Kunstmuseum Basel
Als Cézanne in Basel zum Politikum wurde

Warum sich der Basler Grossrat 1943 dagegen entschied, das letzte Gemälde Cézannes zu kaufen.

Georg Kreis *
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Jetzt hängt er halt in Rom statt in Basel: «Le Cabanon de Jourdan» von Paul Cézanne, 1906, Öl auf Leinwand, Galleria Nazionale d’Arte Moderna.

Jetzt hängt er halt in Rom statt in Basel: «Le Cabanon de Jourdan» von Paul Cézanne, 1906, Öl auf Leinwand, Galleria Nazionale d’Arte Moderna.

Keystone

«Der verborgene Cézanne»: So lautet der Titel einer Sonderausstellung, die aktuell im Basler Kunstmuseum zu sehen ist. Ein guter Anlass, sich mit der Frage zu beschäftigen, seit wann und in welcher Weise sich Basel für diesen 1906 verstorbenen Künstler interessiert hat.
1934/35 erwarb das Kunstmuseum zwei grosse, zur Zeit in der Sonderausstellung präsentierte Konvolute mit insgesamt 141 Zeichnungen.

Der Kauf wurde vor allem vom jüdischen Ehepaar Martha und Robert von Hirsch finanziell unterstützt, das 1933, aus NS-Deutschland vertrieben, nach Basel gekommen war. Die Erwerbungen zeugen davon, dass das Basler Kunstmuseum relativ früh die Bedeutung von Cézannes zeichnerischem Œuvre erkannt hat. 1936 veranstaltete der Basler Kunstverein in der Kunsthalle eine grosse Cézanne-Ausstellung.

Der Preis: nur 85 000 Franken

Das Kunstmuseum besass bis zu diesem Zeitpunkt jedoch kein einziges Ölgemälde des französischen Künstlers und musste bis 1955 warten, bis es einen ersten Cézanne, nämlich «La montagne Sainte-Victoire vue des Lauves», erwerben konnte; 1960 kam ein weiterer mit den «Bagneuses» hinzu. Waren diese späten Anschaffungen die Folgen erst spät aufgekommener Wertschätzung?

Bereits in den Jahren 1943 bis 1962 hing ein ganz besonderer Cézanne als Leihgabe im Kunstmuseum: «Le Cabanon de Jourdan.» Wegen politischer Vorbehalte gegen den damaligen Museumsdirektor Georg Schmidt misslang aber der Versuch, dieses Bild zu einem festen Teil der Sammlung zu machen.

Bei diesem besonderen Gemälde handelte es sich um Cézannes letztes, und darum auch nicht ganz fertig gemaltes Bild. Wer aus vorgeschobenen Gründen gegen den Ankauf war, machte aus der Unvollendung einen negativen Punkt und redete das Bild schlecht. Fachleute sahen darin indessen schon damals (und auch heute noch) überhaupt keinen Makel. Zudem hätte man unabhängig vom künstlerischen Wert allein wegen der Tatsache, dass es sich um die «dernière étoile» handelte, einen exklusiven Sammlerwert sehen können. Heute hängt es in der Galleria Nazionale d’Arte Moderna von Rom und wäre auch in Basel eine ausserordentliche Attraktion.

Basel wäre zu einem sensationell günstigen Preis zu diesem Werk gekommen. Doch auch dies wurde zum Nachteil des Bildes ausgelegt. Weil es nur 85 000 Franken koste, könne es kein kostbares Werk sein, glaubten manche. Dabei hätten Museumsfreunde sogar rund die Hälfte bezahlt, wenn die öffentliche Hand für die andere Hälfte aufgekommen wäre. Dieser Betrag konnte aber nicht aus dem regulären Museumsbudget finanziert werden und hätte über einen Sonderkredit des Grossen Rats zur Verfügung gestellt werden müssen.

Der «rote» Museumsdirektor

Im Parlament kam in den zwei Lesungen vom Januar und Februar 1943 die nötige Mehrheit nicht zustande. Parteipolitische und ideologische Vorbehalte bestimmten letztlich die Abstimmung und hatten zur Folge, dass eine einmalige Chance verpasst wurde.

Stark ins Gewicht fiel das ablehnende Votum des Kunsthalle-Präsidenten Peter Zschokke, der zwar, wie er sagte, Cézanne sehr schätze, zugleich aber Schmidt als «sehr weit links stehenden Konservator» kritisierte. Georg Schmidt war 1939 gegen den Willen insbesondere der Basler Liberalen von der roten Regierung zum Museumsdirektor gemacht worden.

