Soloalbum

Adrian Sieber zur Zukunft der Lovebugs: «Kann sein, dass das nicht mehr kommt»

«Ich schreibe gerne über Situationen, wo man ein bisschen in der Bredouille ist», sagt Adrian Sieber.

«Ich schreibe gerne über Situationen, wo man ein bisschen in der Bredouille ist», sagt Adrian Sieber.

Der Basler Musiker über die Prozesse hinter seinem zweiten Soloalbum, das mögliche Ende der Lovebugs und seinen Job als Lehrer.

«You, Me & Everything Else» ist Ihr zweites Solo-Album, jedoch das erste unter Ihrem Namen. Was ist jetzt anders als 2008?
Damals wollte ich ein Lovebugs-Intermezzo nutzen und alles alleine machen. Deshalb auch der im Rückblick verunglückte Name «Adrian Solo». Das war als Titel oder Künstlername ein Schnellschuss.

Waren Sie beim neuen Album nicht alleine am Werk?
Nein. Jetzt war Lars Christen entscheidend beteiligt. Ich habe ihn ausgewählt, weil mir die Platten, die er gemacht hat, sehr gefallen. Und weil er ein wirkliches Gegenüber ist.

Sie haben lange geboxt. Wie wichtig ist Ihnen in der Musik der Sparringpartner?
Sehr. Lars ist deutlich jünger als ich und hat eine ganz andere Herangehensweise. Es gab durchaus Reibungen, aber genau das war mein Wunsch. Ich wusste, dass mich zu viele Freiheiten überfordern, also war ich froh um diese starke Aussensicht. Bei den Lovebugs hatten wir unseren Sound gefunden. Und plötzlich stand ich in dieser Hinsicht vor dem Nichts.

Oder eben vor dem Alles.
Genau, ich hätte schlicht zu ­viele Möglichkeiten gehabt. Ich spiele viele Instrumente – auch wenn ich gerne sage: alles ein bisschen und nichts richtig. Und ich bin stilistisch unglaublich offen. Da besteht die Gefahr, dass ich dann von allem etwas mache, eine Wischiwaschi-Sache.

Nun haben Sie sich für einen aufdatierten Eighties-Sound entschieden.
Das ist das Genre, das mich am meisten anspricht, und vielleicht das, was mir am ehesten entspricht. Aber das war keine Kopfentscheidung: Die Songs geben viel vor.

Sie wissen schon beim ­Komponieren, wie das Endprodukt klingt?
Ich komponiere meist auf einem alten Roland Juno 60. Das Keyboard hat diesen typischen Chorus-Effekt drin. Mit Kopfhörern ist das für mich wie eine Droge. Auf diesem Instrument kann
ich sehr intuitiv arbeiten als Songwriter.

Sie folgen dem Klang?
Eindeutig. Ich könnte diese Songs alle auch auf einer Gitarre spielen. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass ich sie dann auch so geschrieben hätte. Der Klang ist für mich essenziell beim Songwriting. Er definiert die Stimmung und gibt einen Impuls für den Text. Für mich gehört das alles zusammen.

Sie sprechen die Texte an: Die neuen Songs handeln oft von Beziehungskrisen. Muss man sich um Sie sorgen?
(lacht) Ich bin weiterhin in einer glücklichen Beziehung. Aber ich schreibe gerne über Situationen, wo man ein bisschen in der Bredouille ist oder vor einem Entscheid steht.

Wie kompromissbereit sind Sie bei Ihren Kompositionen?
Wenn es darum geht, eine Gesangslinie oder eine Grundharmonie zu ändern, bin ich stur. Bei der Instrumentierung und beim Arrangement bin ich offen. Aber beim eigentlichen Song bin ich null flexibel.

Woher kommt das?
Das hat mit meiner Arbeitsweise zu tun. Die Songs reifen und wachsen über Monate. Wenn ich dann an einem Punkt bin, wo alles für mich stimmt, komme ich nicht mehr davon los.

Die Leute lieben die Idee des kreativen Funkens, der plötzlichen Eingebung.
Das verstehe ich, es ist das romantische Bild eines Künstlers. Wenn man mich zwingt, jetzt auf der Stelle ein Lied zu schreiben, dann kommt schon etwas dabei heraus. Aber ich weiss nicht, ob das dann das Beste ist, das ich bieten kann.

