Pionierin

Als Trudi Gerster half, das AKW wegzuzaubern

Altstadt-Bewohnerin: Trudi Gerster empfing die bz 2009 in ihrer Küche.

Altstadt-Bewohnerin: Trudi Gerster empfing die bz 2009 in ihrer Küche.

Trudi Gerster war weit mehr als eine Märchentante: Als LdU-Grossrätin prägte sie politische Debatten in Basel mit. Für ihre Kernthemen, Heimatschutz, Atomenergie und Theater, setzte sie sich vehement ein.

Viel war gestern zu lesen über die verstorbene Trudi Gerster, die Märchenkönigin, die auch noch Politik machte. Aber die Granden der Basler Politik erinnern sich an eine ganz andere Trudi Gerster. Eine, die vor allem Politik machte und dabei von ihrer Bekanntheit als Märchenerzählerin profitierte. Und von ihren dort erlernten Fähigkeiten, wie ihr LdU-Parteikollege, alt Nationalrat Hansjürg Weder sagt: «Sie schrieb hervorragende Reden und vortragen konnte sie natürlich blendend.»

Gerster war eine Pionierin, eine der ersten Frauen, die in der Schweiz in ein Kantonsparlament gewählt wurden. 1968, bei den ersten Grossratswahlen, in denen Frauen antreten durften, wurde die damals noch Parteilose gewählt. Und setzte sich sofort für jene Themen ein, mit denen alt Ständerat Carl Miville (SP) sie noch heute identifiziert: «Heimatschutz, Atomenergie und Theater. Das waren ihre Kernthemen.»

Heimatschutz fern der Heimat

Im Basler Heimatschutz sass die Ostschweizerin - zusammen mit Weder - lange Jahre im Vorstand: «Sie lebte in der Altstadt und es lag ihr viel daran, sie so zu erhalten, wie sie war.» Gemeinsam war den beiden auch ihr Interesse für den Tierschutz, Gerster besass einen Bauernhof im Elsass. «Und darüber gelang es mir, sie für den Kampf gegen die Atomenergie zu begeistern», erzählt Weder, der den Widerstand gegen das geplante Kernkraftwerk in Kaiseraugst anführte. «Ich habe eine Demo auf dem Barfüsserplatz organisiert und lud sie ein. Sie kam und hielt eine hervorragende Rede.»

Das Thema sei der Atommüll gewesen, mit dem Gerster die künftigen Generationen nicht belasten wollte. «Wenn sie von etwas überzeugt war oder etwas strikt ablehnte, dann kämpfte sie wie ein Tiger.» Weder erinnert sich an eine Frau mit zwei Gesichtern: «Ich hatte es immer gut mit ihr, sie war ein enorm liebenswerter Mensch. Aber man sollte ihr nicht in die Quere kommen. Wenn man ihr widersprach, konnte sie einem schon wüst sagen.»

Kritik am Theaterdirektor

Ihre Meinung tat sie auch den Theaterschaffenden kund. Carl Miville erklärt: «Sie war im Grossen Rat immer für die Theatersubventionen. Aber sie kämpfte für die Art Theater, die sie für richtig erachtete.» Trudi Gerster war eine der Hauptakteurinnen, als es um die Nachfolge für Theaterdirektor Werner Düggelin ging: Sie verhinderte an vorderster Front den Amtsantritt von Arno Wüstenhöfer. Gerster und ihre Verbündeten schafften es, dass Wüstenhöfer verzichtete und Hans Hohlmann das Theater Basel übernahm. Doch auch diesem «sagte sie wüst», wie es Weder formuliert. Spätestens, als er in Shakespeares «Othello» eine nackte Desdemona präsentierte.

Weder fasst das politische Erbe der streitbaren Märchenkönigin mit dem Herzen für die Natur so zusammen: «Am Herzen lagen ihr die Menschen, die Schwachen, die Heimat und die Kunst.»

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