Analyse zu Basler Kulturbauten
Kaserne und Kunsthaus Baselland: Es liegen Welten dazwischen

Der neue Kasernen-Hauptbau ist eines nicht: Ein Leuchtturm. Er ist unbeabsichtigt zum Spiegelbild der Stadt geworden. Das geplante Kunsthaus Baselland hingegen wird eine «Landmark» mit grosser Geste werden.

Patrick Marcolli
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Mäuslein, duck Dich! Der etwas gar mickrig geratene Eingang zur Kaserne auf der Seite des Rheins.

Mäuslein, duck Dich! Der etwas gar mickrig geratene Eingang zur Kaserne auf der Seite des Rheins.

Bild: Kenneth Nars

Dass man sich nicht noch bücken muss, grenzt an ein Wunder. Der rheinseitige Eingang des neu renovierten Kasernen-Kopfgebäudes am Rhein («K-Haus» genannt) hätte mickriger nicht ausfallen können. Sieht so der Leuchtturm aus, den sich das Präsidialdepartement unter dem ersten Amtsinhaber Guy Morin vor Jahren gewünscht hat?

Haben sich die Besucherinnen und Besucher erst einmal durch das Nadelöhr gezwängt, geht es immerhin recht grosszügig weiter. Ein Blick zur Decke mit den eigens entworfenen Leuchtern, ein Blick zur Balustrade, die sich auf dem Niveau des Kasernenhofs befindet – und man ahnt ein Momentchen lang, warum eine Fachjury vor fast zehn Jahren recht angetan war vom Entwurf der Architekten Focketyn del Rio.

Über die «etwas gar inflationär verwendeten runden Ecken», wie es im dama­ligen Bericht süffisant hiess, kann man in der Realität nur mit viel gutem Willen hinwegsehen, über die eigenartige braune Farbe gar nicht.

Gespart wird nicht, geklotzt wird aber auch nicht

Architektur und Gestaltungsfragen sollte aber unseren Blick nicht verstellen für das, was hier im allzu engen denkmalpflegerischen Korsett für über 40 Millionen Franken entstanden ist. Es ist die Quintessenz des auf Kompromissen basierenden Fortschrittsglaubens baslerischer Prägung. Der Schein der Tradition wird gewahrt, indem die alte Hülle bleiben darf.

Das Neue entfaltet sich im Innern, aber es hält sich – mit Ausnahme des erwähnten Durchgangsbereichs – streng an die Struktur des Altbaus. Gespart wird nicht, selbst die Elektrokabel, die über Putz geführt werden, erhalten ein Mäntelchen aus Metall. Aber geklotzt wird eben auch nicht, der Bau steht nicht in Zürich.

Die künftigen Nutzerinnen und Nutzer gehören dem gesellschaftlichen und kulturellen Spektrum an, das man am Ort des Triumphs der Multikultur über den Militarismus erwarten darf: Eine Moschee hat sich eingemietet, die Kulturorganisation der Kaserne, der Feministische Salon, Terre des Hommes oder das Polyfon Musikfestival.

Ein Blick ins Innere des K-Haus'.

Ein Blick ins Innere des K-Haus'.

Kenneth Nars

Daneben übt sich die Betreiber­gesellschaft in viel «sharing economy» und «co-working» mit fixen und flexiblen Arbeitsplätzen, ebenso flexibel ausgestaltbaren Räumen, die für Veranstaltungen gemietet werden können, sowie einer Gastronomie mit bewährten Kräften. (Dass auch kurz vor der Eröffnung kein Betreiber für das Restaurant gefunden werden konnte, ist ein Skandal mittlerer Grösse, den allein die Behörden zu verantworten haben).

Kurzum: Baslerischer könnte die neue Kaserne in Erscheinung und Inhalt nicht sein. Sie ist ein Mikrokosmos für die rot-grün-liberal-progressiv-konservative Idealvorstellung der Stadt zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Hier Tradition, dort Fortschritt, Beständigkeit und Innovation, Freizeit und Arbeit, Öffentlichkeit und Privatheit, Bescheidenheit und Luxus. Von allem weder zu wenig noch zu viel.

Die Frage, ob es sich bei der neuen Kaserne um ein Leuchtturm-Projekt für die Stadt handelt, kann also klar mit Nein beantwortet werden. Das «K-Haus» ist «Bâle en miniature». Nicht weniger, nicht mehr.

Die radikalsten und kompromisslosesten Architekten

Dass es auch anders gehen kann, zeigte sich in der zu Ende gehenden Woche auch ein paar Kilometer weiter gen Süden. Das Kunsthaus Baselland lud zu einer Feier auf dem Dreispitz. Eine Lagerhalle an der Helsinki-Strasse wird in den kommenden gut zwei Jahren ins neue Kunsthaus verwandelt.

Sichtbar, mit grossem Gestus: Das geplante Kunsthaus Baselland im Modell.

Sichtbar, mit grossem Gestus: Das geplante Kunsthaus Baselland im Modell.

Bild: Kenneth Nars

Die Leidensgeschichte des Projekts ist lang, aber nun scheint man auf gutem Weg. Auch mithilfe von viel altem Stadtbasler Geld. Mit Buchner Bründler erhielten die wohl radikalsten und kompromiss­losesten Architekten ihrer Generation den Zuschlag für den Hybridbau aus Alt und Neu. Geschwungene Formen und dunkelbraune Farben wird man vergebens suchen, stattdessen werden drei schlanke Türme den Bau von weitem sichtbar machen.

Klar, die Übungsanlage auf dem Dreispitz ist in mehr­facher Hinsicht eine andere (und weniger komplexe) als jene am Rheinufer. Und vielleicht passt das neue Kunsthaus mit seinem Gestus nicht wirklich zu seinem Standortkanton, dem Baselbiet. Aber jedenfalls kann die Stadt dankbar sein, quasi einen Meter hinter dem Grenzstein ein solches Leuchtturmprojekt zu haben.

1 Kommentar
Markus Wenger

Hervorragende Konklusion! Einzig der armselige Umstand, betreffend der fehlenden Gastronomie -diese spielt finanziell und Gebäudegeografische eine zentrale Rolle- verdient es nicht, in Klammern gesetzt zu sein. 

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