OSZE-Ministerkonferenz

57 Aussenminister und viele kleine Basler Könige

«Der grosse Sicherheitsaufwand ist uns Schweizern fremd», schreibt bz-Chefredaktor Matthias Zehnder. Eine Analyse zur OSZE-Ministerkonferenz in Basel.

Die 57 Aussenminister und ihre Hunderten von Mitarbeiter sind abgereist. Die Läden in der Basler Innerstadt sind wieder unvergittert zugänglich. Das Tram fährt auch. Die Polizisten aus Zürich, Bern und dem Bündnerland sind wieder zu Hause.

Nur die «Welcome»-Fahnen am Bahnhof flattern noch im kalten Dezemberwind und erinnern daran, dass in den letzten zwei Tagen in Basel die Ministerkonferenz der OSZE stattgefunden hat. Und? Hat sich der Aufwand gelohnt?

Weniger Umsatz, mehr Lärm: Basel im Belagerungszustand

Viele Basler sind nicht dieser Ansicht. Einige der Läden in der Innerstadt haben weniger Umsatz gemacht. So manch ein Heimweg gestaltete sich am Donnerstag und Freitag als schwierig. Damit die «Damen und Herren der OSZE» in Ruhe «schlemmen können», habe «die ganze Bevölkerung durch die Stadt laufen» und erst noch «stundenlang aufs Tram» warten müssen.

«Einfach nur eine Sauerei», findet das ein Basler. Ein anderer schimpft, die Sicherheitsmassnahmen seien ein «Sinnbild der jetzigen Weltpolitik». Wenn die Minister «bürgernahe Politik treiben würden, müssten sie sich nicht hinter Gittern verschanzen».

Ein dritter wettert über die «Plauderstündchen auf Kosten der Steuerzahler». Darf das sein, dass eine Stadt in einen Quasi-Belagerungszustand versetzt wird, nur damit sich ein paar Aussenminister treffen können?

Der grosse Sicherheitsaufwand, der um den amerikanischen Aussenminister John Kerry oder um seinen russischen Amtskollegen Sergej Lavrov getrieben wird, ist uns Schweizern fremd. Wir sind stolz darauf, dass ein Bundesrat problemlos unbegleitet mit dem Velo oder mit dem Tram zur Arbeit fahren kann. In einer Republik sind auch die Regierenden bloss Angestellte. Pomp ist uns fremd – und der grosse Sicherheitsaufwand ist so etwas wie Pomp mit scharfer Munition. In Amerika, in Frankreich, in Russland mag das anders sein – aber hier bei uns? Doch hier in der Schweiz sind sie bei uns zu Gast und deshalb sind wir für ihr Wohl verantwortlich. Das rechtfertigt Helikopter und Vorkoster.

Zwei Tage keine Dessous wegen ein paar Aussenministern

Und die Unannehmlichkeiten, die wir Baslerinnen und Basler zu erdulden hatten? Ein Freund von mir hat sich darüber aufgeregt, dass am Donnerstag die Helikopter bis spät in der Nacht tief über Basel kreisten und sein kleiner Sohn deshalb nicht einschlafen konnte. Das verstehe ich gut – aber kommen da nicht die Skalen etwas durcheinander?

An der OSZE-Konferenz haben die Minister über den Bürgerkrieg in der Ukraine gesprochen.

Da, wo vor zweieinhalb Jahren noch Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney an der Euro 2012 Fussball spielten, herrschen heute Krieg und Zerstörung und der Mann macht sich Sorgen darüber, dass sein Kind einmal nicht einschlafen kann?

Es ist wohl letztlich Ausdruck einer narzisstischen Welt, in der das Individuum immer im Zentrum steht. In der Konsumwelt ist der Kunde König und versteht es nicht, wenn er einmal wegen ein paar Aussenministern zwei Tage lang nicht im Dessous-Geschäft shoppen kann.

Das Unverständnis ist umso grösser, als der OSZE-Gipfel für viele Schweizer wie ein Meteor aus heiterem Himmel gelandet ist. Viele Basler wussten mit den vier Buchstaben nichts anzufangen.

Vielleicht ist das die Lektion aus der Konferenz: Die Beschäftigung mit der Aussenpolitik kann sich nicht auf zwei Tage beschränken.

Basel sollte ein aussenpolitisches Forum gründen, wo sich Politiker, Wirtschaftsvertreter und Wissenschafter austauschen.

Und zwar mit der Bevölkerung. Das Kongresszentrum der Messe böte dafür Platz. Basel, an der Landesgrenze, wäre ein logischer Ort, um sich mit dem Ausland zu beschäftigen. Nötig wäre es. Gerade jetzt.

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