Schmidt gelang es, die eher konservative Kunstkommission, die einen anderen Direktor vorgeschlagen hatte, generell für sich und konkret auch für den Cézanne zu gewinnen. Der Ankauf war von der Kommission einstimmig gutgeheissen worden. Das wurde aber mit dem Argument abgetan, dass sie zu stark unter dem Einfluss des Direktors stehe. Ihr wurde sogar angedroht, sie deswegen «unter die Lupe» oder «an die kurze Leine» zu nehmen.

Die Kunstdebatte im Grossen Rat

Erich Bolza, Vertreter der Bürger- und Gewerbepartei (heute SVP), hielt es für richtiger, einheimische Künstler zu berücksichtigen, «statt ein sehr umstrittenes Werk zu überzahlen». Er verbat sich zudem den schulmeisterlichen Ton, mit dem die «Studierstubenherren» ihr Kunstverständnis anderen beibringen wollten.

Das Geschäft war vom sozialdemokratischen Regierungsrat Carl Miville (sen.) im Grossen Rat vertreten worden, dabei hatte er die Meinung vertreten, dass sich das Kantonsparlament mit der Kunstdebatte auf ein Gebiet begebe, für das es inhaltlich nicht zuständig sei. Und Schmidt erinnerte, einmal mehr, an die 1936 mit dem Neubau des Kunstmuseums eingegangene moralische Verpflichtung, «nicht nur eine prächtige Hülle zu errichten, sondern ihr auch einen würdigen Inhalt zu geben». Ob aus Vorbehalten wegen der Unfertigkeit des Bildes oder aus Vorbehalten gegen den «roten» Direktor des Kunstmuseums – die Anfragen bei den üblichen Sponsoren der Industrie hatten in diesem Fall ebenfalls keinen Erfolg.

Ciba, Sandoz, Roche sagten ab, Geigy wurde wohl wegen der Nähe zu den Liberalen gar nicht erst angefragt. Ein Kommissionsmitglied sprach sich dafür aus, dass man auch Baselland – «unser natürliches Hinterland» – einbeziehe und nannte Firmen wie Cement und Persil. Auch Sammler (Robert von Hirsch und Fritz Schwarz) wurden angesprochen, konnten aber für das Bild nicht begeistert werden, ebenso wenig der Sammler Arthur Stoll (Sandoz ).

Nach der Ablehnung durch den Grossen Rat erwarb der Verleger des «Schweizerischen Beobachter», Max Ras, das Bild. Er war einer der Sponsoren, der in der ersten Phase für die andere Hälfte aufkommen wollte. Ras versprach, das Bild während zehn Jahren dem Museum zur Verfügung zu stellen. Das Depositum wurde später verlängert, 1960 aber wollte er die Möglichkeit nutzen, das Werk zu verkaufen.

Ras hatte das Bild für 85 000 Franken erworben und hätte es für 1,5 Millionen Franken verkaufen können. Doch wollte er es Basel zum Vorzugspreis von 1,1 Millionen Franken überlassen. Dieser Handel kam nicht zustande. Die beiden erwähnten Cézanne-Ankäufe von 1955 und 1960 waren bereits geleistete Kompensation für den missratenen Ankaufsversuch von 1943.

In der Basler Ankaufsgeschichte gibt es zwei «Wunder», an die man sich gerne erinnert und von denen man hofft, dass sie sich, wenn nötig, wiederholen. Das eine ist der 1939 von Georg Schmidt inszenierte und vom Grossen Rat mit der Bewilligung eines Sonderkredits von 5000 Franken möglich gemachte Ankauf von 21 Werken aus den Beständen der vom Dritten Reich gegen begehrte Devisen verkauften «Entarteten Kunst». Das andere «Wunder waren die «Volksankäufe» der Picassos im Jahr 1967 aus der Sammlung von Rudolf Staechelin.

1980 folgte ein weiteres, kleineres «Wunder» mit der vom Parlament bewilligten Anschaffung von Constantin Brancusis Marmorskulptur «Torse d’une jeune femme» für rund 700 000 Franken, im Volksmund das «Brancusi-Fudi» genannt. Da ging es nicht um politische Abrechnungen. Der Kunstmuseumsdirektor war ein anderer (Franz Meyer), und ein starker Befürworter war der liberale Grossrat Martin H. Burckhardt. Doch auch bei dieser Anschaffung führten die Volksvertreter eine grundsätzliche Auseinandersetzung, was gute Kunst war und ob sie den geforderten Preis wert sei.

*Der Autor hat den Ankäufen von 1939 eine umfassende Studie gewidmet und befasst sich in einem Kapitel auch mit der Debatte von 1942/43 um den Ankauf des Cézanne-Gemäldes.

Georg Kreis: Einstehen für «entartete Kunst». Die Basler Auskünfte von 1939/40. NZZ Libro, ca. 320 Seiten. Erscheint im Oktober 2017.