt werden sollte. Die Pläne für das S-Bahn-Herzstück könnten den Weg weisen: Die Stadt Basel der Zukunft wird von einer unterirdischen Durchmesserlinie unterquert, welche die Menschen aus den umliegenden Siedlungsgürteln und der Stadt selbst sehr zügig ins Stadtzentrum bringt, vom Bahnhof SBB zur Schifflände und zum Badischen Bahnhof. Das ist zeitgemässer öffentlicher Verkehr.

Aber womit beschäftigt sich die Basler Verkehrsplanung unter anderem aktuell? Mit einer wohl kaum spürbaren Entlastung des Stadtkerns durch eine neue Tramverbindung zwischen Universität und Blumenrain entlang des Petersgrabens. Das ist nicht nur «ÖV-Pflästerlipolitik» und ein weiterer schöner Zustupf an den bereits hochrentablen Tiefbau, sondern letztlich auch eine Abwertung dieser schönen und beschaulichen städtebaulichen Achse. Man stelle sich vor, wie sich die Menschen an einem Samstagmorgen künftig zum «Flohmi» auf dem Petersplatz begeben und immerzu darauf achten müssen, dass sie selbst oder ihre Kinder nicht von einem der Drämmli überfahren werden.

Freier Blick aufs Rathaus

Denn das ist genau das Problem an dem heutigen Konzept: Alle Versuche, die Innenstadt und den öffentlichen Raum wirklich attraktiv zu machen, werden an den grünen und gelben Trams scheitern. Es ist Herausforderung genug, eine mittelalterliche Stadt in pandemischen und post-pandemischen Zeiten anziehend zu machen, die Aufenthaltsqualität so zu erhöhen, dass selbst eingefleischte Internet-Shopper den Weg dorthin finden. Die derzeitigen Bemühungen der Basler Politik sollen alle dahingehend wirken, dass die Bespielung und Nutzung der Allmend vereinfacht und somit bunter und vielfältiger wird. Aber kann das gelingen mit diesem Dauergequietsche im Hintergrund und der Gefahr, die von den Trams für den fast penibel geförderten Langsamverkehr ausgeht?

Wie schön und mediterran würde sich der Marktplatz ohne Drämmli präsentieren, wie offen die Sicht aufs Rathaus und den Markt, wie grosszügig könnten die Cafés die Allmend bestuhlen? Ein Seiteneffekt: Das im Sommer völlig übernutzte Rheinufer würde durch eine attraktivere Innenstadt erheblich entlastet. Also: nichts wie raus mit den Trams aus der Innenstadt, an den inneren und äusseren Stadtring. Für Gehbehinderte und ältere Menschen findet sich im Zentrum eine Lösung mit kleineren E-Bussen. Und für alle Tram-Aficionados: Auch die Tante Schuggi darf weiterfahren. Um die Stadt herum.

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