Basel
Andreas Sturm will Präsident der Basler Kantonalbank werden - für Politiker eine Provokation

Wenn Andreas Sturm Anfang Jahr vom Grossen Rat zum Bankratspräsidenten gewählt wird, steht der BKB ein radikaler Umbau bevor. Erste Müsterchen hat er schon abgeliefert.

Christian Mensch
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Mit Andreas Sturm würde die BKB zur ersten Ethos-Kantonalbank. Martin Töngi

Mit Andreas Sturm würde die BKB zur ersten Ethos-Kantonalbank. Martin Töngi

Martin Töngi

Andreas Sturm ist eigentlich unwählbar. Zumindest für den Grossen Rat, der ihn am 8. Januar zum Verwaltungsratspräsidenten der Basler Kantonalbank wählen soll.

Denn Sturm ist die Antithese zu allen bisher gewählten Präsidenten der Basler Kantonalbank (BKB): ungebunden, unverfilzt, unberechenbar und vor allem: unbekannt.

Und dies, obwohl er seit Februar als Grossrat einer der ihren war. Sturms Wahl wäre aber nicht nur ein Traditionsbruch, sie wäre auch das Eingeständnis der Parteien, bei der BKB mit ihrer Pfründenbewirtschaftung in der Sackgasse gelandet zu sein.

Sturm, geboren vor fünfzig Jahren, aufgewachsen und wohnhaft in Riehen, tickt anders.

Sein Gymilehrer und spätere Regierungsrat Stefan Cornaz (FDP) wollte ihn bereits für die Politik gewinnen. Doch alleine die Vorstellung, sich in eine Parteistruktur einzufügen, schreckte ihn.

Erst Jahrzehnte später, bei den neugegründeten Grünliberalen, glaubte er, eine politische Heimat finden zu können.

Er engagierte sich, wurde 2009 von der Partei als finanzkundiger Betriebswirtschafter in den Bankrat portiert, kandidierte 2012 pflichtbewusst für den Grossen Rat und wurde gewählt.

Doch heimisch ist er nicht geworden, weder im Grossen Rat noch in der Partei. Auf beides zu verzichten, um nun Bankratspräsident zu werden, fiel ihm nicht schwer.

Ein Opportunist ist Sturm nicht, dafür fehlt ihm die Begabung. Er ist Überzeugungstäter. Die Floskeln von «sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit» oder von «ethisch wirtschaftlichem Handeln» finden sich kaum in seiner Rhetorik, dafür umso radikaler in seinem Lebensweg.

Bereits seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit der Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie.

Auf Vermittlung seiner Doktorvaters Wilhelm Hill baute er am Asian Institute of Technology, eine Stunde nördlich von Bangkok, einen Studiengang Umweltmanagement auf.

Studierende aus 35 Nationen fanden sich auf dem Campus. Sturm war unterwegs, für die UNO, für die Deza.

Traditionelle Entwicklungshilfe interessiert ihn nicht. Er suche den Business Approach, sagt er. Zum Beispiel im Südsudan.

Da baut Sturm mit seinem Weggefährten Constantin Bartel eine Wasseraufbereitungsanlage. Ohne Strom- anschluss soll die Anlage solar betrieben werden.

Ein Geschäft, auch für die Einwohner: Heute koste ein halber Liter Trinkwasser drei Dollar, mit der Anlage sollte der wiederverwendbare 20-Liter-Kanister 50 Cent kosten. Vielleicht wird aber auch nichts aus der Wasserfabrik für 120 000 Franken; es herrscht Krieg im Südsudan.

Doch mit Afrika zu geschäften, heisse geduldige Aufbauarbeit zu leisten. Das Geschäft nicht abzubrechen, wenn es nicht laufe, sondern hinzufahren, um es zu richten.

Seit 2006 ist Sturm Präsident der Fair-Trade-Organisation Claro. Zweimal stand diese vor der Pleite, kürzlich hat sie das Fair-Trade- Business der Caritas übernommen.

Sturm sagt, er sei Unternehmer. Doch seine Firma ist virtuell, projektbezogen von Fall zu Fall neu zusammengestellt. Er ist ein vernetzter Alleingänger, ein Unternehmer 2.0. Das Geschäft kann in Übersee spielen oder vor der Haustür.

Über einige Jahre bildete die Basler Ellipson AG den Drehpunkt seiner Arbeit.

Auf dieser Plattform unabhängiger Berater traf er den ähnlich funktionierenden Ex-Swisscom-Manager, Profiverwaltungsrat und bis Ende Jahr Universitätsrat Dominik Koechlin.

Oder Kaspar Müller, den Präsidenten von Ethos, der Stiftung für die nachhaltige Entwicklung von Kapitalanlagen. Auch Müller ist einer von Sturms Mentoren. Er sei der geradlinigste Mensch, den er kenne, sagt Sturm von Müller.

Die Stiftung Ethos ist mit ihrer rigiden Haltung für börsenkotierte Firmen ein rotes Tuch. Örtlich haben sich Müller und Sturm deshalb getrennt, gedanklich sind sie sich nahe geblieben.

Bereits die beiden ersten Entscheide, die Sturm als Bankratspräsident ad interim forciert hat, tragen die strenge Handschrift von Ethos: Er legte nicht nur per sofort seine politischen Mandate nieder und geschäftlichen Mandate offen, er lüftete per Bankratsbeschluss den Schleier aller Bankräte, die mit der BKB geschäften. Gewichtiger noch: Auf seinen Antrag hin bildete die BKB diese Woche Rückstellungen von 100 Millionen Franken im Hinblick auf eine wahrscheinliche Busse aufgrund ihres US-Geschäfts.

Die Begründung könnte von Ethos sein: Weder der sanfte Druck der Finanzmarktaufsicht noch juristisches Taktieren mit den US-Behörden hätten zu diesem Schritt gedrängt.

Sturm sagt: Die Rechnungslegungsvorschriften schreiben Rückstellungen vor, wenn ein Risiko mit grosser Wahrscheinlichkeit eintritt und zudem das Ausmass einigermassen abgeschätzt werden kann.

Dann müsse eben konsequent gehandelt werden. Der Bankrat, unter Albrechts Leitung mit wenig Gehör für Sturms Transparenz-Vorschläge, hat diese Kehrtwende abgesegnet.

Ob sie gut oder schlecht für das Image ist, kurzfristig den Börsenkurs nach oben oder unten beeinflusst, interessiert ihn nicht. Es geht ihm um die Reputation – nicht nur derjenigen der Bank, sondern auch der eigenen.

Sturm verspricht so zu handeln, wie Politiker von links bis weit ins bürgerliche Lager proklamieren, wie in Finanzinstituten gehandelt werden sollte.

Solange keine Gefahr besteht, dass den Worten Taten folgen, ist dies ein ungefährliches Begehren. Mit der Wahl von Sturm zum Bankratspräsidenten würde sich dies ändern. Das macht ihn für den Grossen Rat eigentlich unwählbar.

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