Fussball
Albert Sing verdonnerte Gilbert Gress in Stuttgart zum Haareschneiden

Bernd Sautter kennt unzählige Geschichten rund ums Fussball in Süddeutschland – manche haben sich auch nahe der Schweizer Grenze zugetragen. Am Freitag wird er in Fussballbeiz Didi Offensiv in Basel aus seinem Buch «Heimspiele» vorlesen.

Peter Schenk
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Bernd Sautter, Fussballer und Autor von «Heimspiele»
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Dieses historische Bild ist im «alten», lange untergegangenen Großstadion Mannheim aufgenommen. Es zeigt den Einlauf der Mannschaften bei einer Begegnung SV Waldhof Mannheim gegen 1860 München. Leider ist das Jahr nicht überliefert. Die Mannheimer Historiker taxieren es in die Fünfziger Jahre.
Ein Foto vom letztjährigen IIFT, dem Internationalen Integrativen Fußball-Turnier auf dem Ulmer Tannenhof. Bei diesem Turnier, das schon mehr als 20 Jahre lang ausgetragen wird, spielen behinderte und nichtbehinderte Spieler in einer Mannschaft. Ein Vorbild für die integrative Kraft des Fußballs.
Bernd Sautter, Autor von «Heimspiele – 90 Fussballplätze in Baden-Württemberg und ihre Geschichten».

Bernd Sautter, Fussballer und Autor von «Heimspiele»

Baumann

Bernd Sautter (49) liest kommenden Freitag in der Kleinbasler Fussballbeiz Didi Offensiv aus seinem Buch «Heimspiele – 90 Fussballplätze in Baden-Württemberg und ihre Geschichten». Der Werbetexter und begnadete Geschichtenerzähler wird bei seinem Auftritt auch einige seiner Erkenntnisse zum Fussball mitteilen, die über das Buch hinausgehen und teilweise einen Bezug zur Schweiz haben.

Herr Sautter, werden Sie bei der Lesung auch Geschichten aus der Nähe von Basel erzählen?

Bernd Sautter: Mit Sicherheit. Da gibt es die Geschichte der Damenmannschaft von Binzen, nur wenige Kilometer von Basel. Die Damenmannschaft wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren gegründet – das war damals alles andere als normal. In der Spielzeit 1992/93 wurde sie südbadischer Meister, stieg in die 1. Bundesliga auf und spielte dort als Dorfmannschaft gegen Bayern München. Danach war es dann mit den Erfolgen aber bald vorbei. Ich erzähle die Geschichte vom Entstehen bis zum Untergang. Heute gibt es die Mannschaft nicht mehr, ich werde aber versuchen, einige Veteraninnen zu motivieren, zur Lesung zu kommen.

Reden Sie auch über die Schweiz?

So um 2000 bis 2004 hatte Deutschland gegenüber der Schweiz einen spieltaktischen Rückstand. Man spielte nach der Holzkopfmethode: Mann gegen Mann und das bis in die Umkleidekabine, der Flügelspieler hatte den Flügel zu halten... In der Schweiz hat man demgegenüber viel stärker ballorientiert gespielt. Sie hat davon profitiert, dass sie als kleines Land schon immer schauen musste, was in anderen Ländern läuft und das übernommen. Das haben mir auch Ottmar Hitzfeld und Rolf Fringer bestätigt. Deshalb waren nicht wenige Schweizer Trainer international erfolgreich. In Deutschland war das schwierig. So hat es Rolf Fringer beim VfB Stuttgart nicht geschafft.

Sie sprechen auch von Jogi Löw...

Der hat ja von 1989 bis 1992 in der Zweiten Liga beim FC Schaffhausen gespielt und wurde dort erstmals mit den Ideen konfrontiert, auch anders Fussball zu spielen. Am Stammtisch im Kastanienbaum hat er das mit Axel Thoma und Rolf Fringer diskutiert. Dass Schaffhausen dann nicht aufgestiegen ist, lag am Management.

Auch von Gilbert Gress wissen Sie eine Geschichte...

Diese Episode dürfte unbekannt sein. Im Januar 1967 wurde Gress beim VfB Stuttgart von Trainer Albert Sing aus disziplinarischen Gründen dazu verdonnert, sich vor versammelter Mannschaft die Haare schneiden lassen. Der Trainer übernahm das gleich selbst.

Haben Sie selber Fussball spielt?

Bis zur C-Jugend mit 13, 14 Jahren für den TSV Aurich, der Ort liegt zwischen Pforzheim und Stuttgart. Bei einem Turnier mit 2000 Zuschauern habe ich die Verantwortung übernommen, einen legendären Elfmeter zu schiessen. Ich habe den Penalty verschossen und den Nachschuss auch. Danach habe ich aufgehört mit dem Fussball.

Aber mit Ihrem Buch haben Sie Erfolg.

Es ist im September 2015 erschienen und von der Auflage von 4000 Exemplaren ist die Hälfte schon verkauft. Das freut mich und den Verlag sehr. Das Buch besteht aus 94 Kapiteln, die alle vor Ort verankert sind. In den grossen Stadien wird die Fankultur immer unpersönlicher. Da gibt es einen Bedarf an kleinen Episoden. Reich wird man mit so einem Buch aber nicht. Ich bin schon froh, wenn ich die Kosten für die Fotos und Illustrationen wieder reinbekomme. Dieses Frühjahr habe ich 13 oder 14 Lesungen. Eine dauert eine Stunde oder eine Stunde und 15 Minuten. Es muss auch noch Zeit zum Austausch bleiben.

Sie leben aber hauptsächlich von Ihrem Beruf als Werbetexter?

Ja. Der Fussball ist ein Hobby. Aber ich will auch noch ein weiteres Buch schreiben. Ausserdem arbeite ich gerade an einem Konzept zu einer TV-Serie über Fussball. Es geht um die eher fussballphilosophische Frage, weshalb dieser Sport in Deutschland so gross und bedeutend geworden ist. Warum ist nicht Basketball oder Rugby oder Eishockey wichtiger? Eishockey hat ja in der Schweiz noch eine grosse Bedeutung. In Deutschland ist es vor allem Fussball, auch wenn es jetzt mit der Europa-Meisterschaft eine kurze Handball-Euphorie gibt. Die ist in einer Woche vorbei. Ich habe eine These: Der Erfolg des Fussballs beruht darauf, dass es ein Fehler-Spiel ist, es beruht auf dem Zufall.

Lesung. Freitag, 12. Februar, 20 Uhr, Didi Offensiv, Erasmusplatz 12, Basel.

«Heimspiele – 90 Fussballplätze in Baden-Württemberg und ihre Geschichten», 280 Seiten, Siberburg Verlag Tübingen/Karlsruhe, 29.90 Euro, bei der Lesung für 33 CHF.

www.didioffensiv.ch

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