Plattenladen

30 Jahre nach dem prophezeiten Todesstoss: Die Schallplatte erfreut sich bester Gesundheit

Michi Zaugg zwischen den rund 7000 Vinyl-Platten, die derzeit im Plattfon stehen.

Michi Zaugg zwischen den rund 7000 Vinyl-Platten, die derzeit im Plattfon stehen.

Der Kleinbasler Plattenladen Plattfon Stampa von Michi Zaugg feiert sein zehnjähriges Jubiläum mit einem viertägigen Festival.

Eine Meldung des amerikanischen Branchenverbandes liess vor ein paar Wochen aufhorchen: Im vergangenen Jahr wurden in den USA mehr Vinyl-Alben abgesetzt als CDs. Eine kleine Sensation! Doch Michi Zaugg gibt zu bedenken, dass die Schallplatten-Absätze deswegen nicht zwingend steil nach oben zeigen: «Vielleicht stirbt die CD neben den Streaming-Angeboten einfach schneller als das Vinyl.» Dabei weiss der 39-Jährige selbstverständlich, dass sich die Schallplatte über 30 Jahre nach dem prophezeiten Todesstoss durch die digitalen Tonträger noch bester Gesundheit erfreut.

Denn Zaugg leitet den Basler Plattenladen Plattfon Stampa, wo CDs und LPs angeboten werden, Letztere aber den deutlich grösseren Teil des Sortiments und des Umsatzes ausmachen. Wobei Zaugg auch seine Funktion als Leiter nicht unwidersprochen lässt. Er habe in den vergangenen Jahren zwar schon am meisten Zeit und Geld ins Plattfon gesteckt, doch: «Wir halten die Hierarchien gerne flach.» Anfangs, als sich das Geschäft noch rechts vom Hirschi befand («lokal, nicht politisch», wie er grinsend anfügt), sei man ein grosses Kollektiv gewesen. Die Mitglieder standen jeweils einen Tag hinter dem Tresen – «ehrenamtlich und aus Goodwill». Zaugg war vier Monate nach Gründung dazugestossen, als einer der Gründer spontan nach Marokko verreisen wollte. Aus dem Kurztrip wurden Ferien und aus Zauggs Einsatz 17 Jahre.

Einiges hat sich seit damals verändert, Michi Zaugg ist geblieben. Mittlerweile ist das Team auf zwei Festangestellte und eine Aushilfe geschrumpft, und mit dem Geschäft an der Feldbergstrasse 48 hat das Plattfon nach einem Umweg über die Spitalstrasse seine heutige Form gefunden. Rund 7000 Alben, so schätzt Zaugg, warten hier auf Kundschaft, stilistisch geordnet und säuberlich etikettiert. Das Plattfon ist kein mit Ramschkisten vollgestellter Trödlerladen. Hier findet man Neuware und sorgfältig ausgewählte Secondhand-Alben aus aufgekauften Sammlungen.

Eine umkämpfte und von Krisen geschüttelten Branche

Im Schaufenster stehen eine Handvoll Alben, gleich dahinter bieten zwei Plattenspieler den Unentschlossenen die Möglichkeit, vor dem Kauf in ein Werk hineinzuhorchen. Im zweiten Schaufenster des Geschäfts liegen Kunst-, Szene- und Musikbücher. Diese stammen aus dem Sortiment von Stampa, mit denen sich Plattfon die Miete und Ladenfläche teilt. Man habe sich an der Kunstmesse Shift jahrelang einen Stand geteilt, so Zaugg. So sei die Entscheidung leicht gefallen, sich zu Plattfon Stampa zusammenzuschliessen, als man vor zehn Jahren die Räumlichkeiten in der Feldbergstrasse bezog.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit für ein Geschäft in einer umkämpften und von Krisen geschüttelten Branche. Und eine lange Zeit für die Feldbergstrasse, wo bei den Geschäften und Büros eine hohe Fluktuation herrscht. Vor allem aber: Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern.

Bei den 21 Acts finden sich Avantgardistisches sowie Tanzbares

Gut also, dass Michi Zaugg neben seiner Tätigkeit im Plattenladen beim Label Klappfon – auch dies ein hierarchiefreies Kollektiv – mitwirkt, unter dem er bislang über 500 Konzerte veranstaltet hat. Stilistisch hält er sich dabei weitgehend bei der Elektronik auf, wobei er betont, wie weit dieses Feld sei. So findet sich bei den 21 Acts, die anlässlich der Feier an vier Tagen auftreten, gleichermassen Avantgardistisches wie Tanzbares.

Zaugg wird selber auch auf der Bühne stehen, mit seiner Formation Pure Mania am Samstag, 28. September, im Wurm an der Solothurnerstrasse. Der gelernte Elektro-Ingenieur bringt hier sein Wissen ein. Pure Mania, je nach Tageslaune als Duo oder Trio unterwegs, arbeiten mit Stroboskop und Bühnennebel. Die so entstehenden Lichteffekte werden von Solarzellen und Sensoren aufgegriffen und von Modularsynthies in Klänge übersetzt. «Ich mag das Unberechenbare an diesem Prozess», so Zaugg. Seine Herangehensweise sei bewusst «anti-virtuos», die Musiker könnten das Ergebnis nur indirekt beeinflussen: «Die Geräte haben ihr Eigenleben und reagieren je nach Raum anders.»

Dass zur Jubiläums-Feier hauptsächlich Acts aus dem Elektro-Genre auftreten, liegt in den Anfangsjahren des Shops begründet: «Damals haben wir in diesem Bereich eine Nische für uns entdeckt», sagt Zaugg. Über die Jahre habe man das Sortiment aber bewusst verbreitert – auch um nicht von einer einzigen Szene abhängig zu sein. Das funktioniere mittlerweile recht gut, weil man sich die Mühe mache, Alben jeweils beim Erstvertrieb zu beziehen statt bei einem Sammelhändler, der seine Marge auf den Preis schlägt. «So können wir preislich mit den meisten Webshops mithalten.» Anders als bei CDs profitiert das Plattfon bei Vinyl zudem von den hohen Versandkosten, die bei Internethändlern die Preise in die Höhe treiben.

Die Eurokrise und ein Hilferuf in den Sozialen Medien

Kritisch wurde es nur im Sommer 2014. «Wir bekamen die Eurokrise zu spüren, weil viele Händler den Währungsvorteil nicht an die Kunden weitergaben», erinnert sich Zaugg. Zudem sei man beim Einkauf etwas unvorsichtig gewesen und habe sich zu nahe an den Mainstream gewagt: «Es macht keinen Sinn, wenn wir Alben verkaufen, die auch im Mediamarkt stehen.» Eine damalige Mitarbeiterin habe darauf in den Sozialen Medien einen Hilferuf platziert, worauf die Bestellungen kurzzeitig in die Höhe schnellten. Doch solche Solidaritäts-Aufrufe könne man nicht wiederholen, meint Zaugg, sonst verliere man seine Glaubwürdigkeit.

Ab und an komme es auch heute vor, dass das Plattfon-Team etwas länger auf seinen Lohn warten müsse, aber unter dem Strich gehe die Rechnung dann immer auf, erzählt Zaugg. Der Vater zweier Kinder kann sich dann auf seine arbeitstätige Frau verlassen und auf sein unerschütterliches Vertrauen: «Plattenläden sind doch immer ein bisschen in der Krise», sagt er bei der Verabschiedung. «Damit muss man einfach umgehen lernen.» Auf weitere zehn Jahre!

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