Seit fünf Jahren sind sie auch Primarlehrer, wie wirkt sich das auf Ihre Kreativität aus?
Nach über 20 Jahren, in denen ich nur von der Musik leben konnte, war das eine Umstellung. Am Anfang war ich vom Unterrichten sehr absorbiert. Mittlerweile befruchten sich die zwei Welten gegenseitig. Ich ­erachte meinen Lehrerjob als Riesenglück.

Inwiefern? Von der Musik zu leben, ist doch ein Traum.
Bestimmt, aber man merkt ja erst, in welcher Bubble man war, wenn man sie teilweise verlassen hat. In der Musikszene sind alle sehr mit sich beschäftigt. Man muss sich dauernd profilieren und verkaufen. Und gleichzeitig wird der Teich kleiner.

Wann wussten Sie, dass Sie nicht ewig von der Musik leben können?
Ich kann mich noch ganz genau erinnern, wo mir das bewusst wurde. Wir kamen 2009 von unserem zweiten Amerika-Trip mit den Lovebugs zurück und hatten unsere ersten Smartphones. Da konnte man im Flugzeug Songs von iTunes aufs Handy laden. Da wusste ich: Das ist das Ende.

Wieso?
Das Internet hat die Art, wie wir Musik konsumieren, radikal umgekrempelt. Ich wusste, dass es nie mehr so sein würde wie vorher.

Was war Ihr Reflex? Gegensteuern oder aufgeben?
Ich bin in erster Linie Musikfan. Also fand ich grossartig, mit dem Internet plötzlich einen Musikladen zu haben, wo es immer alles gibt. Als Konsument ist das ein Traum, als Produzent natürlich weniger. Wobei es ein Vorteil ist, dass man die Fans viel direkter erreichen kann.

Aber zahlen wollen sie oft dennoch nichts.
Ich sehe das bei meinen Töchtern, die bald beide volljährig sind: Die kennen das gar nicht, dass man sich Musik kauft. Ich habe angefangen, meine Fans zu bitten, dass sie ein Album kaufen. Oft liegt es ja nur daran, dass sie sich gar nicht bewusst sind, dass man als Musiker nur so ein Einkommen hat.

Neben den Verkäufen zählt das Airplay. Wie läuft es da?
Die aktuelle Single «Lilliger» läuft super im Radio. Dass es ausgerechnet dieses etwas ­sperrige Lied von mir ins Tagesprogramm von Radio Energy geschafft hat, ist ein Riesenerfolg. Gerade weil ich mich der Werbung durch «People»-Stories total verweigere.

Dabei hatte man zu Lovebugs-Zeiten eher das Gefühl, dass Sie die treibende Kraft waren bei Promo-Aktionen wie etwa «Art on Ice».
Dieser Eindruck täuscht. Aber zugegeben, es ist natürlich doof, wenn der Frontman lieber ­hinter dem Schlagzeug sitzen würde. Wir waren eine Gemeinschaft, in der man auch mal einen Kompromiss eingeht.

Apropos «on Ice»: Liegen die Lovebugs auf Eis?
Mein erstes Soloalbum war ein Zwischenspiel. «You, Me & Everything Else» hat nun aber ein anderes Gewicht. Ich bedauere, dass wir bei den Lovebugs nach dem 25-Jahr-Jubiläum 2018 nicht weitermachen konnten, aber die Prioritäten haben sich verlagert. Die Lust, voll weiterzumachen, wurde nicht von einer Mehrheit der Band geteilt. Somit liegt die Band auf Eis, bis alle wieder das Bedürfnis haben. Aber es kann auch sein, dass das nicht mehr kommt.

Die Lovebugs können nur ganz oder gar nicht?
Wir fanden keine Zeit mehr für regelmässige Proben, dann wars schon deutlich. In einer Gemeinschaft ist es so: Wenn nicht alle gleich stark ziehen, wird es anstrengend. Wir mussten aus terminlichen Gründen tolle Konzertanfragen absagen. Das war frustrierend.

Wann sieht man Sie solo live?
Eine Tour zum neuen Album hätte ich toll gefunden. Der ­Effort, dieses Material auf der Bühne umzusetzen, wäre gross. Aber nun hat mir Corona diese Entscheidung ohnehin aus der Hand genommen. Und verschieben wollte ich den Release nicht. Die Songs reifen schon lange, die wollen nun raus.

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