Leukämie
122 Spezialisten entlassen: Novartis baut bei Krebsforschung ab

Pharmakonzern entlässt in den USA 120 Spezialisten, die an einer neuen Therapieform arbeiteten. Die vor zwei Jahren gegründete Einheit wurde aufgelöst.

Peter Schenk
Drucken
Teilen
Novartis entlässt 120 Spezialisten, welche an einer neuen Therapieform arbeiteten. (Symbolbild)

Novartis entlässt 120 Spezialisten, welche an einer neuen Therapieform arbeiteten. (Symbolbild)

KEYSTONE/YANNICK BAILLY

Nach dem Stellenabbau von Roche in der Region Basel, die bei der Produktion im Bereich der kleinen Moleküle 190 Stellen abbauen will, folgt nun der nächste Schock in Bezug auf die Basler Pharmaindustrie. Die «NZZ am Sonntag» berichtete, dass Novartis in den USA eine riesige Krebsforschungseinheit aufgegeben habe, die noch vor kurzem gross gefeiert worden sei.

Brandneue Therapie

«Novartis hatte sich in das Wettrennen um eine brandneue Therapie gestürzt, bei der an Leukämie erkrankten Patienten eigene Abwehrzellen des Immunsystems entnommen und – gentechnisch verändert – wieder zugeführt werden. In einer Reihe von Fällen hatte die Methode spektakuläre Erfolge bei Todkranken erzielt», so die «NZZ am Sonntag».
Novartis-Chef Joe Jimenez habe sich vor zwei Jahren im amerikanischen «Forbes»-Magazin zu ungewöhnlichen Aussagen hinreissen lassen. So sagte er damals: «Geldmittel sind kein Thema. Geschwindigkeit ist das Thema. Ich will nur wissen, was es braucht, um die Therapie durch die klinischen Studien auf den Markt zu bekommen.»

Pharma reduziert bei Ausbildung

Die Auswirkungen der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) machen sich schon jetzt bei der Basler Pharmaindustrie bemerkbar, berichtet die «Tageswoche». Der Bundesrat hatte die Drittstaatenkontingente, also die Aufenthaltsbewilligungen für Personen wie aus den USA oder Indien, als Reaktion auf die Annahme der Volksinitiative 2014 reduziert. Ein Novartis-Mediensprecher sagte zu der Zeitung: «Für geschäftskritische Projekte haben wir bisher alle notwendigen Stellen besetzen können. Wir haben jedoch Ausbildungsprogramme gekürzt oder verschoben, um die Kontingente nicht zu belasten.» Roche wollte sich zu den Auswirkungen der MEI nicht äussern, betonte aber die Wichtigkeit der Bewilligungen.
Als gefährlich für den Forschungsstandort Basel wertete der Novartis-Sprecher zudem, dass die Schweiz aus dem mit 80 Milliarden Euro dotierten Programm «Horizon 2020»geflogen sei. (bz)

400 erstklassige Wissenschaftler

An dem Projekt, in das Novartis mehrere hundert Millionen gesteckt habe, hätten in den letzten zwei Jahren 400 erstklassige Wissenschaftlerin einer eigens geschaffenen Einheit gearbeitet. Als Quelle nennt die «NZZ am Sonntag» den Pharma Blog «Endpoints News», der am Mittwoch berichtete, dass die in den USA angesiedelte Einheit aufgelöst und 120 der Spezialisten entlassen werden, unter ihnen ein guter Teil der Projektleitung.

Die «NZZ am Sonntag» führt die Entscheidung auf eine Teilung des Pharmabereichs in ein Segment «Pharma» und «Onkologie» zurück, die mit der Anstellung von neuen Forschungsleitern und Entwicklungschefs einherging. Ausserdem habe sich die verfolgte Technologie nicht in die gewünschte Richtung entwickelt.

Novartis selbst betonte in einer Stellungnahme gegenüber der Zeitung, «dass die Technologie im Rahmen der neu geschaffenen Onkologie-Einheit weiter verfolgt werde. Der Konzern plane für eine darauf basierende Therapie, die speziell Kindern mit Leukämie helfen kann, 2017 den Antrag auf Zulassung zu stellen.»

Die «NZZ am Sonntag» stellte es ausserdem als «quasi gesichert» dar, dass Novartis seine Beteiligung an Roche verkaufen wolle, derzeit ein Paket mit Inhaberaktien im Wert von 13 Milliarden Franken.

Weiterer Verkauf geplant?

Unsicher sei zudem, wie lange Novartis noch an dem Spezialisten für Geräte und Zubehör im Bereich der Augenoperationen Alcon festhalten wolle. Novartis-Chef Daniel Vasella hatte den Konzern 2010 für über 50 Milliarden Dollar gekauft. Alcon kämpfe seit zwei Jahren um den Anschluss an die Branchenspitze.

In ihrer Analyse hält die «NZZ am Sonntag» es auch für möglich, dass Novartis wieder eine grosse Übernahme ins Auge gefasst habe und dafür Gelder zur Verfügung haben müsse. Hintergrund seien die rückläufigen Erträge im Pharmabereich, wo der Patentschutz eines wichtigen Medikaments gefallen sei und ein weiterer bereits 2019 ablaufen werde.

Aktuelle Nachrichten