Neue Studie
Alles andere als zufällig: Wie sich das Coronavirus in Basel verbreitet hat

Eine neue Untersuchung des Basler Unispitals zeigt: Das Virus verbreitet sich in wohlhabenderen Quartieren langsamer als in der dicht besiedelten Kernstadt. Die Erkenntnisse der Studie sollen nun bei der Erarbeitung einer Impfstrategie helfen.

Silvana Schreier
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Adrian Egli leitet die Abteilung Mikrobiologie am Basler Unispital. In seiner neuen Studie gibt er Hinweise dazu, wie eine Impfstrategie den grössten Effekt haben könnte.

Adrian Egli leitet die Abteilung Mikrobiologie am Basler Unispital. In seiner neuen Studie gibt er Hinweise dazu, wie eine Impfstrategie den grössten Effekt haben könnte.

Nicole Nars-Zimmer

Darauf warten alle: die Impfung gegen das Coronavirus. Jetzt, kurz vor Weihnachten, wurde der erste Impfstoff für die Schweiz zugelassen und in Basel stehen die Menschen bereits Schlange, um sich zwischen Weihnachten und Neujahr impfen zu lassen. Doch wen soll man zuerst impfen? Und warum?

Die Teams von Mikrobiologe Adrian Egli des Universitätsspitals Basel und von Karsten Borgwardt der ETH Zürich haben die Verbreitung des neuen Coronavirus im Kanton Basel-Stadt untersucht. Die Daten stammen aus einer Untersuchung von Oktober 2020: Damals entdeckte Egli die Basler Coronamutation – also ein verändertes Coronavirus, das seinen Ursprung an einem Superspreader-Event im Elsass von März 2020 hat.

Langsamere Verbreitung in Riehen und auf dem Bruderholz

Egli und sein Team sequenzierten 411 Proben aus positiven Coronatests, die während der ersten Welle gemacht wurden. «Das neue Coronavirus wird von rund 30'000 genetischen Buchstaben codiert», erklärte er Anfang Oktober im Interview mit der bz. Bei der Sequenzierung werden diese Buchstaben aufgeschlüsselt und die Viren miteinander verglichen. Zusätzlich dazu sammelten die Forschenden am Unispital und an der ETH Zürich Daten zu den jeweiligen Patientinnen und Patienten: Alter, Wohnsituation und Einkommen. Schliesslich kombinierten sie diese Angaben.

Anzahl 1-Personen-Haushalte im Kanton Basel-Stadt

Anzahl 1-Personen-Haushalte im Kanton Basel-Stadt

CH Media

«Schaut man sich die Daten über die 19 Stadtquartiere verteilt an, fanden wir heraus, dass innerhalb und unter den Quartieren die Verbreitung nicht nur zufällig stattfindet», schreibt Egli in der neu publizierten Studie. So waren die Viren etwa in den Quartieren Bruderholz und Am Ring sowie in Riehen besonders ähnlich. Und eine Häufung der Infektionen gab es in dichter besiedelten Stadtvierteln.

Ältere Personen verbreiten Virus im sozialen Umfeld

Doch warum? Um diese Frage zu beantworten, teilte das Forschungsteam den Kanton nach bestimmten Eigenschaften ein: Ein Teil des Kantons ist vorwiegend bewohnt von eher jungen Personen mit niedrigem Einkommen, die auf eher wenig Wohnraum leben – aber eine hohe Mobilität aufweisen. Im zweiten Teil leben Menschen im mittleren Alter, mit mittelhohem Einkommen. Ihr Wohnraum ist ebenfalls von mittlerer Grösse. Ältere Personen mit hohem Einkommen und viel Wohnfläche pro Kopf wohnen vereinfacht gesagt im dritten Teil. Dazu gehören auch Riehen und die Quartiere Bruderholz und Am Ring.

«Die Daten zeigen, dass mehrheitlich pensionierte oder wenig mobile Personen das Virus in ihrem sozialen Umfeld verbreitet haben. Dieses befand sich entweder im gleichen Quartier oder umfasste Personen derselben sozialen Schicht», so Egli.

Gefährdete Personen durch Impfung schützen

Wer aber alleine wohnt, bewegt sich oftmals mehr in sozialen Gruppen, als Personen, die ihren Haushalt teilen. Gleichzeitig sind laut Egli weniger gut situierte Personen mehr unterwegs und häufiger Nutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln. «Wer in einem Einfamilienhaus wohnt, hat die Möglichkeit, sich weniger zu bewegen. Homeoffice ist für diesen Teil der Bevölkerung einfacher zu bewältigen.» Dem gegenüber stehe der eher junge Teil der Basler Bevölkerung, der im Ballungszentrum der Innenstadt lebt, den öV nutzt und nicht zu Hause arbeiten kann. «Das Muster zeigt, dass sich das neue Coronavirus in den wohlhabenderen Quartieren, in denen die Bewohnenden mehr Wohnraum zu Verfügung haben, langsamer verbreitet.»

Gerade diese Erkenntnis könnte nun beim Entwerfen einer effektiven Impfstrategie helfen. Egli und sein Team haben dafür aus den Daten und mit der Annahme, dass es zu Beginn nicht genügend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung hat, ein Modell erarbeitet. Die Kernaussage: «Es ist wichtig und richtig, die gefährdeten Personen zu impfen und zu schützen.» Dazu gehören laut Egli Menschen ab 65 Jahren und Personen aus den Risikogruppen.

Impfstrategie muss auch die Jungen miteinbeziehen

Dennoch müsse man daran denken, dass auch die übrige Bevölkerung ihren Teil zur Pandemie beiträgt. Die Studie habe ja gezeigt, dass sich das Virus bei jungen Leuten und in den dichten Kernstädten klar schneller verbreitet. Werden Gebiete wie die Quartiere Matthäus oder Gundeldingen aber in der Impfstrategie vernachlässigt, lässt sich die Pandemie nicht stoppen. «Wenn wir Fälle verhindern wollen, die ansonsten das Gesundheitssystem belasten, müssen wir auch junge Menschen impfen», sagt Egli. Denn auch dieser Teil der Bevölkerung infiziert andere Personen und könnte medizinische Hilfe beim Hausarzt oder im Spital benötigen.

Die Ergebnisse der neuen Studie des Unispitals werden mit dem Kanton besprochen. Seit Wochen informiert das Unispital den Kanton regelmässig über die Viren, die gerade in Basel zirkulieren: «Wir haben pro Kopf hier in Basel die höchste Sequenzierung von Viren und wir wissen sehr gut, welche Viren gerade in der Bevölkerung vorhanden sind.»