Verdingkinder

«Aazelle, Bölle schäle – und du bisch duss!»: Dieses Stück geht unter die Haut

Im Stück «Ver-Ding» werden Kinderschicksale aus Baselland und Basel-Stadt verhandelt. (zvg / Ernst Rudin)

Im Stück «Ver-Ding» werden Kinderschicksale aus Baselland und Basel-Stadt verhandelt. (zvg / Ernst Rudin)

«Piff paff puff – und du bisch duss!» «Nein, stimmt gar nicht, du musst zwischen Piff und Paff immer abwechseln.» Solche Streitereien zwischen Kindern sind herzig einerseits – grauenvoll andererseits. Sie erinnern daran, welche Bedeutung das Urteil von Abzählreimen in der eigenen Kindheit einst hatte. «Aazelle, Bölle schäle ...» konnte sich wie eine Gerichtsverhandlung anfühlen. «Du bisch duss!» war das Urteil.

Einmal mit dem Finger gezeigt, einmal gesagt, konnte man noch so lange diskutieren: Man war raus – jedenfalls bis zum nächsten Abzählreim. An die Bedeutung der Worte, ans «Bölle schäle», das Kartoffelschälen, dachte man damals selten. Umso mehr denkt man während «Ver-Ding» über eintönige Arbeit nach, denn hier ist der Abzählreim Teil eines Theaterstücks über Verdingkinder.

Bei «Du bisch duss» spürt man ein Schauern: Willkür und Zufall haben dafür gesorgt, dass früher Kinder nicht bei ihren Eltern aufwachsen konnten. Zehntausende, die bis 1981 als Verdingkinder auf Bauernhöfen arbeiten mussten oder in Pflegefamilien und Heimen «fremdplatziert» worden sind.

Die Produktion hinterlässt einen bleibenden Eindruck

Im Stück «Ver-Ding» der Theatercompany Texte und Töne geht es um die Leben von Menschen, die als Verdingkinder in der Region Basel aufwachsen mussten. Die drei Spielerinnen und Spieler in kurzen gelben Hosen verweben die Erinnerungen von Hanspeter Bobst und Paul Richener zu einer erschütternden Textcollage – unterbrochen von Abzählreimen einerseits, andererseits von Namenslisten. Denn an Namen gibt es nichts herumzudeuteln: Hinter jedem steht ein Mensch. Dass Fürsorge, Kinderheime und Einzelpersonen tausendfache Schuld auf sich geladen haben, ist bekannt. Ebenso, dass diese Kinder oft Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgeliefert waren. Der Bundesrat hat sich entschuldigt; ein Gesetz regelt die Aufarbeitung; Opfer konnten 25'000 Franken Entschädigung beantragen.
«Ver-Ding» ist auch bei weitem nicht das erste Stück, das sich mit dem Thema befasst. Aber obwohl man vieles bereits wusste oder zu wissen glaubte, hinterlässt es einen bleibenden Eindruck.

Auch visuell geht die Theatercompany respektvoll mit der Thematik um. Die letzte Produktion von Texte und Töne zeigte ein pompöses Lichtkarussell – es ging um Urknall, Schöpfung und Entstehung der Welt. «Ver-Ding» ist im Kontrast dazu nüchtern. Aber auch hier ist das Licht entscheidend. Es fällt durch die Lücken zwischen etwa 30 Holzstäben an der Bühnenrückwand. Der Subtext: Das Verborgene dringt durch alle Ritzen. Die Spieler verschieben die Stäbe, manchmal fällt ein Holz um – ein überlebensgrosses Mikadospiel. Keiner der Stäbe ist festgezurrt, nichts bietet den Kindern Sicherheit während dieser grauenvollen Jahre.

Wenn jede Nacht ein übergriffiger Abt am Bettrand steht. Wenn man, während die Pflegefamilie Weihnachten feiert, draussen in der Kälte warten muss. Wenn man vor und nach der Schule im Stall arbeiten muss, sodass man zu müde für die Hausaufgaben ist. Wenn man aus der Lehre gerissen wird, weil einem die Behörde in ein gefängnisähnliches Heim für Schwererziehbare steckt.

Das Heim ist in Basel, die Lehre in Sissach und das Verdingkind lebte in Nusshof im Baselbiet. Die Details, mit denen das Oberbaselbiet und Kleinbasler Strassenzüge beschrieben werden, tragen das Grauen nah ans Publikum.

Alle Distanzierungsversuche scheitern spätestens nach dem zweiten Abzählreim. Ob «Bi-Ba-Bohnehuus» oder «Aazelle, Bölle schäle»: Diese Spiele kennen alle. Als Zuschauer verbindet man sie mit der eigenen Kindheit. Die Kinderspiele zwingen dazu, sich zu überlegen, wie es wäre, wenn man in der Lebensphase dieser Abzählreime Ähnliches erlebt hätte wie Paul Richener und Hanspeter Bobst.

Die Reime machen den Verlust an Urvertrauen zumindest annähernd vorstellbar und zwingen zur Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Sie hallen einem auf dem Rückweg von der Eventhalle Klus 177 am Waldrand oberhalb von Aesch nach.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1